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Der Skandal der Ungleichheit

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In gleicheren Gesellschaften lebt es sich besser, sie sind wirtschaftlich erfolgreicher und nicht von riskanten Finanzkrisen bedroht. 

Ein Beitrag für das Buch "Verteilen statt verspielen", herausgegeben von GPA-Vorsitzenden Wolfgang Katzian und anderen. 

Die Idee der Gleichheit ist in den vergangenen Jahrzehnten recht gehörig aus der Mode gekommen. In den kapitalistischen Marktwirtschaften ist die materielle Ungleichheit in den vergangenen dreißig Jahren - teils dramatisch - angestiegen. Und zwar ganz egal, welche Indikatoren man heranzieht: Vermögensungleichheit, Einkommensungleichheit und auch Lohnungleichheit (was nicht dasselbe ist, da Einkommensungleichheit alle Einkommensarten, also auch die durch Finanzgewinne berücksichtigt, nicht nur Lohn- und Gehaltseinkommen), oder die Ungleichheit der verfügbaren Haushaltseinkommen. Überall das gleiche Bild: Die Reichen wurden reicher. Die Reichsten wurden sehr viel reicher. Und die weniger Begüterten wurden es nicht. Bestenfalls. Mancherorts wurden letztere sogar ärmer. Nur ein paar Beispiele: In Deutschland sind die Einkommen der ärmeren Schichten gegenüber dem Jahr 1992 preisbereinigt um 13 Prozent gesunken. Die Bezüge der Spitzenverdiener haben im selben Zeitraum um fast ein Drittel zugelegt. Das reichste Zehntel der Bundesbürger besitzt laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung 62 Prozent der Privatvermögen, während das untere Drittel praktisch gar nichts besitzt - außer Schulden. In Österreich besitzen die obersten dreieinhalb tausend Haushalte (0,1 Prozent aller Haushalte) genauso viel Geldvermögen wie die unterste Hälfte aller Haushalte. Die obersten zehn Prozent besitzen 53 Prozent aller Geldvermögen. Ähnlich ungleich ist das Immobilienvermögen verteilt - hier besitzt das oberste Zehntel 61 Prozent. In den USA konzentriert das reichste eine Prozent (!) der Bevölkerung heute bereits 23 Prozent aller Einkommen, ein Wert, der vor zwei Jahrzehnte noch bei zehn Prozent lag. Die obersten 5 Prozent kontrollieren 75 Prozent aller Finanzvermögen. 

In diesen Jahrzehnten, in denen sich grobe Ungleichheiten wieder in unsere Gesellschaften hineinfraßen, ist aber nicht, wie anzunehmen wäre, das Unbehagen an den zunehmenden Ungleichheiten gewachsen, sondern umgekehrt: Wer den Wert gesellschaftlicher Gleichheit hochhielt, wurde bis vor wenigen Jahren noch als hoffnungslos Altbacken denunziert. Denn Gleichheit, so wurde dann erwidert, ist doch gar kein erstrebenswertes Ziel. Die Welt sei doch bunt, und das ist gut so. Wer Gleichheit wolle, müsse Ungleiches gleich machen, und das gehe nur wenn man mit Kommandomaßnahmen die lebendigen Unterschiede zwischen den Leuten abrasiere. Vor allem aber müsse man Ungleichheit in Kauf nehmen, wenn man eine prosperierende Wirtschaft wolle. „Flexibilität" (was meisten hieß: sinkende Löhne unten, steigende Einkommen oben) schaffe Wachstum und das sei letztendlich für alle gut. Denn, so wurde dann gefragt, was helfe denn Gleichheit, wenn alle gleich wenig haben? Sozialphilosophen erklärten, es komme darauf an, ob Menschen ein gutes Leben führen, aber doch nicht darauf, wie die materielle Ausstattung dieses Lebens im Verhältnis zum Leben anderer Menschen stünde. 
Hier, mit etwas Verspätung, zum Nachlesen den 5. Teil meiner Vortragsreihe "Erklär mir die Finanzkrise", die ich im Herbst an der Volkshochschule Ottakring gehalten habe. Wer sich das Lesen ersparen will, kann die Vorträge auch hier per Video nachsehen. 

