Die endgültige politische Selbstzerstörung des Oskar Lafontaine
Persönlich war ich ja von der Gefahr, irgendwann irgendetwas an Oskar Lafontaine gut zu finden, seit 1992 gefeit. Es ist mir, glaube ich, gut bekommen. Seither war mir so ziemlich immer klar: Wo der seine Finger im Spiel hat, das kann nicht gut gehen. 1992 war Oskar Lafontaine Ministerpräsident im Saarland, einer der einflussreichsten Politiker der SPD und ich war Deutschland-Korrespondent des „profil". Lafontaine, der sich später als Linker feiern ließ, prügelte damals seine Partei auf einen ausländerfeindlichen Kurs. Lafontaine war der erste in der Partei, der eine Änderung des Asylparagraphen des Grundgesetzes forderte, und er tat es offen mit der Absicht, den xenophoben Tendenzen in der Bundesrepublik nachzugeben. Zur Erinnerung: Damals brannten in Deutschland die Asylbewerberheime. Ich habe damals Lafontaine interviewen wollen, aber man hat mir ein Interview verweigert. Ich sagte, wenn ich dieses Interview nicht bekomme, dann mache ich es eben am Rande eines seiner öffentlichen Auftritte. Ich werde, glauben Sie mir, dieses Interview bekommen, sagte ich seiner Vorzimmerdame. Und ich bekam es: Nach einer Veranstaltung Lafontaines in der Saarländischen Vertretung in Bonn. Bei einem Glas Bier dozierte Lafontaine mit erhobenen Zeigefinger, dass „in einer Demokratie immer noch das deutsche Volk bestimme, wer hereindarf". Und so weiter. Plump populistisch, arrogant, besserwisserisch. Lafo und ich, wir hatten seither fertig.
Ich bin ihm später noch häufiger begegnet. Nie mehr bin ich ihm reingefallen. Ich bin auch nie der Versuchung erlegen, den späteren Konflikt zwischen Gerhard Schröder und ihm allzu sehr als inhaltlichen Konflikt zu deuten. Wäre es bloß ein inhaltlicher Konflikt gewesen, hätte Lafontaine ihn nämlich gewonnen. Denn die Partei war ja seiner politischen Linie viel näher als der von Schröder. Aber Lafontaine hatte keine Mitstreiter mehr, er hatte sich isoliert, und das hat primär mit seinem Charakter zu tun, weniger mit den Inhalten, die er vertritt.
Nachdem er dann zur Linkspartei wechselte, war schnell klar, er ist eigentlich der böse Geist dieser Partei. Heute würden sie wahrscheinlich gerne ein Geschenkpaket mit Oskar drin schnüren und ihn der SPD zurückgeben. Aber die verweigert bestimmt die Annahme. Wer Lafontaine kennt, ist froh, ihn los geworden zu sein.
Natürlich hat Lafontaine seine Stärken. Sein makroökonomisches Wissen. Seine Rednergabe. Womöglich ist er der beste Wahlkämpfer der deutschen Politik. Aber er ist auch ein Oberintrigant, eine eitle Diva, nichts als ein Ich-ling. Vor allem aber habe ich nie verstanden, dass man ihm politischen Instinkt und Gespür bescheinigt. Ja, er hat gelegentlich politisches Gespür gezeigt. Aber er hat viel öfter einen Mangel an politischen Gespür gezeigt, einen unfassbaren Realitätsverlust. So wie jetzt. Was hat er sich eigentlich gedacht? Dass er nach seinem Geziere und Herumintrigieren in der Linkspartei wie ein Erlöser gefeiert wird? Als er seinen Hut in den Ring warf, gab es dann eine Immun-Abwehrreaktion von sehr vielen Parteifunktionären und -Aktivisten. Der Punkt ist aber: Das konnte man vorher schon erwarten. Jeder mit Instinkt hätte das gewusst. Nur Lafontaine hat es nicht gewusst. Weil Egomanen wie er so etwas einfach nicht wahrnehmen.
Anyway, mit dem jetzigen Abgang ist Oskar Lafontaine endgültig erledigt. He never will come back. Es ist irgendwie tragisch, dass jemand mit solchen Talenten alles verpfuscht, was er anpackt. Und es ist natürlich auch gut, dass das Kapitel Oskar in der Geschichte der deutschsprachigen Linken jetzt endgültig zugeklappt ist.
Untenstehendes Porträt schrieb ich, glaube ich, 2005, wofür, ist mir entfallen, ich habe es auf meiner Festplatte gefunden und es passt, wie mir scheint, sehr gut. Korrektur und Update: Untenstehendes Porträt ist ein fiktives Porträt Oskar Lafontaines, das ich im Jahr 2005 schrieb. Es beruht aber auf Gesprächen, die ich mit ihm zwischen 1992 und 2004 führte. Das Buchprojekt, für das dieses Porträt verfasst wurde, stellte mir die Aufgabe, mir auszudenken, wie es mit Oskar Lafontaine und der Linken weiter gehen würde. Ehrlich gesagt, finde ich es geradezu erschreckend, wie sehr die Fiktion von der Realität eingeholt wurde. (Aus: Gabriele Gillen: Wir hatten die Wahl. Rowohlt, 2005.
