Am Sonntag ist Nationalratswahl. Gut möglich, dass es einige Überraschungen gibt. Denn das die Wochen der Falschrede keine exzentrischen Reaktionen des Publikums nach sich ziehen, ist kaum vorstellbar. Als Einstimmung hier unter der Rubrik "Fremde Federn" ein Kommentar von Isolde Charim aus dem aktuellen Falter.
In der politischen Akademie der ÖVP scheinen sie die Zeit mit dem Lesen von Misik-Texten zu verbringen. Muss kein Schaden sein, gibt es in der Partei doch gewiss Leute, die ihr Leben mit nutzloseren Dingen verbringen. Nachdem schon VP-Akademie-Direktor Burkert-Dottolo in der "Wiener Zeitung" seinen Lesern berichten musste, dass es da einen "in linken Kreisen sich einer gewissen Beliebtheit erfreuenden Robert Misik" gibt, erklärte sein Kollege Moser im "Datum", meine "formal meist brillanten Kommentare" seien Beweise für die linke Wertevergessenheit. Freut mich natürlich, dass die sich vor mir zuerst einmal in den Staub werfen, bevor sie mich kritisieren. Damit sie ihre Kritik noch mit einer Prise intellektueller Ernsthaftigkeit würzen können, hänge ich hier ein Stück über "Linke Werte" ran, das im Frühjahr in der "taz" erschien.
Am Donnerstag, 28. September um 19 Uhr habe ich die Berliner Theoretikerin Katja Diefenbach zu Gast in meiner Reihe "Genial dagegen" im Kreisky-Forum (Wien 19, Armbrustergasse) Für den Falter habe ich mich schon vorab mit ihr über den aufgeklärten Zynismus, politisches Engagement und das „erfolgreiche Scheitern“ von linker Kultur und Subkultur unterhalten
Osama bin Laden sei im August an Typhus gestorben, berichtet eine französische Zeitung unter Berufung auf Geheimdienstgquellen. Wenn's stimmt, wird uns das noch länger beschäftigen. Für's erste aus diesem Anlass eine "kurze Kulturgeshichte der al Kaida", wie sie 2004 im Falter erschien: Wie der Djihadismus zu einer Terrorreligion wurde, die vom Triumph des Todes über das Leben träumt.
fragte mich das Wiener Magazin "Datum". Klar, wird schon gehen, sagte ich. Das ist das Ergebnis.
Der "Focus" berichtet, Papst Benedikt XVI. habe die umstrittenen Passagen seiner Regensburger Rede bewußt im Manuskript belassen, obwohl er aufgefordert wurde, sie zu streichen. Später behauptete der Papst, obzwar eigentlich unfehlbar, er habe sich nur missverständlich ausgedrückt. Dabei hat er glasklar gesagt, dass die Christen die einzigen Vernünftigen und die Moslems vernunftlos Gläubige seien. Mehr provozieren geht kaum.
Ein Essay aus dem aktuellen profil, September 2006
Katholische Beichte, kommunistische Selbstkritik, psychoanalytische Selbstthematisierung: Sprechen hat sich als die Art durchgesetzt, mit Verfehlungen umzugehen. Und Verschweigen ist schlimmer als jede Untat. Anmerkungen zur Häutung des Grass an Hand einer neuen kulturhistorischen Studie.
Das Eigentümliche an der gegenwärtigen Grass-Debatte ist der Umstand, dass es weniger um Schuld geht sondern um die richtige Art des Redens über die Schuld, von der nicht einmal klar ist, worin sie besteht. Niemand will Grass seine Waffen-SS-Wochen vor 62 Jahren vorwerfen, doch unisono wird ihm vorgehalten, wie er darüber spricht und dass er zu spät darüber spricht. Das ist nicht unbizarr, wird doch in den Reaktionen unwidersprochen vorausgesetzt, dass falsches Sprechen über das eigene Leben eine ebenso verwerfliche Tat ist wie falsches Tun – wenn nicht gar eine noch verwerflichere.
Eben bin ich nach zwei Monaten Landaufenthalt wieder in die Stadt zurückgekehrt. Acht Wochen habe ich in meinem Landhaus im Waldviertel, einem recht idyllischen Landstrich nördlich von Wien, verbracht. Ich habe das alte Bauernhaus vor ein paar Jahren in verfallenem Zustand gekauft und renoviert. Neuerdings habe ich mir auch einen Gemüsegarten gebaut, mit Lattenzaun ringsum, und den ersten Ruccola, Erd- und Himbeeren gepflanzt. Ich verbringe soviel Zeit da drin, dass mein kleiner Sohn das Gärtlein schon "Papa-Käfig" nennt. Keine Sorge: Ich bin nicht total verrückt geworden, und ich denke auch nicht, dass ich in all dem Grün endgültig verblöde. Im Gegenteil: Ich mache mir darin so meine Gedanken über die kulturelle Konstruktion "Natur". Ich bin dabei nur, gewissermaßen, so nahe wie möglich an meinem Gegenstand.
Wir erleben einen Aufschwung der Glücksforschung. Das hat natürlich mit Fortschritten der neurologischen Wissenschaften zu tun - dem Umstand etwa, dass man Glücksempfinden heutzutage exakt messen kann. Aber nicht nur. Die eigentliche Ursache ist der Niedergang der Großutopien, der wiederum eine seltsame Bewegung auslöste. Die Großutopien versprachen Emanzipation und mussten sich um lächerliche persönliche Emotionen wie das Glücksgefühl nicht scheren.
„Ich schlief gerne mit April“, berichtet Jolo, der Protagonist aus Joachim Lottmanns Pop-Roman „Die Jugend von heute“ über die sexuelle Routine mit seiner Freundin, „auch wenn jede Bewegung, jede Geste, jede Sekunde von der Werbung und von den Medien vereinnahmt war und somit nicht mehr mir gehörte. Ich lieh diese Stunden von der Werbung, und sie gefielen mir trotzdem.“ Eine schöne Sentenz, in der anklingt, wie unsere Gefühlswelt von der Kommerzwelt überwuchert wird. Die Theoretikerin Eva Illouz formulierte nämlichen Sachverhalt einmal so: „Viele Menschen würden sich niemals verlieben, wenn sie nicht so viel davon gehört hätten.“
Wie wir unsere Gegenwart beurteilen, hängt davon ab, welche vorbewußten Ideen wir von der Zukunft haben.