Als Karl Marx und sein Freund Friedrich Engels die ökonomische Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft analysierten, schienen einige Dinge gewiss zu sein: diese Gesellschaft produziert aus sich heraus Ungerechtigkeiten. Aber das ist natürlich eine banale Weisheit, die kaum jemand bestreiten würde. Es schienen noch ein paar weitere Dinge gewiss: Sie produziert notwendigerweise aus sich heraus immer größere Ungerechtigkeiten. Die große Bevölkerungsmasse, das industrielle Arbeiterheer, das gerade erst in die Städte gespült wurde, lebte in bitterem Elend, einem Elend, das sich immer mehr zu verbreiten schien, obwohl immer größere Reichtümer produziert wurden. 

In dem Maße, wie das Kapital akkumuliert, muss sich die Lage des Arbeiters verschlechtern, schrieb Marx im Kapital, und weiter: „Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol."

Verstreute Passagen wie diese in Marx' Werk gingen in die Literatur des orthodoxen Marxismus als die Verelendungstheorie ein. Obwohl Marx durchaus offen ließ, ob er absolute Verelendung oder relative Verelendung meint, waren viele Sozialisten seiner Zeit und auch noch späterer Zeit letztlich davon überzeugt: der Kapitalismus hält die normalen, einfachen Leute notwendigerweise in einer immer stärker werdenden Verelendung. 

Die zweite allgemeine Gewissheit war: der Kapitalismus ist ein dynamisches, aber äußerst fragiles System, das nur funktionieren kann, solange es eine immer gefräßigere äußere und innere Landnahme vollzieht, dessen Produktivkraftentwicklung an die Grenzen seiner verrückten ökonomischen Ordnung stößt, und das an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gehen muss. Weder Marx noch Engels hätten das auf diese Weise so formuliert, aber viele ihrer Jünger hätten da salopp - oder auch „wissenschaftlich" begründet - gesagt: dieser Kapitalismus muss notwendigerweise zusammenbrechen, und daher ist es besser, ihn lieber heute als morgen durch eine Revolution abzuschaffen und durch ein anderes ökonomisches System, den Sozialismus, zu ersetzen. 

Das waren so grundlegende Gewissheiten gewissermaßen, die auch heute noch in manchen Köpfen herumspuken: 

Das der Kapitalismus zusammenbrechen muss. 

Und dass er notwendig zur Verelendung breiter Bevölkerungsschichten führt, dass eine faire Beteiligung am Wohlstand innerhalb des Kapitalismus einfach nicht möglich ist. Daran glauben nur reformistische Warmduscher, die zu feig für eine Revolution sind. 

Trotzdem ist aber sehr bald etwas sehr Eigentümliches geschehen: Sozialistische Parteien und Parteiführer, vor allem aber auch Gewerkschaften, die mit ihnen verbunden sind, haben sich dafür eingesetzt, durch kleine oder größere Reformen die Lebensbedingungen für die normalen Leute zu verbessern, also innerhalb dieser kapitalistischen Gesellschaft. Zunächst schien das kein großer Widerspruch zu sein. Man setzte sich für eine Revolution ein, arbeitete darauf hin, und bis dahin hat man aber auch versucht, jede denkbare kleine Verbesserung der Lebensbedingungen durchzusetzen. 

Gewissermaßen: Man nahm, was man kriegen konnte, war ja kein Widerspruch. Man begann von der Dialektik von Reform und Revolution zu sprechen.
„Erklär mir die Finanzkrise!" lautet der Titel der Vortragsreihe, die ich seit September an der VHS-Ottakring halte. Jetzt sind auch die Videos der ersten drei Abende fertig, so dass man sie auch nachträglich ansehen kann. 

Am kommenden Mittwoch, den 17. Oktober, gibt's dann den Abschlussvortrag mit dem Titel: 

„Einen 'guten Kapitalismus', kann's den geben? - Wie wir soziale Gerechtigkeit und eine florierende Wirtschaft unter einen Hut kriegen." (19 Uhr, VHS-Ottakring, Ludo Hartmann-Platz) 

Da geht es dann, nach vier dichten Abenden, die der ökonomischen Analyse gewidmet waren, um mögliche Lösungen und Auswege aus dem großen Palawatsch, in dem wir stecken. 

Hier aber zunächst einmal die Videos der ersten drei Abende: 


Contested Freedom

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FREEDOM WITHOUT EQUALITY IS ONLY HALF-FREEDOM. Much freedom for some and little freedom for the others. Equality means everyone has the freedom to make something of their life. 

