Der Wirtschaftsexperte. Physiognomie eines zeitgenössischen Typus. Neue Zürcher Zeitung, Juli 2012
Nachdem die deutschen Ökonomen zuerst begannen, mit wuchtigen Offenen Briefen ihre Ratschläge an die Politik zu formulieren, nur um sich kurz darauf ihre widerstreitenden Manifeste gegenseitig um die Ohren zu hauen, keilte die Politik in Gestalt des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert zurück, der mit staubtrockenem Sarkasmus feststellte: „Von allen denkbaren Verfahren in der Bewältigung dieser Krise in den vergangenen Monaten ist das am wenigsten taugliche die Umsetzung von Expertenempfehlungen gewesen".
Da war es raus, und das Publikum trommelte sich auf die Schenkel: Endlich sagt es mal jemand diesen Experten, die heute das eine, morgen das Gegenteil behaupten, immer aber mit dem Gestus aufgeblasener Angeberei.
Das war natürlich ein wenig grob, denn das durchaus wohlbegründete Anti-Experten-Ressentiment neigt sofort dazu, alle in einen Sack zu werfen: die Professoren und luzide forschenden Fachleute mit den sogenannten „Wirtschaftsexperten", den Talkshow-Experten, die allabendlich die Fernsehdiskussionssendungen vollsitzen: Hans Werner Sinn, Hans Olaf Henkel oder Gertrud Höhler, von denen spitze Zungen sagen, sie seien allesamt ohne festen Wohnsitz, weshalb sie wechselweise bei Jauch, Maischberger, Lanz und anderen unterschlüpfen („weil das so ökonomisch ist").
Es ist das Expertenwesen - oder auch -unwesen - dieser Art, welches einem sofort an die Wendung Max Friedländers denken lässt, der 1921, auf die Kunstexperten gemünzt, doch ins Allgemeinere ausgreifend, formulierte: „In neuerer Zeit aber hat das Expertentum an Umfang und Bedeutung zugenommen, ist ein Beruf, sogar ein Geschäft geworden und üppig ins Unfughafte ausgeschlagen."
Das Fernsehen fördert diese Art von Experten ungemein, es braucht zu jedem Themenkomplex zwei, drei Fachleutedarsteller, die eingängige Weisheiten in 50 Sekunden zu formulieren vermögen und sich mit der Aura unangreifbarer Fachkundigkeit umgeben, die sie von ihren Sitznachbarn, den Politikern, und deren Parteilichkeit dramaturgisch abhebt.
Im Falle der Wirtschaftsexperten haben wir es durchwegs mit dem Typus des „hochseriösen Experten" zu tun, und die allermeisten haben in den Jahren vor dem Beinahe-Kollaps der Marktwirtschaft erklärt, dass Märkte effizient seien, der Staat verschlankt gehört, und wir alle reicher würden, sofern nur mehr „dereguliert" und „flexibilisiert" würde. Dass gerade die Befolgung dieser Ratschläge den Kapitalismus beinahe ruiniert hätte, hat ihrem Expertengetue seltsamerweise keinen Abbruch getan.
Freilich, nicht nur die offenkundige Scharlatanerie der Talkshow-Experten hat das Vertrauen in das Expertentum zerzaust. Was Norbert Lammert und andere Politiker an den Experten ja am meisten verzweifeln lässt, ist weniger die Fragwürdigkeit der Ratschläge, als der Umstand, dass von ihnen überhaupt keine eindeutigen Ratschläge mehr zu erhalten sind. Aber gerade das ist ja womöglich gar kein schlechtes Zeichen.
In den Neunziger- und Nullerjahren hatte es unter Wirtschaftsexperten einen scheinbaren Konsens gegeben, dass der Staat Investitionen behindert, Keynesianismus nicht mehr funktioniert und Deregulierung prima ist. Dieses offenkundig einhellige Meinungsbild der Experten konnte deshalb als objektives Urteil der Fachwelt erscheinen und übte immensen Einfluss auf die Politik aus. Nur diese scheinbare Einhelligkeit gestattet es der Kaste von Experten, eine bestimmte Art von Politik zu legitimieren und eine andere zu delegitimieren. Seit der Finanzkrise ist dieser scheinbare Konsens aber perdù und an seine Stelle ist der organisierte Dissens getreten.
In den USA haben der Politikwissenschaftler Henry Farrell und der Ökonom John Quiggin gerade eine Studie herausgebracht, die nicht nur die jüngsten Kontoversen in der Ökonomenzunft minutiös dokumentiert, sondern in der sie auch eine bemerkenswerte systematische Überlegungen darüber anstellen, wie sich „Ideen" von „Experten" zu einem „anscheinenden Konsens" in einem wissenschaftlichen Fach entwickeln und wie dieser Konsens dann die Politik beeinflusst. Wenn eine bestimmte Idee - wie etwa die „Neoklassik" oder die Theorie der „Rationalen Erwartungen" in der Ökonomie - dominant ist, wie das in den vergangenen Jahrzehnten der Fall ist, dann heißt ja Dominanz nicht, dass alle dieser Idee anhängen. Dominanz heißt, dass die Anhänger dieser Theorie wichtige akademische Institutionen und Think Tanks beherrschen, dass die verbliebenen Anhänger konkurrierender Theorien (wie etwa des Keynesianismus) den Kopf einziehen und den Mund halten, dass sie, wenn sie nicht den Mund halten, als Außenseiter des Fachs erscheinen, die man nicht recht ernst nehmen muss und dass die Anhänger der dominierenden Idee in einer breiteren Öffentlichkeit den Ton angeben, und Plaudertaschen in den Medien als Multiplikatoren wirken. Für interessierte Laien oder die Politik wirkt es in einer solchen Situation so, als gäbe es einen Konsens unter den Experten, es gibt also, wie Farrell und Quiggin das nennen, eine sichtbare Dominanz: „Der Anschein von Konsens unter Experten ist äußert wichtig dafür, dass diese Ideen politische Akteure auf Linie bringen."
Dieser Konsens ist jetzt zerbrochen. Gerade das aber stellt den Status des Expertentums in Frage. Wozu soll es denn nütze sein, wenn der eine Experte das eine, der andere das exakte Gegenteil rät? Während das Publikum vom Experten Objektivität und Sachlichkeit erhofft, wünscht die Politik vom Expertentum Legitimierung, dafür ist es aber nur begrenzt tauglich, wenn sich in der Wissenschaft die gleichen Parteiungen eröffnen wie in der Politik selbst. In so einer Situation stellt die Politik dann fest, was ernsthafte Ökonomen immer schon wussten, weshalb sie gelegentlich mit Selbstironie ihre Branche so zu charakterisieren pflegen: Die Ökonomie ist jene Wissenschaft, in der jedes Jahr das exakte Gegenteil von dem richtig ist, was im Vorjahr richtig war.
No TrackBacks
TrackBack URL: http://www.misik.at/mt/p.cgi/1662





Leave a comment