Das Buch der einstigen Berliner Kultursenatorin und Hauptstadtkultur-Kuratorin Adrienne Goehler über die „Kulturgesellschaft“ („Verflüssigungen“, Campus Verlag), taz-Lesern ob eines ausführlichen Vorabdruckes an dieser Stelle vielleicht vertraut, ist in verschiedener Hinsicht bemerkenswert. Ich will darum nur auf ein regelrecht frappierend-symptomatisches Moment hinweisen. Goehlers Kernbotschaft lautet ja, erfolgreiche Gesellschaften – und das heißt heute: ökonomisch erfolgreiche Gesellschaften – müssen den Künsten einen höheren Stellenwert einräumen. Aus verschiedenen Gründen: Die Künstler sind die Avantgarde. Sie arbeiten immer schon auf eigene Rechnung, waren immer schon Unternehmer ihrer selbst. Von ihnen kann man auch lernen, die Prekarität auszuhalten. Die kreative Klasse im weitesten Sinn hat längst auch wirtschaftlich ein bedeutendes Gewicht.
Da tut sich die Kulturtheorie mit ihrem Lob der Differenz schwer.
Nichts ist in den vergangenen fünfzehn, zwanzig Jahren mehr aus der Mode gekommen als die Gleichheit.
Mein größerer Sohn ist jetzt in dem Alter, in dem man Erfinder werden will, aber neuerdings schwer frustriert, weil überzeugt: Alles, was er erfinden könnte, ist schon erfunden. Der Einwand, dass er von den Dingen, die schon erfunden sind, weiß, wohingegen er von jenen, die noch nicht erfunden sind, nichts wissen kann, vermag seine schlechte Laune nicht wirklich zu heben.
Es gibt einen anti-französischen Affekt. In Amerika ist er sehr verbreitet. Dort dachten sich die Wahlhelfer von George W. Bush beispielsweise, sie würden dem rivalisierenden Kandidaten am ehesten schaden, wenn sie in Umlauf brächten, John F. Kerry "sieht französisch aus". Aber diese Aversion gegen das Französische zieht viel weitere Kreise. Nach vier Jahrzehnten Strukturalismus, Poststrukturalismus, Postmodernismus geht manchen schon die Galle hoch, wenn das Wort "Theorie" fällt und dann dauert es meist nicht lange, bis ein herablassendes Wort über "die Franzosen" folgt.
Wenn man mittendrinsteckt, erscheint es einem ja fast wie selbstverständlich, im Grunde ist es aber höchst erstaunlich, dass in den vergangenen Jahren Theoriecommunities und Protestmilieus wieder eng zusammengewachsen sind.
Lebende Mythen. Ein Denkmal feiert Geburtstag: Fidel Castro, linker Macho in Olivgrün, wird achtzig. Aber wer ist der „Comandante en Jefe“: Ein romantischer Held? Oder eher altersstarrsinniger Tyrann? Falter, Juli 2006
„So oft, wie man mich schon totgesagt hat, wird es wahrscheinlich niemand glauben, wenn es dann soweit ist“, sagte Fidel Castro vor kurzem. Demnächst, am 13. August wird der „Comandane en Jefe“ Achtzig und, soviel ist sicher – er lebt noch. Es wird die große Party eines großen Mythos – des Mysteriums Castro.
Ian Buruma, global operierender Star-Essayist, über den Hass auf den Westen, den revolutionären Radikalismus der amerikanischen Neokonservativen und den neuen Antisemitismusstreit.
Herr Buruma, eben haben Sie ihr Buch "Occidentalism", gemeinsam mit dem israelischen Philosophen Avishai Margalit herausgebracht. Darin fügen Sie den Islamismus in ein allgemeines Panorama des Hasses auf den Westen. Was sind die Gemeinsamkeiten des Okzidentalismus?
Buruma: Es gibt einen bestimmten Blick auf den Westen, der heute besonders vom islamistischen Radikalismus vertreten wird. Aber, so unsere Argumentation, das ist nichts speziell Islamisches. Dieser Blick hat eine Geschichte. Diese Auffassung hat europäische Wurzeln. Feindschaft gegen die Aufklärung, faschistische Ideen, die Auffassung, der Westen sei dekadent, feige, materialistisch.
Falter: Der Hass auf die Stadt, gegen die urbane Metropole ist ein Leitmotiv eines solchen Radikalismus.
Buruma: Die Idee der Stadt, die der Okzidentalismus hasst, ist die Idee von der Stadt als Ort individueller Freiheit, in der sich Menschen verschiedener Rassen und Länder mischen, Handelszentren, wo verschiedene Ideen sich sammeln. Was es in allen Spielarten des Okzidentalismus gibt, ist eine Idealisierung der Bauernschaft, einer Reinheit, der Verwurzellung in der Scholle - in Opposition zum Kosmopolitismus der Stadt.
Richard Rorty über die bestürzende Neurorientierung der Bush-Regierung, die Unfähigkeit des demokratischen Establisments und die Hoffnung, dass George W. Bush 2004 abgewählt wird.
Herr Rorty, dem Krieg, in dem wir stehen, fehlt das Mandat durch den UN-Weltsicherheitsrat. War es ein Fehler von Frankreich, Deutschland und Russland, dass sie die Militäraktion nicht doch in letzter Minute autorisert haben?
Rorty: Nein, das war kein Fehler. Diese Länder haben ihre Entscheidung getroffen, sie hatten politische Gründe, vielleicht waren sie auch von ökonomischen Gründen beeinflußt aber am Ende ist unbestreitbar: die grundsätzlichen Argumente gegen das Konzept eines Präventionskrieges sind so stark, dass es sich eigentlich ausgeschlossen hat, doch noch mit den USA zu marschieren.