[This article published in the Swiss journal WoZ Nr. 37, 9/13/2012 is translated from the German by Indiby.org. It is an abstract of the main arguments presented in my new Book "Halbe Freiheit. Warum Freiheit und Gleichheit zusammen gehören", Suhrkamp-Verlag, 2012] 

One of the most peculiar oddities of our world not poor in oddities is that conservatives and neoliberals brag about being the "power of freedom" while hammering leftists and progressives for manipulation, leading by the nose and limiting the freedom of individuals. Perhaps even more remarkably, the left hardly opposed this for decades. "Freedom" became a propaganda term of the right - "economic freedom!" - while progressives represented themselves as a power of social justice. The freedom term was left to conservatives and neoliberals practically without a fight. 

This is bizarre because leftists and progressive liberals stood up for freedom, civil rights and equal rights for all in the history of ideas and the political history of the West in most countries of the continent. In Germany and Austria, social democrats opposed censorship, implemented freedom of assembly and gained the universal franchise and democracy by fighting. Conservatives cried for the police and military when anyone uttered the watchword "freedom" too loudly. This is bizarre because nearly all freedom rights were gained in history by progressives. Conservatives and neoliberals who appeal in seductive word flourishes to "economic freedom" and the "freedom of individuals" and to their right to be unmolested by the "bureaucratic Moloch state" have no great problems with blatant limitations of freedom. At the same time, they are proud of being "tough on crime" and advocate dubious data memory storage, exhaustive surveillance with video cameras, expedited court proceedings against troublemakers and emergency legal measures against terrorists... They decide almost instinctively for business interests and against freedom where the freedom of individuals comes into conflict with "economic freedom" - that is, with the business interests of powerful economic actors as in legal copyright questions. 
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Morgen, Mittwoch, 10. Oktober ist der vierte Abend meiner Vortragsreihe "Erklär mir die Finanzkrise" an der VHS-Ottakring. Diesmal lautet das Thema: "Mehr Markt wird's richten" - Rechte Mythen über die Krise. Wie immer um 19 Uhr im wunderbaren Weinberger-Saal der VHS-Ottakring. Alles weitere finden Sie hier. In der Folge können Sie das streckenweise recht rohe Manuskript des zweiten Vortrages lesen. Der Eröffnungsvortrag "Ein Crash mit Anlauf. Wie eine falsche Wirtschaftsideologie die Marktwirtschaft ins Desaster stürzte" können sie hier nachlesen oder hier auf Video nachgucken. 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, 

ich habe in der vergangenen Woche zu zeigen versucht, wie eine falsche Wirtschaftsideologie die Welt in eine Krise gestürzt hat. 

Wir haben gesehen, wie verschiedene Sektoren der Ökonomie funktionieren. Dass Marktkräfte auf Gütermärkten tatsächlich oft vorteilhafte Resultate zeitigen, dass sie dazu beitragen, dass wir gute und besser Güter haben, dass Ressourcen effizient eingesetzt werden, dass Kapital und Arbeit effizient eingesetzt werden und die Konsumenten jene Güter zur Auswahl haben, die sie auch wirklich wünschen und benötigen. 

Natürlich kann man immer fragen, ob das die Güter sind, die die Welt braucht, und ob die Konsumenten immer die Herren ihrer Wünsche sind, und welche Rolle da die Werbung spielt, aber da kommen wir schon auf ein Terrain, das viel mit Ethik zu tun hat, auch mit moralischen Fragen, und wir bewegen uns vom eigentlichen Feld der Ökonomie weg. 

Wir haben aber auch gesehen, dass es nachteilige Folgen hat - und zwar: ökonomisch nachteilige Folgen - wenn man Marktkräfte auf anderen Märkten wirken lässt. Etwa auf den Arbeitsmärkten, da führen Deregulierung und Flexibilisierung zum Wachstum von Niedriglohnsektoren, zu höherer Arbeitslosigkeit, zu einem Wachstum von Ungleichheit, damit auch dazu, dass die Konsumnachfrage schwächelt und eine Volkswirtschaft unter ihren Möglichkeiten bleibt. 