Die Balkonszene
Man kennt diesen Balkon aus dem Fernsehen und von den immer und immer wieder abgedruckten Fotos: Hier hatte Oskar Lafontaine 1998 zu den Journalisten heruntergelacht, seinen damals gerade zwei Jahre alten Sohn auf den Schultern. Damals, als er dem Amt des Finanzministers geflohen ist. Als ihn die gesamte politische und kommentierende Klasse einen pflichtvergessenen, sprunghaften Heissporn nannte, der für das Bohren dicker Bretter nicht gemacht ist. Schon damals hielt er die bösen Urteile für ungerecht. Habe er nicht gerade Rückgrat bewiesen, Prinzipientreue? Habe er nicht gezeigt, dass da noch einer wirklich für die Politik stehe, für die er gewählt wurde? Verräter - das seien doch die anderen.
Jetzt sitzt er wieder auf dem Balkon. Äußerlich ist er entspannt, aber es arbeitet wieder in ihm, in diesen letzten warmen Herbsttagen des Jahres 2006. Seit er sein Bundestagsmandat zurückgelegt hat, weil er das, was er den "Durchmarsch der neoliberalen PDS-Fronde" in der Linkspartei nennt, nicht mehr mittragen konnte. Jetzt muss er sich noch mehr Hohn gefallen lassen. Wenn man einmal geht, noch dabei aus der Fallhöhe Finanzministerium springt, dann ist das die eine Sache - da mischt sich in das Unverständnis immer auch Respekt; aber nach dem zweiten Abgang, nach dem Bruch mit der kleinen Oppositionspartei, ist das anders - wer mit großer Geste ein letztlich doch simples Bundestagsmandat zurücklegt, den fragen sie dann schon mal, ob er noch alle Tassen im Schrank hat.
So ist Oskar auch diesmal nicht mit sich im Reinen, mag er sich noch so bemühen, den gegenteiligen Eindruck zu erwecken. "Ganz ist man nie im Reinen", wehrt er die Frage ab, ohne allzu konkret auf sie einzugehen. Aber immerhin habe er jetzt "eine politische Existenz, die das Private völlig vernachlässigt", hinter sich. Der Abgang ist auch der Versuch, "mich gegen die Vereinnahmung durch die Politik zu wehren". Man kann, lacht er, eben "nicht alles haben im Leben".
"Typisch Oskar", sagen jetzt auch seine Freunde und Feinde - wobei das bei Oskar Lafontaine ohnehin zwei Kategorien sind, die nicht so leicht auseinander zu halten sind. Die Risikokandidatur, die Entscheidung im Rausch der Gefühle, das war immer etwas, was ihn auszeichnete. Und es war auch sein Problem, das immer auch jenen bewußt war, die sich auf seine Seite schlugen. Das war 1995 so, als er beim Mannheimer Parteitag der SPD Rudolf Scharping die Parteiführung entwand, das war 1998 so, als er Hals über Kopf Regierungsamt und Parteiführung hinwarf, und das war letztlich vor einem Jahr so, als er sich an die Spitze der neuen Linkspartei stellte, diesem fragilen Haufen aus ostdeutschen Postkommunisten, metropolitanen Junglinken und frustrierten westdeutschen Alt-Sozialdemokraten. Auch diese letzte Rückkehr in die Politik hatte etwas von jener Art von Hasard, für den sich Lafontaine immer am ehesten begeisterte: Politik für Gambler. Seine Begeisterungsfähigkeit war es eben aber auch, mit der er über Jahrzehnte andere mitriss: "Es gibt noch Politikentwürfe, für die wir uns begeistern können. Wenn wir selbst begeistert sind, können wir auch andere begeistern", hatte er bei seiner legendären Mannheimer Rede gesagt, die Scharping begrub und ihn ins Amt des Parteichefs spülte.
Die andere Seite des Oskar Lafontaine ist die, die jetzt wieder Schlagzeilen macht: Oskar, die Diva. Oskar, das Irrlicht, oder, wie die Zeit vor beinahe zwanzig Jahren schrieb, "kein Linker oder Rechter, zunächst einmal nur - ich". Mit solchen Charakterisierungen, mit der Banalisierung auf's Psychologische, wolle man doch die grundsätzliche Auseinandersetzung vermeiden, wehrt er ab. Dass er seinen Rücktritt vom Mandat nicht in der Fraktion, sondern ausgerechnet in "Veteranenlager", der neuen Sat-1-Talkshow von Ex-Außenminister Joschka Fischer bekannt machte, wird ihm jetzt vorgehalten, und dass er für diesen ersten Auftritt als Ex-Politiker schon wieder 3000 Euro an Honorar eingestrichen hat. Ja, was erwarten die denn? Er sei doch jetzt wieder freier Schriftsteller, habe eine Familie zu ernähren. Wenn er auf seine Kritiker zu reden kommt, sagt er einfach nur "Sesselfurzer". Er sagt das aber nicht, wie man sonst üblicherweise in Gesellschaft seinen Ärger mit gelegentlichen Kraftausdrücken Ausdruck verleiht - er senkt nicht die Stimme, er nuschelt nicht. Nein, wenn Oskar Lafontaine "Sesselfurzer" sagt, läßt er davor zunächst eine Pause, dann hebt er die Stimme und sagt, gut vernehmbar, so dass man es ganz sicher nicht überhören kann: "Sesselfurzer".