Francis Fukuyama, Vordenker der US-Konservativen, liest seinen Gesinnungfreunden die Leviten: Die Bush-Regierung und die Neokonservativen haben sich im Irak grandios verkalkuliert und Amerika schwer geschadet.
Herr Fukuyama, 1989 verkündeten Sie in einem großen Essay das "Ende der Geschichte" und wurden damit schlagartig weltberühmt. Seither werden Sie praktisch identifiziert mit dieser Idee. Ist das eigentlich mehr ein Vorteil oder mehr ein Nachteil?
Fukuyama: Naja, es hat ein paar negative Konsequenzen, unter anderem, dass ich immer wieder danach gefragt werde...
... so wie jetzt, beispielsweise...
Fukuyama: ...andererseits, wäre ich damit nicht berühmt geworden, würde nicht so wahrgenommen, worüber ich mir sonst so Gedanken mache.
Guillaume Paoli, Gründer der „Glücklichen Arbeitslosen“, über das Gequatsche von „Kreativität“, „Motivation“ und „Selbstverwirklichung“ und die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die in Wirklichkeit ein Kampf gegen die Arbeitslosen ist.
Falter: Herr Paoli, sind Sie motiviert für dieses Gespräch?
Paoli: Voll motiviert!
Motivation nimmt ja „eine zentrale Stelle im kapitalistischen Prozess ein“, schreiben Sie. Was ist so wichtig an Motivation?
Paoli: Das kapitalistische System herrscht nicht durch Zwang, sondern durch Verführung, Überredung, Motivation.
Der Menschenrechtstheoretiker Michael Ignatieff erklärt, warum er den Irakkrieg immer noch für richtig hält und plädiert für glasklare Kriterien, um in einer komplizierten Welt zwischen "größeren und kleineren Übeln" wählen zu können.
Reich ist in unserer Gesellschaft, wer reich an Beachtung ist, formuliert der Wiener Architekturtheoretiker Georg Franck. In seinem neuesten Buch "Mentaler Kapitalismus" beschreibt er, wie das funktioniert
Wir leben, schreiben Sie, im "mentalen Kapitalismus". Was ist denn das Neue daran?
Franck: Die Ökonomie des Acht-Gebens und des Beachtung-Einehmens ist eine ausgebildete Ökonomie im Sinn einer erweiterten Marktwirtschaft. Zunächst: Die Kapazität bewußten Erlebens wird knapp angesichts des Angebotes. Zweitens wird die Produktivität im wissenschaftlichen, publizistischen, künstlerischen Bereich eher dadurch gemessen, dass man Beachtung einnimmt, und nicht so sehr dadurch, dass man Geld einnimmt. In der Wissenschaft ist die Währung das Zitat. Wissenschaftler arbeiten für die Beachtung anderer Wissenschaftler. Der Reichtum an Beachtung, schließlich, kann auch kapitalisiert werden, er verzinst sich - man verdient Beachtung dafür, dass man ein Großverdiener an Beachtung ist. Da sind wir dann sehr nahe dem, was Bourdieu soziales und kulturelles Kapital nennt, auch an dem Reichtum an Beziehungen.
Nach drei Jahrzehnten Massenarbeitslosigkeit sollten wir den Glauben an die Lohnarbeitsgesellschaft aufgeben, meint der Berliner Kulturphilosoph Wolfgang Engler. Die Gleichung "Arbeit = Leben" geht nicht mehr auf.
Heute schon gearbeitet?
Engler: Noch nicht...
Es ist knapp vor Mittag!
Engler: Ich kann ganz gut auch nichts tun.
José Bové über seinen Kampf gegen das industrielle Agrarmodell, den Spaß beim Mc-Donalds-Zertrümmern und die zweifelhafte Ehre, als linker Antisemit zu gelten.
Sie kämpfen gegen Agrarmultis, gegen Gentechnik und Handel mit Lebensmitteln - soviel "Antiglobalisierung" macht selbst viele Linke skeptisch. Bekämpfen Sie den Fortschritt?
Vor wenigen Tagen wurde in einem UN-Bericht festgestellt, dass wir, wenn die Dinge so weitergehen, in zehn, zwanzig Jahren ein großes Problem haben werden, die Menschen zu ernähren - besonders in den südlichen Ländern. Die Technisierung der Landwirtschaft hat keine Zukunft. Erstmals in der Geschichte der Menschheit führt "Fortschritt" nicht zu "Fortschritt", sondern zu einer Verschlechterung.
Benjamin Barber, Politikprofessor und Bestseller-Autor, über das Erwachen der Demokraten, die düsteren Aussichten im Irak und das fundamentale Ressentiment gegen westlichen Kommerz und Amerikanisierung.
Sie haben vor den Risiken eines unilateralen Abenteuertums im Irak gewarnt. Heute erweist sich Tag für Tag, wie richtig solche Warnungen waren. Haben Sie damit gerechnet, dass ihnen die Realität so schnell und so blutig recht geben wird?
Barber: Meine Prämisse war, dass Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, sein Vize Paul Wolfowitz, Vizepräsident Richard Cheney und Präsident George W. Bush eben nicht das Lager der "Realisten" repräsentieren. Die Realisten werden in der Regel von der Realität bestätigt. Früher einmal waren die Krieger die Realisten. Aber heute kann keine Nation ihr Schicksal definieren ohne die Kooperation mit anderen, in einer Epoche der Interdependenz sind die Unilateralisten die Idealisten und die Multilateralisten die Realisten.
Das Buch:
Benjamin Barber: Imperium der Angst. Die USA und die Neuordnung der Welt. München, Beck-Verlag, 2003. 276 Seiten.
Euros
Veloce: 89190.
oder: Was ist eine Krise? Und warum begrüßen wir sie? Rede bei den Berliner Brechttagen zum 50. Todestag des Dichters und Dramatikers.
Ich habe mich, so muss ich gestehen, etwas geschreckt, als ich der Einladung entnommen habe, ich möge, noch dazu im Kontext dieser Brecht-Tage, Gedanken über die „Intellektuellen und die Utopie“ anstellen. Denn schließlich ist das Ausgangsthema, das uns über fünf Tage beschäftigt, die Kollaboration von Brecht und Benjamin, also die Zusammenarbeit von zwei, wenngleich recht eigenartigen, Marxisten. Und innerhalb des Weichbildes des Marxismus soll die Utopisik ja keinen Platz haben, ja, sie ist im Kreise der Marxisten geradezu verpönt.