Das laue Freiheitsgelaber der Rechten

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Am kommenden Mittwoch, 26. September, stelle ich im Wiener Kreisky-Forum mein Buch "Halbe Freiheit. Warum Freiheit und Gleichheit zusammen gehören" vor (Suhrkamp-Verlag, 2012). Und zwar im Gespräch mit Sonja Ablinger und Christian Friesl. Beginn, 19 Uhr. Näheres hier. Zur Einstimmung schon mal ein Essay von mir, der in der jüngsten Ausgabe der WOZ, der Schweizer "Wochenzeitung" erschienen ist. 

Konservative und Neoliberale plustern sich auf, sie wären die „Kraft der Freiheit". Das ist absurd. Die Linken sollten sich den Freiheitsbegriff zurückerobern. 

Es gehört zu den eigentümlichsten Seltsamkeiten unserer an Seltsamkeiten nicht armen Welt, dass sich die Konservativen und Neoliberalen als „Kraft der Freiheit" grosstun, während sie den Linken und Progressiven die Punze umzuhängen versuchen, diese seien für Gängelung und die Einschränkung der Freiheit des Einzelnen. Vielleicht noch Bemerkenswerter ist, dass die Linken dem seit Jahrzehnten wenig entgegensetzen: „Freiheit" wird gewissermaßen als Propagandabegriff der Rechten - „Wirtschaftsfreiheit!" - abgehakt, während die Progressiven sich als Kraft der Gerechtigkeit darstellen wollen. Der Freiheitsbegriff wurde den Konservativen und Neoliberalen praktisch kampflos überlassen. 

Das ist nicht nur deshalb bizarr, weil in der Ideen-Geschichte und der politischen Geschichte des Westens es meist die Linken und progressiven Liberalen waren, die sich für Freiheits- und Bürgerrechte und gleiche Rechte für alle starkgemacht haben - in den allermeisten Ländern des Kontinents, beispielsweise Deutschland, Österreich waren es die Sozialdemokraten, die gegen die Zensur stritten, Versammlungsfreiheit durchsetzten und das allgemeine Wahlrecht und die Demokratie erkämpften. Und die Konservativen waren es, die nach Polizei und Militär schrien, wenn jemand zu laut die Parole „Freiheit" äußerte. Es ist also nicht allein deshalb bizarr, weil in der Geschichte beinahe alle Freiheitsrechte von Progressiven erkämpft wurden. Es ist ja auch in der Gegenwart so, dass jene Konservativen und Neoliberalen, die sich ansonsten in betörenden Wortgirlanden auf die „Wirtschaftsfreiheit" berufen und auf die „Freiheit des Einzelnen" sowie auf dessen Recht, vom „bürokratischen Moloch Staat" unbehelligt zu werden, keine großen Probleme mit manifesten Freiheitseinschränkungen haben. Gleichzeitig sind sie ja stolz darauf, „Tough on Crime" zu sein, und befürworten fragwürdige Vorratsdatenspeicherungen, flächendeckende Überwachung mit Videokameras, juristische Schnellverfahren gegen Störenfriede, gerichtliche Notmaßnahmen gegen Terroristen oder jene, die sie dafür halten, ein rigides Grenzregime und vieles andere mehr. Wo die Freiheit des Einzelnen mit der „Wirtschaftsfreiheit" - also mit den Geschäftsinteressen mächtiger Wirtschaftsakteure - in Konflikt gerät, etwa in Urheberrechtsfragen, entscheiden sie sich beinahe instinktiv für die Geschäftsinteressen und gegen die Freiheit. Wissen wird tendenziell privatisiert und damit der freien Aneignung und Verwertung entzogen. Dieselben, die in Sonntagsreden etwa über die „Schweiz in der Welt der Freiheit" palavern, machen sich Wochentags für die massive Verschärfung der Polizeigesetze stark, und haben überhaupt keine Probleme damit, noch das geringfügigste abweichende Verhalten zu sanktionieren: Bald wird schon jeder, der im öffentlichen Raum herumlungert, eine Bierdose öffnet oder bettelt, mit polizeilicher „Wegweisung" oder Schlimmerem zu rechnen haben. 
Das Manuskript des ersten Abends meiner Vortragsreihe "Erklär' mir die Finanzkrise" an der VHS-Ottakring. 

Es war, für mich jedenfalls, ein toller Abend gestern in der VHS Ottakring. Rund 150 Leute im grandiosen Weinberger-Saal in historischen VHS. Alles mit viel Patina. Also, mir hat es sehr viel Spaß gemacht. Nächsten Mittwoch, 19. September, geht es dann weiter mit dem Thema: Brennt bald unser Haus ab? Warum die Europäische Union zum Zentrum der Krise geworden ist. Ich hoffe, es wird wieder so voll und es gibt wieder so konzentrierte Atmosphäre. Bis nächsten Mittwoch, hoffentlich!