Damit meint er heute zunächst die modernisierten linken PDS-Klientels, die jungen Leute, die vor allem in den großen Städten Ostdeutschlands in den vergangenen fünfzehn Jahren in die SED-Nachfolgepartei geströmt sind und heute Minister, Senatoren oder Bürgermeister sind. In der SED waren sie nie, sie sind wendig, und sie wollen eine linke Kraft für das 21. Jahrhundert entwickeln, die sowohl radikal als auch realistisch ist. Für sie ist das sozialdemokratische Arrangement der glorreichen siebziger Jahre der BRD nichts, wonach sie sich zurücksehnen. Natürlich, damals herrschte Vollbeschäftigung, aber um den Preis einer formierten Gesellschaft. Diese neue Generation linker Politiker will die Differenz gestalten, nicht die Homogenität wieder herstellen. Mehr Gleichheit und Solidarität auf Basis der Freiheitsgewinne, die die postfordistischen Gesellschaften brachten. Wie man dahin kommt, wissen sie natürlich nicht. Aber sie versuchen sich zumindest vorzutasten. Und sie glauben zu wissen, dass man mit der Schwarz-Weiß-Malerei und der Selbstgewissheit, dass man nur an ein paar Stellschrauben drehen muss und alles wird besser, dem Ziel nicht sehr viel näher kommt.
Kein Wunder, dass Oskar Lafontaine mit ihnen schon bald zusammenkrachte. "Die Leute wollen eine Lösung", sagt er. "Die Leute", das sind für Lafontaine vor allem die Rentner und die Arbeitnehmer. Für sie muss man Politik machen. Und für sie Politik zu machen, heißt, dafür zu sorgen, dass sie mehr Geld im Portemonnaie haben. Zum Nachfrage-Steigern. Nicht mehr, nicht weniger. Lafontaine: "Alles andere ist liebenswerte Theorie".
"So sehe ich das eben", sagt Lafontaine gerne in solchen Momenten. Das klingt natürlich ein wenig nach Understatement. Nach: So seh' ich's, aber natürlich kann man's auch anders sehen. So meint Lafontaine das aber freilich nicht. Anders kann man das nur sehen, wenn man böswillig oder blöd ist. Mit einem fragilen Haufen, der vom Virus des Neoliberalismus angesteckt ist, kann man nicht Opposition machen. Dafür brauche er nicht seine Zeit zu vertun. Da habe er als Publizist effektivere Möglichkeiten, dagegenzuhalten. Da kümmere er sich lieber um seinen Sohn und die beiden alten Frauen im Haus, seine Mutter und die Schwiegermutter. Das nur zum Vorwurf der Pflichtvergessenheit. Das solle man bitte auch einmal schreiben. "So sehe ich das eben."
Nun sitzt er also auf seinem Balkon, lächelt schelmisch und sagt, dass ihn die Querelen mit seinen Kurzzeit-Genossen eigentlich kalt lassen. Das sind doch kleine Kläffer. Oskars Feinde müssen schon Oskars Format haben. Unter einem Kanzler - oder eben einer Kanzlerin - tut er es nicht. So zieht er über die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Merkel-Regierung her. Die Unternehmenssteuern wurden noch einmal gesenkt, die Sozialleistungen ohnehin schon von ihrem Vorgänger gekürzt. Immer wieder höre man, wenn die Unternehmen gut verdienen, werden sie investieren. Lafontaine: "Also müsste es eigentlich einen Investitionsboom geben. Gibt's aber nicht." Dagegen gäbe es in den USA "eine expansive Geld- und Fiskalpolitik, die privaten Haushaltseinkommen steigen kräftig an - und das führt, wie man sieht, zu enormem Wirtschaftswachsum. Das Ergebnis dieses jüngsten Großexperiments bestätigt meine Position. Ich weiß nicht, wieso man so resistent gegen Zahlen sein kann".
Oskar. Der Balkon. Von hier betrachtet er die Merkel-Republik. Und irgendwie hat man den Eindruck, die unterscheidet sich nicht sonderlich von der Schröder-Republik, oder, davor, der Kohl-Republik. Was immer sich verändert haben mag, einer sagt, seit Jahr und Tag das gleiche. Kann man daraus nicht auch den Schluss ziehen, es sei egal, wer regiert? Da lacht er, der Oskar. Natürlich ist es egal, wer regiert, wenn alle die gleichen Fehler machen. Sind alle vom neoliberalen Virus befallen, nur einer nicht? "Nein, ich bin voll Hoffnung. Es wird ein Umdenken erzwungen werden, weil man ja mit dieser Politik gegen die Wand gelaufen ist. Das wird zunehmend verstanden".
(alle Zitate aus Gesprächen und Interviews, die der Autor zwischen 1992 und 2004 mit Oskar Lafontaine führte).
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