Spießigkeit, gibt’s die eigentlich noch? Oder ist sie bloß ein Lifestyle unter vielen? Gar die ultimative Art, schräg zu sein? Eine Erkundung. taz und Standard, Februar 2006
Vor einigen Jahren wohnte unter mir ein bekanntes männliches österreichisches Fotomodell – um genau zu sein, das bekannte männliche österreichische Fotomodell. Tagsüber ein umgänglicher Mensch, wurde der Bursche nachts, wahrscheinlich unter Einwirkung raffinierter Substanzen, etwas eigenartig. Er hörte dann stundenlang dröhnend laut Musik. Nach drei durchwachten Nächten und nachdem ich mir die Hand an seiner Tür tatsächlich blutig trommelte (er konnte mich natürlich nicht hören), tat ich etwas, wovon ich nie gedacht hätte, dass ich es tun würde: Ich rief die Polizei. Ich hatte keine andere Wahl: Mein damals dreijähriger Sohn brüllte schon, weil er schlafen wollte, und nicht konnte.
Nach den Karikaturenstreit: Wenn identitäre Konflikte nur lange genug beschworen werden, dann gibt es sie irgendwann auch. Anatomie einer Kriegspsychose Falter & Frankfurter Rundschau, Februar 2006
Es riecht nach Krieg. Zumindest bekommt man langsam eine Ahnung davon, wie das in früheren Zeiten einmal gewesen sein muss; wie eines das andere ergab. Sich plötzlich gegenüberstanden: Wir gegen sie.
Im Kaffeehaus ist er eine Berühmtheit und das reicht ihm schon: Franz Schuh, Kritiker, Chronist, Type aus Wien, hat mit „Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“ sein Hauptwerk vorgelegt, das aus lauter Nebensachen besteht. taz, März 2006
Es gibt in Österreichs Hauptstadt den Typus des Großdenkers, über den man sagt, er sei „in Wien weltberühmt“. Das ist, wie das meiste in Wien, nicht freundlich gemeint. Gemünzt ist die bissige Formel auf Schein-Titanen, die daheim mit Genie-Geste renommieren, es anderswo aber, also in der Welt, zu nichts bringen. Des weiteren gibt es die, die tatsächlich weltberühmt sind, was meint, dass man sie zumindest in Deutschland kennt. Und dann gibt es Franz Schuh.
Hunderttausende auf der Straße, Krawalle in Paris Generalstreiksdrohung der Gewerkschaften: Frankreich erlebt den ersten Aufstand gegen die Prekarität. Was ist das Eigentümliche an der „neuen Unsicherheit“, die sich vom Zentrum in die Mitte der Gesellschaft frißt? Falter, März 2006
Affekte im Büro, Partnersuche im Internet, Liebeskonsum: Die israelische Soziologin Eva Illouz erforscht die Gefühlswelt des Kapitalismus.
Klaus M. Leisinger, Chemiemanager und UN-Sonderberater, meint, dass Menschenrechtsfragen längst Teil der Produktqualität sind und unmoralische Firmen am Markt unnötige Risiken eingehen.
Kennen Sie von Bertolt Brecht „Der gute Mensch von Sezuan“?
Leisinger: Vor allem die letzten beiden Zeilen.
Wie lauten die schnell noch mal?
Leisinger: „Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss / Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss“
Ein berühmter Satz. Wie der, den die drei Götter sprechen, als sie realisieren, dass die kapitalistische Welt für gütige Menschen unbewohnbar ist: „Gute Vorsätze bringen sie an den Rand des Abgrunds, gute Taten stürzen sie hinab.“ Was sagt denn der Wirtschaftsethiker dazu?
Ist der Bawagskandal nur ein Kriminalfall? Nein. Sind die Gewerkschaften in einer Krise? Klar. Sind sie unnütz? Ganz sicher nicht. April, 2006
Joakim Palme, schwedischer Sozialpolitik-Experte und Sohn des legendären Premiers Olaf Palme, über das „skandinavische Wohlfahrtsstaatsmodell“, das Gleichheit, soziale Sicherheit und eine konkurrenzfähige Marktwirtschaft kombiniert.
Neuerdings wird in Kontinentaleuropa lagerübergreifend vom „skandinavischen Modell“ geschwärmt. Was ist der Grund für den Erfolg des skandinavischen Wohlfahrtsmodelles?
Palme: Dass das skandinavische Modell zunehmend als Vorbild betrachtet wird, ist schon logisch – schließlich zeigen einfach die Fakten, simple ökonomische Indikatoren, dass sie erfolgreich sind. Die Wachstumsraten in Skandinavien waren in den vergangenen zehn Jahren deutlich höher als im Rest Europas. Sie beweisen, dass man Volkswirtschaften mit hohen Steuern, viel Effizienz, Wachstum und profitablen Unternehmen betreiben kann.
Die Journalistin Corinna Milborn beschreibt in einer eindrucksvollen Großreportage das Abschottungsregime Europas gegen Flüchtlinge aus aller Welt.
Badeurlaub am Mittelmeer kann heutzutage mit einem gewissen Unbill verbunden sein: Gut möglich, dass morgens am Strand die angeschwemmte Leiche eines Schwarzen herumliegt. Bisweilen treiben auch Schlauchboote vorbei, in denen Verdurstete liegen. Oder es kommt ein überladener rostiger Kutter daher, der seine halbverhungerte menschliche Fracht glatt an der Küste absetzen würde, würde ihn die italienische Marine nicht wieder auf’s offene Meer treiben.
Jean Ziegler, Moralist, Ex-Nationalrat, Bestsellerautor und UN-Sonderberichterstatter über den Kampf gegen den Hunger. Er plädiert für einen „Aufstand des Gewissens“.
Sie sind nach Jahrzehnten als Universitätsprofessor und Parlamentsabgeordneter nun UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Ist das auch eine Rückkehr zu ihren Wurzeln?