Ich möchte Sie ganz herzlich zu dieser Vortragsreihe begrüßen, und ich möchte auch den Wiener Volkshochschulen und der VHS-Ottakring danken, meinen Freunden Ilkim Erdost und Mario Rieder, die mit mir die Idee zu dieser Vortragsreihe ausgebrütet haben. Ich halte ja häufiger Vorträge, reise herum, und mache Lesungen. Aber das ist auch für mich etwas Besonderes. Erstens, natürlich, weil es eine Vortragsreihe ist, und man bei fünf Abenden somit auch die Möglichkeit hat, ein paar Dinge umfassender darzustellen. 

Für mich ist das aber auch deshalb etwas Besonderes, weil die Idee der Volkshochschule etwas sehr Unterstützenswertes ist. Bildung, kritisches Denken, intensive Beschäftigung mit einem Thema, aber für „normale" Leute, also für ein breites Spektrum aus der Bevölkerung, nicht nur für das akademische Milieu wie an den Universitäten. Für Leute, die Fachleute sind, aber auch für Leute, die keine Fachleute sind, die Laien sind, die vielleicht wenig Fachwissen mitbringen, aber eines natürlich schon: Waches Interesse für die Welt und für eine Fragestellung. 

Das ist für einen Vortragenden eine Herausforderung, und eine tolle Herausforderung: Man muss die Dinge so darstellen, dass sie jeder interessierte Laie verstehen kann, auch wenn man nicht im Jargon der Fachwissenschaft kennt. Man muss die Dinge einfach darstellen, aber ohne sie ungebührlich zu vereinfachen. Und das ist eine große Aufgabe, der sich heute, meiner Meinung nach, viel zu wenige Menschen stellen. Wichtige Debatten, nicht nur in der Ökonomie, auch der Philosophie, auch über politische Fragen, werden heute viel zu oft in der Sprache von Geheimwissenschaften geführt, die Menschen ausschließen. Und Volkshochschule will nicht ausschließen, sondern einschließen. 

Und der zweite Grund, warum ich mit viel Demut und auch mit ein bisschen Lampenfieber an diese Vortragsreihe herangehe, ist natürlich der spezielle Ort. Die VHS-Ottakring, in der schon vor neunzig Jahren große, sozial engagierte Denker wie etwa Max Adler das betrieben haben, was man in jenen Tagen „Volksbildung" nannte. „Wissen ist Macht", lautete damals der Slogan. Das hatte ja auch ein politisches Pathos: dass es ein Beitrag zu einer gerechteren, demokratischeren Welt ist, wenn man breiten Bevölkerungsschichten, nicht nur den Privilegierten auf der Universität, Wissen vermittelt, sie ausstattet mit der Ressource Bildung. Dass das für die Menschen gut ist, die davon profitieren, aber dass das auch für uns alle gut ist. Weil wir dann alle in Gesellschaften leben, die besser funktionieren. Und ich fühle mich diesem Geist verbunden, in vieler Hinsicht, intellektuell, politisch, aber auch emotional. 

Die Macht der Medien

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Journalisten als (un)bewusste politische Consulter und/oder Lobbyisten. Ein Beitrag für das "Jahrbuch für politische Beratung", Herausgegeben von Thomas Köhler und Christian Mertens. Böhlau Verlag, Wien

