Weltwährungsfonds: Ungleichheit ist für die Finanzkrise verantwortlich!

Die Älteren von uns haben ja ein klares Bild des Weltwährungsfonds IMF vor uns: das Bild einer rabiaten neoliberalen Gang, die einreitet, wenn ein Land - oder eine Weltregion - in Schwierigkeiten ist und überall die gleichen neoliberalen Rezepte veordnet. Mehr Markt, weniger Staat, Sozialleistungen kürzen. 

Aber in den letzten Jahren kommen immer mehr Studien und Empfehlungen aus New York, die man vom IMF nicht erwartet hatte. Zuletzt wurde in einer Reihe von Untersuchungen die These untermauert, dass die aufgehende Ungleichheitsschere das eigentliche Problem der fortgeschrittenen westlichen Marktwirtschaften ist; dass die Ungleichheit das Wachstum drosselt; dass sie die Erholung verlangsamt. Eine ganze Reihe kritischer Untersuchungen aus dem Hause IMF findet man hier. Eine Tendenz, die man übrigens nicht nur im IMF feststellt. Auch die OECD, vor kurzem noch marktradikaler Einpeitscher, sorgt neuerdings immer häufiger mit Papers dieser Art für Aufsehen (hier).

In einem tollen Interview, das das Web-Kulturmagazin "Eurozine" veröffentlichte, erklärt jetzt IMF-Forscher Michael Kumhof, wieso die gewachsenen Ungleichheiten auch die Ursache für die Finanzkrise waren. Das Erklärungsmodell der IMF-Forscher sieht so aus:

It is based on the idea that the wealthiest five per cent have increased their incomes to the extent that they cannot possibly spend it all. You can only own so many Armani suits. Neither can the very rich find enough companies that are sufficiently profitable for them to invest in. The only thing left for them to do is to lend the money through the banking sector. Meanwhile, the remaining 95 per cent get a smaller slice of the pie. They have to borrow money to keep up the consumption they feel entitled to. They still believe that they are going to get a larger slice of the pie in the long run and want to even out their spending. A great supply of money from the richest five per cent and a great demand to borrow among the remaining 95 per cent creates the type of debt burden we are seeing right now. The state has borrowed money, at home or abroad, to finance the consumption of the less affluent. 

Das ganze Interview hier

Wachsende Ungleichheit bedeutet also, dass die Top-5-Prozent mehr Geld - und zwar viel mehr Geld - zur Verfügung hatten, als sie ausgeben oder auch nur gewinnbringend investieren konnten; und dass die unteren 95 Prozent immer weniger Mittel hatten, ihr Konsumniveau aufrecht zu halten. So floss das überakkumulierte Vermögen der Reichen in Form von Krediten an die weniger Begüterten. Die Schuldenspirale drehte sich. 

Sind mehrere Volkswirtschaften im Spiel und leihen die einen den anderen Geld - was sich dann als Leistungsbilanzüberschuss bzw. -defizit darstellt, dann macht das das Modell gewiss komplizierter, aber die Ursachen sind die gleichen: Ungleichheit pumpt die Schuldenblase auf, bis sie platzt. 

Deshalb ist grobe Ungleichheit auch vom Standpunkt einer kapitalistischen Marktwirtschaft ein großes Problem - oder umgekehrt formuliert: Je egalitärer, also gleicher die Verteilung in einem Gemeinwesen, umso stabiler und prosperierender ist die Wirtschaft. 

Ganz neu ist diese Einsicht nicht. Aber neu ist, dass sie jetzt von einer Reihe von Arbeiten des IMF und der OECD gestützt wird, beides Institutionen, die ja sozialistischer Umtriebe unverdächtig sind. 
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Robert Misik
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