Ziegler: Mein Schlüsselerlebnis war im Kongo, da war ich ein ganz junger Mann. Ich arbeitete damals – Mitte der sechziger Jahre – für die UNO. Das war ja das erste Mal, dass die Weltorganisation ein Land übernommen hat. Wir saßen in unserem Luxushotel in Kinshasa, das war bewacht von den Gurkhas, den nepalesischen Blauhelmen. Täglich kamen Kolonnen halbverhungerter Kinder aus der Stadt. Die Köche warfen ihnen Speisereste über den Stacheldraht. Die Kinder kletterten in den Draht, rissen sich die Finger auf. Die Gurkhas schlugen ihnen auf den Kopf, damit sie nicht rüber kommen. Damals habe ich mir geschworen, nie wieder auf der Seite der Henker zu stehen – auch nicht zufällig.
William Kristol, Kopf der „Neokonservativen“ und intellektueller Vordenker der US-Außenpolitik, über den Export der Demokratie mit Waffengewalt, die Lehren des Irakkrieges, die Irankrise und seine Treue zu George W. Bush. profil, Mai 2006
profil: Wenn Sie ein „Neocon“ genannt werden – ist das für Sie eine Beleidigung oder eine Ehre?
Kristol: Oh, das ist ganz sicher ein Ehrentitel!
Später nannte man ihn Bruno, den Bären. Er ist eine Allegorie auf das Bedrohliche der Natur, das wir lieben, wenn es auf Distanz bleibt. Tröstlich ist: Wer vom Bären gefressen wird, hat zumindest noch etwas Einzigartiges erlebt. taz, Mai 2006
Friedensfreunde und Neocons, Antiimperialisten und Antideutsche, Menschenfreunde und Haudraufs – alle haben ihre klaren Haltungen zum Libanonkrieg und liefern sich Debattengefechte mit den anderen. Grund für Unbehagen an der Diskurskultur. Standard, Juli 2006
Er tobt, der Krieg. Weit unten in Nahost wird er mit Katjuschas und mit Kampfbombern ausgetragen, in unseren Breiten mittels Presseerklärung, Leitartikel oder in hitzigen Kneipentischstreitereien.
Wider die Mieselsucht, die sich durch viele Kommentare zur Wrabetz-Wahl zieht. Standard, 21. 8. 2006
Die Kommentierung der Wahl von Alexander Wrabetz zum neuen ORF-Generaldirektor ist auf einen eigentümlichen Grundton gestimmt, gerade auch in jenem (links-)liberalen Lager, in dem zuvor kein Zweifel daran bestand, dass die Lindner-Mück-Führung ein einzigartiges Fiasko ist.
Da geht schon wieder die Angst um, der ORF könnte „vom Regen in die Traufe“ geraten, da ist vom Geburtsfehler die Rede, davon, dass das Bündnis von Stiftungsräten, die die SPÖ, dem BZÖ, den Grünen, der FPÖ und der ÖVP angehören oder nahe stehen, ein übles Präjudiz darstelle – jetzt sieht man wieder, wird insinuiert, die linken Gutmenschen haben halt doch keine Berührungsängste mit den rechten Bösmenschen. Fast lustvoll wird spekuliert, der Sozi, der sich da eine Mehrheit zusammenbastelte und zum General avanciert ist, habe wahrscheinlich seine Seele verkauft. Man hat fast den Eindruck, da werden die Haare in der Suppe gesucht, damit man sich nur ja nicht freuen muss. Es wird eh alles bleiben, wie es ist, wird da auf, dem Nationalcharakter entsprechende austro-depressive Weise prophezeit, vielleicht sogar noch schlimmer, wenn jetzt der Westenthaler das Programm diktiert, nicht der Schüssel und der Molterer, wie unter Lindner-Zeiten.
Mir geht, muss ich gestehen, diese Kleinmütigkeit ein wenig auf die Nerven. Denn über die Wahl von Wrabetz zum ORF-Generaldirektor sind doch wohl zunächst vier Dinge zu sagen: Erstens: Toll! Zweitens: Toll! Drittens: Toll! Und dann vielleicht viertens: Mal sehen, was daraus wird. Aber bitte in dieser Reihenfolge.
Denn schließlich herrschte bisher die Auffassung vor, dass die ÖVP, mit ihrem Geschick, alle Machtzentralen schwarz einzufärben, walten könne, wie sie wolle. Dass sie ihre Leute an alle Stellen platzieren kann, völlig unabhängig von deren fachlicher Kompetenz. Dieser Auffassung hingen nicht nur die ÖVP-Strategen an, sondern eigentlich auch ihre Kritiker: schließlich weiß man ja, wie die Dinge in diesem Land laufen. Erstaunlicherweise hat sich diese Auffassung als falsch erwiesen.
Wenn die Kandidaten des vorherrschenden Machtblocks von aufreizender Inkompetenz sind, und dem ein kompetenter Aspirant gegenüber steht, dann ist es offenbar auch in diesem Land möglich, dass sich Mehrheiten verschieben und nach Qualifikation entschieden wird. Das ist doch wunderbar! Damit soll nicht blauäugig unterstellt werden, die BZÖ-Stiftungsräte hätten nur aus fachlichen Überlegungen entschieden – aber natürlich war es wohl auch nicht so, dass fachliche Überlegungen überhaupt keine Rolle gespielt hätten.
Schließlich wurde das Team Lindner ja nicht nur, was erstaunlich genug wäre, von einer rot-orange-grün-blauen Koalition abgewählt, dem sich am Ende sogar zwei ÖVP-Stiftungsräte (aus gewiss nicht ausschließlich altruistischen Motiven) anschlossen – sie hat ihre Mehrheit ja auch verloren, weil ihr mit Wolfgang Lorenz ein bürgerlicher ÖVP-Mann die Gefolgschaft aufkündigte und zwei liberalkonservative Stiftungsräte für diesen stimmten. Es gibt also auch Selbstreinigungskräfte im konservativen Milieu – und das ist vielleicht das Erfreulichste an der ganzen Chose.