Die Fragestellung, die mir hier aufgetragen ist, ist ein nachgerade „unmögliches" Thema: Schließlich sehen sich die meisten Journalisten in ihrem Selbstbild als distanzierte Beobachter der Macht, als kritische Köpfe, die auf nichts so bedacht sind wie auf ihre Unabhängigkeit. Schließlich ist „Objektivität" ja das Kapital des Publizisten. Will ein Journalist aber politische Akteure beeinflussen, setzt das eine Nähe voraus, die natürlich auch Beeinflussung in die andere Richtung ermöglicht - und dann käme auch seine Berichterstattung in den Geruch, politisch motiviert zu sein. Dann stünde er schnell unter Verdacht, seine Artikel im Sinne seiner politischen Favoriten hinzubiegen. Skurrilerweise gibt es gerade in Österreich einen regelrechten Kult um die „Unabhängigkeit". Wohl aus mehrerlei Gründen. Einerseits gab es mindestens bis zum Ende der sechziger Jahre eine starke Tradition der Parteipublizistik, gegen die sich der Wert der Unabhängigkeit erst einmal durchsetzen musste; zweitens ist wegen der Kleinheit des Marktes die ökonomische Basis hiesiger Medien vergleichsweise prekär und deshalb ihre sublime Abhängigkeit von politischen Akteuren unbestreitbar; und drittens ist aufgrund der Kleinheit des Landes die Gefahr übertriebener Nähe immer gegeben - schließlich spielt sich das politische Geschehen in Wien auf etwa zwei Quadratkilometern ab, wo jeder jeden seit Jahren kennt. Angesichts dieser stetigen systemischen Bedrohungen der journalistischen Autonomie wird die parteipolitische „Unabhängigkeit" von Journalisten gelegentlich mit besonderer Verve herausgestellt. Ist sie doch oft keine Unabhängigkeit, die sicher in sich ruhen würde, sondern eine, die sich stetig bedroht fühlt. Das führt dann gelegentlich auch zu eher skurrilen Erscheinungen, etwa, dass Journalisten ihre eigenen politischen Präferenzen und weltanschaulichen Überzeugungen irgendwie peinlich sind, als wären sie ein Defekt, der ihre Arbeit beeinträchtigen könnte und der deshalb irgendwie verschleiert werden müsste, so von der Art des anonymen Alkoholikers, der fürchtet, sein Laster könnte ihn in Verruf bringen. 

Lern was, Kind! Zum Pathos der Bildung

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Ein Aufruf, das Bildungsvolksbegehren zu unterschreiben. Rede zur Eröffnung der "Kritischen Literaturtage" des ÖGB. 

Dass der Österreichische Gewerkschaftsbund eine kritische Literaturmesse veranstaltet, ist überraschend und gar nicht so überraschend zugleich. 

Überraschend einfach deshalb: Es hat sie ja vor wenigen Jahren nicht gegeben und man würde sich denken, dass eine Literaturmesse zu veranstalten nicht zum Kerngeschäft einer Gewerkschaft gehört. 

Gar nicht so sehr überraschend ist es natürlich auch deshalb, weil Bildung seit jeher eine zentrale Forderung der Arbeiterbewegung war. 

Zu den ersten Organisationen der Arbeiterbewegung gehörten die „Arbeiterbildungsvereine". Sie waren es, die ein regelrechtes Pathos der Bildung entwickelten: Wissen ist Macht! Die Parole klingt bis heute nach. Bildet Euch, Arbeiter, damit ihr gerüstet seid für den Aufbau einer besseren Gesellschaft. Aber auch Bildung als Aufklärung: Damit man Euch kein X für ein U vormachen kann. Damit man Euch nicht ideologisch verdummt. Damals die Kirche. Heute die Kronen-Zeitung. Nunja, da gibt's ja jetzt eine neue Strategie, Inserate für die Krone und für Heute, eine neue Strategie im Kampf um die Hegemonie. Nicht sonderlich erfolgsträchtig. 

Gerechtigkeit heißt Gleichheit

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Ist beim diesjährigen "Momentum-Kongress" ab Donnerstag in Hallstatt "Track-Leiter". Das Generalthema ist diesmal "Gleichheit". Und bei der Vorbereitung habe ich diesen Essay gefunden, den ich vor mehr als zehn Jahren in der "Frankfurter Rundschau" geschrieben habe, also in einer Zeit, als das Ideal egalitärer Gesellschaften so Out of Fashion schien wie nur was. Also, vielleicht interessiert es ja noch jemanden, wie man für mehr Gleichheit argumentierte, bevor uns die Ungleichheit in eine Finanzkrise stürzte und bevor wir noch so gute Argumente bei der Hand hatten, sie etwa jene, die uns Richard Wilkinson und Kate Pickett lieferten.  

I.

