Bibelschulung II: Jesus, Feind der Familie

Es ist eine der schönsten Seltsamkeiten der an Seltsamkeiten gewiss nicht armen Kirchengeschichte: dass die Christen – besonders die Parteien, die unter christlicher Flagge segeln – die „Institution Familie“ hochhalten. Wo die das her haben? Von ihrem Religionsstifter sicher nicht.

 

Von dem sind folgende Wendungen überliefert:

 

„Ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.

Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“ (Matthäus 10.35-37).

 

Überhaupt, was der durchschnittlich bigotte Kirchgänger unter „Familienwerte“ versteht, hat Jesus, glaubt man den biblischen Geschichten, nicht sonderlich hochgehalten. Viele Worte hat er über Sex nicht verloren, was schon einigermaßen erstaunlich ist, da doch die alttestamentarischen Texte, auf die sich der Nazarener immer wieder bezog, geradezu besessen waren von Sex. Ganze Volksstämme hat der nachtragende Gott Jahwe ja vertilgt, weil sie es, was in der Überlieferung bestimmt leicht ausgeschmückt wurde, andauernd getrieben haben, vor der Arbeit, nach der Arbeit, am Acker, kreuz und quer. Die Anklagen jenes Gottes, der von sich sagte, er sei ein „eifernder Gott“ – lies: „eifersüchtiger Gott“ – sind geradezu obsessiv sexuell. Dieser Jahwe war, wie alle Sexhasser, ziemlich pervers, und hat bei manchen Gelegenheiten, bei der (Gott sei dank nur phantasierten) ethnischen Säuberung des gelobten Landes etwa, sogar Massenvergewaltigungen empfohlen: „So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind; aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch leben.“ (Mose 4. 31.17/18). 

 

Aber zurück zu Jesus, dem Feind der Familie. Als junger Mann hat er seine Familie verlassen und für seine Mutter nur brüske Worte gehabt, weil seine öffentliche Mission doch wohl bedeutender schien als private Loyalitäten. Genau dieselbe Entscheidung forderte er auch von seinen Anhängern. Bindungen den Eltern, Kindern, Ehepartnern gegenüber? Kleinliches Zeug, thank you very much!

 

Besonders überraschen muss das nicht. Man kennt das ja aus Sekten und Radikalinski-Zirkeln, dass der Gruppenzwang mit der Auflösung aller bisherigen Bindungen einhergeht. Das muss auch gar nicht immer schlecht sein. Schlecht – besser: grotesk – ist nur, dass sich heute alle Spießer, die sich als Champions der „Institution Familie“ aufspielen, auf einen der familienfeindlichsten Texte der Geistesgeschichte berufen.



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Empfehlung:
Albrecht Koschorke: Die Heilige Familie und ihre Folgen. Ein Versuch
(http://www.perlentaucher.de/buch/3894.html)

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Robert Misik
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