Versuchsweise extrem

Fundstücke eines Alleslesers 4 

Eine meiner Lieblingsformulierungen, die Leser meines Buches "Genial dagegen" wissen das, ist der Satz aus einem Brief Walter Benjamins an seinen Jugendfreund Gershom Scholem, er versuche die politischen Momente seines Denkens zu entwickeln - und zwar "versuchsweise extrem".

Wahrscheinlich ist das die hübscheste Formel, in der der Extremismus jemals aufgetreten ist.

Das erinnert an die leise Ironie, mit der der britische Historiker AJP Taylor auf die Frage, ob es denn stimme, dass er extreme Meinungen habe, erwiderte, dass dies sehr wohl richtig sei, er sie aber auf sehr moderate Weise vertrete. Natürlich ist beides auch eine spezifische Art über "Extremismus" zu sprechen, eine, die den behaupteten Extremismus dementiert, ohne ihn dementieren zu müssen. Oder, es ist eine Art von Geständnis, die weder die demütigenden Nebeneffekte von Geständnissen hat, noch die Brandmarkung dessen, der ertappt ist. Es ist die Form, radikal zu sein und doch die Brücken zur bürgerlichen Welt nicht abzubrechen. Terry Eagleton, der britische Kulturtheoretiker, schreibt in seiner "Einführung über die Literaturtheorie" über postmoderne Diskursregeln: "Niemand interessiert sich besonders dafür, was man sagt, welche extremen, moderaten, radikalen oder konservativen Positionen man vertritt, solange sie mit einer spezfisischen Diskursform kompatibel sind und in ihr geäußert werden können." Im - ja - Extremfall kann das natürlich darauf hinauslaufen, dass die Formel "spaßweise extrem" besser passen würde (man denke an Slavoj Zizek). Andererseits ist die leise-ironische wohl die einzige Form, in der man heute ernsthaft noch radikal sein kann. Tricky, nichtwahr?


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Robert Misik
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Journalist & Sachbuchautor
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