Die Idee der Gleichheit ist ganz gehörig aus der Mode gekommen. Dies ist kein bloß sekundäres polit- und ideengeschichtliches Phänomen, sondern von unerhörter Brisanz fÜr "die Linke" jedweder Coleur, für die - nach dem Wort des italienischen marxistischen Philosophen Norberto Bobbio - "das Ideal der Gleichheit immer der Polarstern war, den sie angeschaut hat und weiterhin anschaut". Für ihn blieb, auch in Zeiten der modischen Relativierung des Gegensatzes "Rechts und Links", das egalitäre Prinzip konstitutiv für jede Linke - wenn auch nicht als Utopie einer Gesellschaft "der Gleichen", so doch in Form des Strebens, "die Ungleichheiten etwas gleicher werden zu lassen" . Doch schon Bobbio mußte sich in einer Kontroverse von seinem britischen Freund und Mitstreiter Perry Anderson fragen lassen, ob es denn wirklich "der Fall ist, daß die Linke, so wie sie aktuell in Europa heute existiert, alle Funktionaltität der sozialen Ungleichheit bestreitet?" 

Erlöse uns von unseren Schulden!

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Alle kaufen auf Pump, Investoren verzocken Geliehenes und der Staat verschuldet sich über beide Ohren: Hat der Kapitalismus seine Ehrbarkeit verloren, weil er zu einer allgemeinen Schuldenwirtschaft wurde? Nein, denn ohne systematische Verschuldung wären wir alle noch arm wie Kirchenmäuse. Standard, 17./18. Oktober

 

Kann man die Künstlerkritik renovieren?

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Der Kapitalismus ist ins Gerede gekommen. Aber die Kritik fällt sich stetig selbst ins Wort. Weil sie die Sprache verloren hat. Kunstfehler, November 2007

Mitten im Ersten

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Wir ’81er. Warum die Generation, die zu spät kam, am Ende doch nicht vom Leben bestraft wurde. Ein kleines Prolegomenon zu einer Autobiographie, die nie geschrieben werden wird. Beitrag zu: Sigrid Rosenberger / Martin Wassermair: Generation Sexkoffer. Löcker-Verlag 2007. Erscheint dieser Tage.

Blairs Last Days

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Vor 10 Jahren wurde Tony Blair zum britischen Premierminister gewählt. In ein paar Tagen wird er abtreten - möglicherweise schon am 8. Mai, so Auguren in London. Als Einstimmung dafür schon einmal ein Griff ins Archiv: Die ersten beiden Kapitel meines Buches "Die Suche nach dem Blair-Effekt" (Aufbau-Verlag, 1998), für das ich den Förderpreis des Bruno-Kreisky-Preises für das politische Buch 1999 erhielt.

Simulated cities, sedated living

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The shopping mall as paradigmatic site of lifestyle capitalism. Eurozine, 15. Dezember 2006

Die deutsche Fassung findet sich im Wespennest, Dezember 2006

Übersetzung ins Englische: Simon Garnett

(This is a brief outline of the first two chapters of my forthcoming book about "culture capitalism", which will be published in fall 2007 in the Aufbau-Verlag, Berlin)

Am Sonntag, 22. Oktober, sprach ich in der Reihe "Frankfurter Dialoge" über den "Nutzen der Utopie oder die Lesbarkeit der Welt". Die Reihe ist von Wolfgang Engler kuratiert.  Zum Nachlesen gibt es hier die Rede.

Ein europäisches "Wir"?

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Am kommenden Freitag diskutiere ich im Wiener IHS über "europäische Identitäten" (siehe Termine". Zur Einstimmung hier schon einmal eine Rede, die ich im November 2000 im Wiener Künstlerhaus hielt. Die hieß damals: In zwei Richtungen blicken. Über die Möglichkeit und Unmöglichkeit eines europäischen "Wir".

Österreichs Wahlwunder

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Kann die SPÖ unter Alfred Gusenbauer das Kanzleramt erobern und die Fenster weit aufstoßen? Notwendig wäre es nach den sechs bleiernen Jahren der ÖVP-FPÖ-Koalition. Ein Wahlkommentar für die "Blätter für deutsche und internationale Politik", das renommierte Außenpolitik-Journal aus Berlin. Als pdf können Sie die leicht gekürzte Druckfassung hier lesen: Download file  Montag, 9. Oktober 2006.

Was ist Neo-Existentialismus?

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Warum die alte Frage nach dem "richtigen Leben" neuerdings wieder gestellt wird - und was eine gelingende Existenz unter den Bedingungen des Kulturkapitalismus ausmachen könnte. Beitrag zu: Christian Reder: Lesebuch-Projekte. Springer-Verlag, Wien, 2006. Mit Beiträgen von Zaha Hadid, Alexander Kluge, Christoph Schlingensief, Dirk Baecker uva.

