Merkel im "Rheingold-Express": Es gibt sie noch, die guten Dinge

Für den Wahlblog der Böll-Stiftung 

 

Ob das eine so gute Bildsprache ist? Im Nostalgiezug „Rheingold Express", mit dem einst Konrad Adenauer unterwegs war, scheppert Angela Merkel gerade durch die Republik. Wahlkampf aus dem Manufactum-Katalog: Salonwagen mit schwerer, mechanischer Schreibmaschine, schwarzes Telefon aus Opas Zeiten. Es gibt sie noch, die guten Dinge. Auf den Stationen ihrer „Soziale-Marktwirtschaft-Revival-Tour" machten ihr Nachkommen Adenauers die Aufwartung, in Koblenz verneigte sich Merkel vor der Ära Kohl. Die Botschaft lautet wohl: Auch wenn Merkel erst zur CDU-Chefin werden konnte, indem sie den Bruch mit der Alten-Männer-Union markierte, so ist sie Erbin jener Partei, die die „soziale Marktwirtschaft" geprägt hat. Sie wissen schon: gezähmter „rheinischer Kapitalismus" mit seiner Parole: „Wohlstand für alle". Aber der Nostalgiezug, diese bemühte Patina! Will uns Merkel bildhaft verdeutlichen, dass sie überhaupt keine Idee hat, wie „soziale Marktwirtschaft" unter modernen Bedingungen aussehen kann? Oh ja, es gab einmal eine Epoche, da waren die Reallohnzuwächse der normalen Leute dynamischer als die Reichtumsgewinne der Oberen. Damals, als es noch Telegrafen gab und Dampflokomotiven. Gewiss, das war kein Paradies auf Erden: Altnazis saßen in Spitzenpositionen, bieder ging es auch zu. Aber von „kralle-dir-was-du-kannst-und-wer-übrig-bleibt-ist-selber-schuld"-Geist war die Zeit jedenfalls nicht durchzogen. Wie soll sie also aussehen, die moderne „Soziale Marktwirtschaft"? Na, vielleicht hat ja der Westerwelle eine Ahnung, der braucht seit der Verschrottung des Guidomobils ohnehin eine Mitfahrgelegenheit.



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Robert Misik
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