Angesichts all dessen kann man natürlich sagen: Jetzt hat Wrabetz ganz schön viele Königsmacher in seinem Rucksack, deren Wünsche er erfüllen muss. Aber warum muss man eigentlich immer die Schlimmste aller Möglichkeiten annehmen? Warum soll eigentlich im ORF nicht funktionieren können, was grosso modo in jedem modernen seriösen Medienunternehmen funktioniert, ob öffentlich-rechtlich oder nicht: dass die beteiligten Journalisten, egal welcher Couleur, ihren Beruf frei und entsprechend journalistischer Standards ausüben; dass Journalisten aus ihrer Nähe zu einer politischen Gruppierung kein Nachteil erwächst, sie aber ihre berufliche Position auch nicht dazu benützen, ihrer politischen Gruppierung einen unlauteren Vorteil zu verschaffen. Das klappt bei ARD, ZDF, BBC und in Österreich bei Standard, profil, Kurier (Liste ganz unvollständig!) meist ganz okay – warum sollte das also beim ORF unmöglich sein? Es soll in normalen publizistischen Unternehmen sogar vorkommen, dass Journalisten den privilegierten Zugang zu der Partei, der sie weltanschaulich am nächsten stehen, nicht dazu nützen, diese zu protegieren, sondern dazu, an möglichst gute Storys ranzukommen. All das gibt es in der großen weiten Welt der freien Medien, glaubt mir das Leute!
Heißt es auf Wunder hoffen, wenn man davon träumt, dass im ORF auch gelingt, was an sich „normal“ ist? Vielleicht ist es ein Traum – aber unrealisierbar?
Warum also jetzt schon schlechte Stimmung verbreiten, was ja immer auch den Mutigen den Mut nimmt, statt zu sagen: dem Wrabetz ist zuzutrauen, dass er das schafft. Dass er eher einer breiten Koalition sein Amt verdankt, kann paradoxerweise sogar ein Vorteil sein – weil er damit unabhängiger ist, als jemand, der nur einem Block verpflichtet ist.
Jetzt also bitte nicht in Kleinmut verfallen, sondern groß denken. Es wäre nicht nur zum Wohle des gebührenzahlenden Publikums, sondern schließlich auch zum Wohle des Unternehmens, dem er bald vorsteht – das schließlich in Konkurrenz mit anderen Unternehmen steht. Es geht ja immerhin auch um Geld und um die Marktposition einer großen Firma, die nur reüssieren wird, wenn sie sich an den international Besten ihrer Branche orientiert. Vielleicht können auch die Stiftungsräte in diesem Unternehmen etwas mit diesem Argument anfangen, ja, vielleicht sogar mancher Strippenzieher in der BZÖ-Zentrale. Schließlich sind, wie wir gesehen haben, doch auch in diesem Land Dinge möglich, die man nicht für möglich gehalten hat. Und: Mieselsucht ist immer, und besonders in diesem Fall, ein schlechter Ratgeber.
Kapitalismuskritik. Das Unbehagen am "System" kommt in der Mitte an. Keiner kann mehr hören, dass es zu Kürzungen und Kündigungen keine Alternative gebe. Ein Sturm im Wasserglas? - Falter, Frühjahr 2005
Sie hoffe, sagte die Theaterregisseurin Andrea Breth vor einigen Tagen, "die Menschen stehen auf und machen all diesem Getöse ein Ende. Ich hoffe auf eine Revolution. Die wird kommen, und sie wird furchtbar werden".
Der Fussball-WM-Essay: Dass die Deutschen plötzlich als „fröhlich“, „verspielt“ und „liberal“ gelten, zeigt, dass Nationen heute auch nicht anders funktionieren als Marken: Sie haben ein Markenimage, das man renoviert, wenn das alte aus der Mode kommt.
Peter Sloterdijk über die Verwirrung als Produktivkraft, die verdichtete Welt des „Kapitalinnenraums“, seine prägenden Jahre als Bhagwan-Jünger in Poona und was die Linke und Banken gemeinsam haben.
In einer Rede über die 68er haben Sie einmal gesagt: „Man musste mehr Verwirrung wagen, um mehr Demokratie zu bekommen.“ Ist die Verwirrung eine Produktivkraft?
Sloterdijk: Sicher. Alle wesentlichen Aufbruchsbewegungen seit mehr als 200 Jahren haben etwas mit produktiver Verwirrung zu tun. Immer, wenn es vorwärts geht, ist zunächst die Semantik trübe. Wir leben heute in interessanten Zeiten, weil sich die historische Semantik der Linken und der Rechten, die uns seit 200 Jahren Orientierungsdienste leistete, in eine gewisse Konfusion auflöst.
Eric Kandel, Nobelpreisträger des Jahres 2000, über das Abenteuer Hirnforschung, seine Beziehung zur Meeresschnecke Aplysia, die Aktualität der Psychoanalyse, seine Leidenschaft zur Wissenschaft und das Verhältnis zu seiner Geburtsstadt Wien.
Der Künstler, einst das Antimodell zum Wirtschaftsbürger, ist heute Leitfigur für Unternehmer, Angestellte und Neue Selbstständige: als Kreativer, der auf eigene Rechnung arbeitet. Zwei neue Bücher analysieren das Phänomen aus unterschiedlicher Blickrichtung
George W. Bush’ außenpolitische Fehler sind nicht einfach Fehler, die so passieren. Es sind Fehler, die typisch sind für eine Regierung, die über das gesunde Maß hinaus von der Richtigkeit ihrer Mission überzeugt ist – und im Rest der Welt nur Idioten oder Whimps sieht.
Der französische Sozialwissenschaftler Robert Castel über die Nostalgie nach den 70er Jahren, die Armen, die heute „unnütze Menschen“ sind und das Ziel der Vollbeschäftigung.
Das nachutopische Zeitalter und die Krise politischer Vorstellungskraft. Ein Essay für die Zeitschrift des Schauspiels Frankfurt.
Vor einigen Wochen brachte der Liederschreiber, Sänger, Theatermacher und Buchautor Peter Licht eine Schallplatte mit dem aufreizend unzeitgemäßen Titel heraus: „Lieder vom Ende des Kapitalismus“.