Dissenswirtschaft

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Im September erschien die erste Nummer der neuen Zeitschrift "polar" im Frankfurter "Campus"-Verlag. Sie soll zwei Mal im Jahr herauskommen. In der ersten Nummer versuchte ich zu beschreiben, was aus der Politisierung der Wiener Kulturszene nach den Jahr 2000 geworden ist.

Die Intellektuellen und die Utopie

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oder: Was ist eine Krise? Und warum begrüßen wir sie? Rede bei den Berliner Brechttagen zum 50. Todestag des Dichters und Dramatikers.

 

 

 

Ich habe mich, so muss ich gestehen, etwas geschreckt, als ich der Einladung entnommen habe, ich möge, noch dazu im Kontext dieser Brecht-Tage, Gedanken über die „Intellektuellen und die Utopie“ anstellen. Denn schließlich ist das Ausgangsthema, das uns über fünf Tage beschäftigt, die Kollaboration von Brecht und Benjamin, also die Zusammenarbeit von zwei, wenngleich recht eigenartigen, Marxisten. Und innerhalb des Weichbildes des Marxismus soll die Utopisik ja keinen Platz haben, ja, sie ist im Kreise der Marxisten geradezu verpönt.

Unter einem dunkleren Himmel

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Das nachutopische Zeitalter und die Krise politischer Vorstellungskraft. Ein Essay für die Zeitschrift des Schauspiels Frankfurt.

Vor einigen Wochen brachte der Liederschreiber, Sänger, Theatermacher und Buchautor Peter Licht eine Schallplatte mit dem aufreizend unzeitgemäßen Titel heraus: „Lieder vom Ende des Kapitalismus“.

 

Im titelgebenden Stück heißt es:

 

„Hast du schon hast du schon gehört / das ist das Ende /

das Ende vom Kapitalismus - / jetzt isser endlich vorbei. /

Vorbei / vorbei / vorbei / vorbei / vorbei vor-horbei /

vorbei / vorbei / vor vorbei vorbei /

Jetzt isser endlich vorbei.“

 

Marx für Eilige

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"Marx für Eilige" erschien 2003 im Aufbau-Verlag. Derzeit ist es in der zweiten Auflage. Die französische Übersetzung ist unterdessen im Handel, die finnische und koreanische in Vorbereitung. Hier können Sie das 5. Kapitel lesen: "Die automatische Welt".

Heitere, flüchtige Dissidenz

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Warum es wieder modern geworden ist, von der Vernissage zur nächsten Demo zu gehen. Ein Wegweiser durch die zeitgenössische linke Kultur und Subkultur. Der Vorabdruck aus der Falter Literaturbeilage, Frühjahr 2005.

Fortysomethings

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Zur Anatomie einer verlorenen Generation. Gazette, April 2005

Fortysomethings

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Zur Anatomie einer verlorenen Generation. Gazette, April 2005

Shopping Experience, Brand with a vision, Management by Culture: Wenn nicht mehr in erster Linie Güter, sondern Lebensstile verkauft werden, kollabieren Kapital und Kultur ineinander. Die Kooperation OMA/AMO und Prada ist da nur ein Beispiel unter vielen. Erschienen in archplus, dem Berliner Architekturmagazin, Nr. 174/175

Die Marmor-Linke

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Das Unbehagen am Kapitalismus zieht Kreise. Wir sind Helden stürmen die Hitparaden. Die linken Parteien erhalten bei drei Bundestags hintereinander eine strukturelle Mehrheit. Und "die Linke"? Die behauptet steif und fest, sie sei in einer Krise. Ein Essay für die Zeitschrift "Kommune", November 2005







Robert Misik
robert@misik.at

Journalist & Sachbuchautor
Lebt & arbeitet in Wien

Alles über Misik »

Liebe Leserinnen,
liebe Leser!

Ich betreibe dieses Blog seit einigen Jahren und ohne allzu intensiver Arbeit daran ist er zu einem der meistgelesenen nichtkommerziellen Online-Formate in Österreich geworden.

Deshalb will ich diesen Blog in den nächsten Monaten mit etwas mehr Engagement hochpimpen, um ihn zu dem führenden progressiven Weblog Österreichs zu machen. Ein bisschen habe ich damit in den vergangenen Wochen schon begonnen.

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