
Die Welt ist verbesserbar - aber nicht mit mittelmäßigen Gestalten, die nicht nur keine Ideen haben, sondern auch unfähig sind, sie zu formulieren.
Aus meiner Einleitung des von Gertraud Auer Borea und mir herausgegebenen Sammelbandes "Genial dagegen - Die Reihe".
Weltverbesserer, so lautet ja ein gängiges Urteil, sind stets deprimierte, ewig übelgelaunte Spaßverderber. Sie sind die chronisch Unzufriedenen, die, die immer irgendetwas verbessern und verändern wollen, was ja gleichzeitig voraussetzt, dass ihnen nichts passt in der Welt, die sie in ihrer jeweiligen Gegenwart vorfinden. Dauernd wollen sie ihren Mitbürgern die Freude verderben. Beißt man in ein Stück Schokolade, kommen sie einem schon mit den versklavten Kinderarbeitern von der Elfenbeinküste, schaltet man nur das Licht ein, machen sie einem mit dem Klimawandel ein schlechtes Gewissen. Floriert er, der Kapitalismus, dann haben sie am Konsumismus herumzumäkeln, kracht er zusammen, dann haben sie es immer schon gewusst und empören sich, nicht selten mit der milieutypischen moralischen Überspanntheit, über „die Finanzmärkte", „die Spekulanten" oder über die Tankstelle, bei der das Benzin immer teurer wird. Immerzu sind sie überzeugt davon, dass alles schlecht ist in der Welt, dass die Menschen geknechtet sind, den billigsten Mysterien aufsitzen, der Kirche, oder heutzutage den Boulevardmedien und überhaupt... dass alles ganz furchtbar ist. Zu allem Überdruss sind sie meist fest davon überzeugt, dass das alles das Werk böswilliger Leute ist, das Werk übermächtiger Feinde, sodass sie uns, nachdem sie die Welt in aller Schlechtigkeit angeprangert haben, ratlos zurücklassen, da ja schließlich gänzlich unklar ist, wie die große, eminente Veränderung - manche von ihnen sprechen von einer „Revolution" - denn bewerkstelligt werden könnte, angesichts von Bürgern, die passiviert und verdummt sind, und von Gegnern, die mächtig, verstockt und gewissenlos sind und ihre Privilegien mit Hauen und Stechen verteidigen.

Ein anderes Urteil lautet, dass linke Gesellschaftskritiker hoffnungslose Idealisten sind, die in ihrem Wolkenkuckucksheim leben und sich eine ideale Welt erträumen, die leider den Nachteil hat, dass sie nie Realität werden wird, die aber gerade ihres fehlenden Wirklichkeitssinns wegen völlig neben der Spur stehen, vollkommen unfähig, die Welt zu sehen, wie sie ist.
Und ein drittes Urteil wiederum ließe sich so zusammenfassen: Die Aktivisten fortschrittlicher Bewegungen haben, genauso wie die Vordenker und Politiker linker oder linksliberaler Parteien schon längst keine Ahnung mehr, was sie eigentlich wollen. Die einen passen sich dem Zeitgeist an, die anderen verfallen in düsterem Kulturpessimismus, die dritten verlegen sich auf das Verteidigen von dem, was sie so gerne „die Errungenschaften" nennen, also auf das Verteidigen des Erreichten. Neue Ziele - leider nicht im Angebot. Die Energie und der Schwung den sie vielleicht irgendwann einmal hatten - leider aufgebraucht.
Ich könnte die, etwas karikaturhafte, Charakterisierung ewig fortsetzen, will an dieser Stelle aber einmal kurz Luft holen. Die gute Nachricht lautet: Ganz so schlimm, wie geschildert, ist die Sache nicht. Die schlechte Nachricht lautet: Vollkommen ungerechtfertigt ist die Häme leider auch nicht.
Deshalb haben wir im „Bruno-Kreisky-Forum für internationalen Dialog" vor knapp fünf Jahren eine Gesprächsreihe gestartet. Ich hatte ein paar Monate davor ein Buch mit demselben Titel („Genial dagegen. Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore", Aufbau Verlag, Berlin) veröffentlicht, und Rudolf Scholten und Gertraud Auer Borea, der Präsident und die Generalsekretärin des Kreisky-Forums, fragten mich, ob ich nicht eine Reihe kuratieren möchte. Die simple Seite der Idee war, einige der Theoretiker, Politiker und Aktivisten, die in meinem Buch zu Wort kommen, im Kreisky-Forum ihre Thesen präsentieren zu lassen. Dahinter steckte natürlich eine ambitioniertere Vorstellung: Gedankenbausteine, Weltsichten, Thesen zu präsentieren und bekannt zu machen, die sich zu einer neuen, progressiven Idee verdichten lassen.
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