Im titelgebenden Stück heißt es:
„Hast du schon hast du schon gehört / das ist das Ende /
das Ende vom Kapitalismus - / jetzt isser endlich vorbei. /
Vorbei / vorbei / vorbei / vorbei / vorbei vor-horbei /
vorbei / vorbei / vor vorbei vorbei /
Jetzt isser endlich vorbei.“
Dietmar Ecker, 42, Chef der Medien- und PR-Agentur Ecker und Partner, gehörte zum Beraterteam von Natascha Kampusch. Ecker war früher Sprecher von Ex-Finanzminister Ferdinand Lacina, in den späten Vranitzy-Jahren hatte er den Job des Chefkommunikators der SPÖ. Zuletzt stand er dem ÖGB und der BAWAG zur Seite.
Nehmen wir einmal an, Sie wären nicht Medienberater von Natascha Kampusch gewesen. Würden Sie sagen, das ist alles gut gelaufen?
Ecker: Bevor ich zum Beraterteam stieß, hätte ich gesagt, ich würde es lieber mit den „A-Medien“ machen. Mit meinem Wissen von heute würde ich sagen, es war sehr richtig, dass wir es so gemacht haben. Hätten wir sie abgeschottet, dann hätte das die gegenteilige Wirkung gehabt. Sie wäre die Paparazzi nicht mehr losgeworden.
Warum die Geschichte der Natascha Kampusch jetzt schon zum kulturellen Fundus der großen Menschheitsgeschichten zählt.
Als der weltberühmte marxistische Philosoph Louis Althusser 1980 seine Frau Hélène erwürgte, löste das bei einem Großteil der theoretisch interessierten Community eine Abwehrreaktion aus. Der Mord wurde gewissermaßen als banale, uninteressante menschliche Fehlleistung gewertet, welche nicht den Blick auf den welthistorischen Rang des Denkers verstellen solle. Der Dichter Heiner Müller lieferte damals einen bemerkenswerten Kontrapunkt. Der Staatstheoretiker Althusser habe ihm eigentlich nicht viel zu sagen, murmelte der Dramatiker, aber, so fügte er hinzu: „Der Fall Althusser interessiert mich“ – als Material, als „dramatischer Stoff“. Müller, dem es die menschlichen Ausnahmesituationen und Extremmomente immer angetan haben, war nicht vom Intellektuellen Althusser fasziniert, sondern vom Kriminalfall Althusser – beziehungsweise, um exakt zu sein, von der Tatsache, dass ein intellektuelles Scheitern in einem Mord münden kann.
Bei allen Differenzen im je Konkreten, ist das natürlich das, was das Publikum immer an Kriminalfällen interessiert: dieser Blick, den sie frei geben auf das, was die Alten die „conditio humana“ genannt hätten.
Benjamin Kunkels Erstling „Unentschlossen“, Amerikas Literatursensation des Jahres 2005, liegt jetzt auf deutsch vor. Kunkel, ein Ironiker, der sich um Relevanz bemüht, gilt schon als Stimme einer neuen kritisches Generation.
Einer wie Benjamin Kunkel muss erhofft, ja richtig ersehnt worden sein. Erfolgreichster Debütant des Jahres 2005 war der 33jährige mit seinem Roman „Unentschlossen“ in den USA sowieso. Gegen die heftigen Umarmungen des linksliberalen Jetssets kann der Autor sich seither kaum erwehren, schon gilt er als „die neue Sensation des literarischen New York“. Wie üblich, ist es dabei nicht damit getan, einen Autor für einen guten Roman zu loben, erhoben wird er sofort zur neuen Stimme einer neuen Generation. Endlich einer, der leicht und ironisch schreiben kann und doch die substantiellen Fragen angeht – ernst und trotzdem cool. „Der lustigste und klügste Entwicklungsroman seit Jahren“, pries ihn Jay McInerney in der New York Times, der gleichzeitig „die Geburt eines sozialen Bewusstseins“ annonciere.
Seit dem 11. September sind die bisherigen geistigen Landkarten des Westens veraltet, der globale Generalkonflikt sortiert das intellektuelle Feld neu. Der Versuch einer aktuellen Kartographie aus näherer Anschauung.
Raul, wie wir ihn hier nennen wollen, ist ein weltbekannter Philosoph, der an einer renommierten amerikanischen Universität unterrichtet. Martin ist ein aufstrebender Wiener Theoretiker, der es immerhin schon geschafft hat, eine Professur an einer ostdeutschen Universität zu ergattern. Seit Martin bei Raul sein Post-Doc-Studium machte, sind die beiden eigentlich befreundet. In den wesentlichen Fragen sind Raul und Martin immer einer Meinung gewesen – „freie Radikale“, die sich etwa stets einig waren, was vom Kapitalismus zu halten ist. Unlängst hatte ich Rauls Lebensgefährtin zu Gast und sie fragte mich etwas erregt, ob ich gehört hätte, dass Martin jetzt ein „Antideutscher“ sei. Das erfülle sie, erklärte sie mir, mit gewisser Sorge, da Martin sich angekündigt habe, Raul in den Ferien zu besuchen. Ich müsse nämlich wissen, sagte sie, dass Raul sehr stark auf Seiten der Hisbollah stehe. Leider konnte ich wenig zu ihrer Beruhigung tun, schließlich weiß ich, dass Martin Menschen mit den Meinungen Rauls für Fellow Travellers der „Islamofaschisten“ hält und kann mir ausmalen, dass Raul Menschen mit den Meinungen Martins als Helfershelfer des US-Imperialismus ansieht und so beschränkte ich mich auf die nicht ganz ernst gemeine Bemerkung, sie solle darauf achten, dass die beiden bei dem heiklen Wiedersehen wenigstens unbewaffnet seien.
Eine Episode, die eine Prise Absurdes nicht entbehrt, aber doch symptomatisch dafür ist, wie der 11. September (und alles, was auf ihn folgte), die intellektuelle Situation neu ordnete. Oder besser: Er hat eine Art Kraftfeld aufgespannt, das die Szenerie sortiert.
Pünktlich zum Jahresstag erzählt sich Amerika die Geschichte vom 11. September neu und verwandelt sie in einen uramerikanischen Mythos über die Tapferkeit freiheitsliebender Menschen, die unverschuldet zu Opfern werden. Das ist auch eine Strategie gegen die politische Instrumentalisierung des epochalen Momentes.
Man sieht die Menschen, wie sie hastig nach unten fliehen und die Feuerwehrleute, wie sie nach oben stürmen. Den Rauch. Die Pfützen der Löscharbeiten. Die staunenden, fragenden, entsetzten Gesichter. Man hört Lärm, von dem man nicht weiß, woher er kommt. Was man nicht sieht in Oliver Stones neuen Film World Trade Center (hierzulande ab 28. September im Kino), das sind die bekannten Bilder, die, die sich aller Welt eingebrannt haben. Und dann realisiert man, dass die einzigen Menschen auf diesem Planeten, die die kanonisierten Sequenzen nicht kennen, die die Flugzeuge nicht gesehen haben, wie sie am 11. September 2001 in die Türme des World Trade Center in New York gekracht sind, jene Menschen sind, die sich in den beiden Türmen befunden haben.
theorie & technik - die kolumne aus der taz
Vor einigen Jahren wohnte ich einer Diskussionsveranstaltung an der Humboldt-Universität bei. Irgendwann meldete sich ein in Berlin berühmter Philosoph zu Wort, der beklagte, die Sachzwänge der Globalisierung würden wie das Gesetz der Schwerkraft behandelt. Dabei, so wandte er ein, zwinge ihn doch auch dieses nicht dazu, „dass ich meine Uhr zu Boden fallen lasse“.
Vielleicht war das der Augenblick, in dem ich meinen an Bewunderung grenzenden Respekt vor berühmten Philosophen verloren habe.
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Foto: Jacqueline Godany

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Name: Robert Misik. Geboren: 1966. Lebt meist in Wien, ein paar Monate im Jahr im Waldviertel und gerne ist er auch in Berlin (wo er die 90er Jahre verlebte). Schreibt Bücher, Kritiken, Artikel und Essays und jetzt auch diesen Weblog - außerdem einen Weblog auf der taz-Site. Und die wöchentliche Videoblog-Sendung "FS-Misik" auf derStandard.at.
Ständiger Autor beim "Falter", "profil", "Standard" und der "taz", wo ergemeinsam mit Isolde Charim die monatliche Kolumne "theorie & technik" füllt. Buchveröffentlichungen: "Mythos Weltmarkt. Das Elend des Neoliberalismus" (1997), "Die Suche nach dem Blair-Effekt" (1998), "Marx für Eilige" (2003), "Genial dagegen. Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore" (2005). Letzteres ist auch als Hörbuch zu haben. Weiters: "Das Kultbuch. Glanz und Elend der Kommerzkultur" (Aufbau-Verlag, September 2007),
"Gott behüte. Warum wir die Religion aus der Politik raushalten müssen" (Ueberreuter-Verlag 2008). Und zuletzt: "Politik der Paranoia. Gegen die neuen Konservativen", (Aufbau-Verlag, 2009)
Marx für Eilige ist unterdessen auch in französischer Sprache erhältlich (hier), ebenso in finnischer, eine koreanische Übersetzung ist in Vorbereitung.
Ende der achtziger Jahre Redakteur bei der "Arbeiter-Zeitung", arbeitete er später als Deutschland-Korrespondent des "profil" und dann als Außenpolitik-Ressortleiter bei "Format" - bis es ihm im Fellner-Reich zu blöd wurde.
Robert Misik wurde zwei Mal mit dem Förderpreis des Bruno-Kreisky-Preises für das politische Buch ausgezeichnet, 2008 wurde ihm der Österreichische Staatspreis für Kulturpublizistik verliehen.
Ein Auszug aus "Marx für Eilige" findet sich hier, ein Auszug aus "Genial dagegen" hier. Die lieferbaren Bücher bestellen können Sie hier:

Genial dagegen Ganz Neu! Genial dagegen als Hörbuch hier
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Seit dem Aufstand in den französischen Banlieus hat ein Konzept Hochkonjunktur: das vom menschlichen Überschuss, für den das System keine Verwendung mehr hat. Zur Geschichte und Gegenwart eines Begriffs, der aus der Mode kam und heute wieder in aller Munde ist. Falter, Dezember 2006
Wege zum Echtsein: das Entfremdungstheorem, zuletzt arg ramponiert, von Rahel Jaeggi auf furiose Weise renoviert. taz, Jänner 2006, Falter Frühjahrsbuchbeilage 2006
Europäische Union. Kaum wo ist die Europäische Union so unpopulär wie in Österreich, nirgendwo die Aversion gegen die Osterweiterung ähnlich stark. Dabei profitiert gerade Österreich von der Erweiterung. Woher kommen die Ressentiments?
Angela Merkel ist extrem populär, gerade weil sie sich die großen Gesten spart. Womöglich lehrt uns das, dass die Zeit der männlichen Macht-Gesten vorbei ist. taz, Jänner 2006
Der grassierende von-der-Leyen-Hype ist ein Symptom: Das konservative Gesellschaftsmodell räumt das Feld in der Familienpolitik. Zeit wird’s. taz, Februar 2006 und Standard, März 2006
Clash of Cartoons. Die einen sehen die religiösen Gefühle frömmelnder Muslime zutiefst gekränkt, die anderen fürchten, der Westen gehe mal wieder vor dem Totalitarismus in die Knie. Geht’s vielleicht eine Nummer kleiner? taz, Februar 2006
Paul Berman beschreibt, wie linke Intellektuelle dazu kamen, die Armee gegen Despoten loszuschicken – und trauert, dass sie in der Irakcausa nicht mit in die Schlacht zogen. taz und Falter, Frühjahr 2006
Der Originalbegriff erlaubt uns zu sagen: „Dieses Kunstwerk habe nur ich.“ Er ist also ein Kapital-Begriff, kein Kunstbegriff. Ein Original-Interview mit Peter Weibel. Standard, Album, Februar 2002
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