Recently in Texte aus dem Falter (Wien) Category

Am kommenden Montag habe ich in meiner Reihe "Genial dagegen" im Kreisky-Forum

SVEN GIEGOLD zu Gast

Thema: 

FINANZMARKT-REGULIERUNG
WIE KANN DAS FUNKTIONIEREN?

Dass man Finanzmärkte regulieren muss, dass man sie zähmen muss, damit sie nicht chronische Instabilität in unser Wirtschaftssystem bringen - mit dieser Forderung rennt man heute scheinbar offene Türen ein. Aber wenn es dann ans Eingemachte geht, stellen sich mächtige Lobbys quer. Und wenn es an Details geht, dann sind oft sogar Eingeweihte mit der technischen Komplexität der Fragestellung überfordert. 

Wie also kann das exakt funktionieren, das "Zähmen der Finanzmärkte"? 

Sven Giegold ist für diese Frage wohl die beste Auskunftsperson. Giegold war Mitbegründer von ATTAC-Deutschland und seit 2009 Abgeordneter der Grünen im Europaparlament. Dort ist er einer der führenden Figuren im für Finanzmarktregulierung zuständigen Wirtschafts- und Währungsausschuss, und direkt mit der Macht der Lobbys konfrontiert. Giegold wird Kernpunkte einer zeitgemäßen Finanzmarktregulierung präsentieren, und auch so erklären, dass interessierte Laien die Sache verstehen. 

Kreisky-Forum, 
Armbrustergasse 15, 1190 Wien
Montag, 6. Mai
ACHTUNG: Diesmal beginnt die Veranstaltung schon um 18 UHR!

Die Dümmsten reüssieren

No Comments No TrackBacks

Elf Jahre nach Pierre Bourdieus Tod veröffentlicht der Suhrkamp-Verlag ausgewählte Schriften zur Politik. Falter, Buchbeilage, März 2013

Als Pierre Bourdieu vor knapp elf Jahren starb, war er ein kämpferischer linker Intellektueller, der es in seinen letzten Lebensjahren verstand, Netze sozialer Protestgruppen zu etablieren, deren Fäden bis heute noch Bestand haben; darüber hinaus und vor allem war er aber der vielleicht einflussreichste Soziologe seiner Zeit. Begriffe und Konzepte, die Bourdieu in seiner jahrzehntelangen Arbeit entwickelte, sind beinahe zu geflügelten Worten geworden: Man denke nur an Konzepte wie "soziales Kapital" oder "kulturelles Kapital", "Distinktionsgewinn" oder "Habitus", alles Begriffe, die heute in Proseminaren oder in Feuilletons auch von Leuten benutzt werden, die von Bourdieu noch nie eine Zeile gelesen haben. 

Aber gerade diese Wirkmächtigkeit ließ Bourdieu auch schnell in Vergessenheit geraten. An einem, der zwischen den sechziger und den neunziger Jahren die Debatten seines Fachs und die linken Diskurse prägte, schien es ja nichts mehr zu entdecken zu geben. Bourdieu war schon zu Lebzeiten derart rezipiert, dass für posthume Entdeckungen schlicht nichts übrig geblieben schien. 

Rückkehr der Religionen? Abgesagt!

No Comments No TrackBacks
Benedikt XVI. glaubte, er könne den Bedeutungsverlust seiner Kirche zurückdrehen. Wer immer sein Nachfolger wird: Dieser Illusion wird er sich nicht hingeben. Falter, 13. Februar 2013

Acht Jahre können manchmal wie eine Ewigkeit erscheinen, selbst bei einer Institution, die eine berufsmäßige Kompetenz für das Ewige hat. Als Papst Benedikt der XVI. im Jahr 2005 antrat, war allerorts von der "Rückkehr der Religionen" die Rede. In den USA bestimmte ein zunehmend fundamentalistischer Protestantismus die Politik. Ein militanter Islam sorgte für globale Konflikte. Die großen weltpolitischen Kontroversen waren plötzlich religiös codiert. Im "Kampf der Kulturen" schien die Rückbesinnung auf religiöse Identitäten der Trend der Stunde zu sein. Aber diese "großen Konflikte" begannen auch die "kleinen Konflikte" einzufärben. Vor allem in Europa sorgte Immigration nicht nur für neue multiethnische Realitäten, die Spannungen, die damit einher gingen, wurden mit einemmal auch "religiösisiert" - da war plötzlich wieder die Rede von der christlichen Identität Europas, und davon, dass "die Muslime" nicht zu "uns" passen. 

Banker für das Gute

No Comments No TrackBacks

Ein raffiniertes Finanzsystem ist eine großartige Sache, sagt US-Ökonom Robert Shiller. Bloßes Banker-Bashing führt in die Irre. Falter, 3. Dezember 2012

Robert Shiller, 66, ist einer der einflussreichsten Ökonomen der USA. Er ist Professor an der Yale Universität und hat sowohl das Platzen der Dotcom-Blase wie auch der Immobilienblase vorausgesagt. Vergangene Woche präsentierte er auf Einladung des Bruno Kreisky-Forum  in der Nationalbank sein Buch "Märkte für Menschen. So schaffen wir ein besseres Finanzsystem." (Campus-Verlag, 376 Seiten, 36,50,- Euro)

Sehr viele Leute meinen mit gutem Grund, dass Banken, Fonds und andere Finanzinstitutionen hauptsächlich dazu da sind, normale Bürger auszuplündern. Wie können Sie da behaupten, dass diese Branche einen Beitrag zu einer "guten Gesellschaft" leisten kann?

Shiller: Funktionierende Finanzinstitutionen tragen zur zivilisatorischen Entwicklung der Menschheit bei. Je älter ich werde, umso mehr denke ich über die moralische Seite des Finanzsystems nach.

Aber Sie haben auch eine starke These: Je komplexer und ausgeklügelter ein Finanzsystem, umso mehr nützt es der allgemeinen Wohlfahrt.

Shiller: Das Finanzsystem gibt Menschen die Möglichkeit, aktiv zu werden, es macht großartige Dinge möglich. Es gibt nicht viel, was Sie als einzelner Mensch alleine machen können. Und wenn Sie kollektiv etwas machen wollen, braucht es die Regierung. Aber das Finanzsystem erlaubt Menschen, zusammen zu arbeiten, ohne die Regierung. Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Mobiltelefon bauen. Sie brauchen andere Menschen, sie brauchen Leute, die Ihnen Geld zur Verfügung stellen, es ist riskant, und manche Risiken müssen versichert werden. All das ermöglicht Ihnen das Finanzsystem.

Der unmögliche Kandidat

No Comments No TrackBacks
Glaubt man den Umfragen, hat Mitt Romney Chancen, Barack Obama zu schlagen. Am Kandidaten Romney kann das nicht liegen. Falter, 31.10. 2012

Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass Mitt Romney der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird. Und das alleine ist erstaunlich genug. 

Denn der 65jährige Mitt Romney ist, nüchtern betrachtet, ein völlig unmöglicher Kandidat. Er ist der Präsidentschaftkandidat einer Partei, die ihn eigentlich hasst. Die Republikanische Partei ist in den vergangenen Jahren zu einer ultrarechten Partei geworden, die sich praktisch in Geiselhaft von Extremisten befindet - der radikalen „Tea-Party-Bewegung", und einer Parteibasis, die an die heilsamen Wirkungen des freien Marktes glaubt, die jeden Hauch von Liberalismus als Teufelszeug verdammt. „Der lupenreine Konservativismus, der von der Republikanischen Partei Besitz ergriffen hat, passt so überhaupt nicht zu Romney's Persönlichkeit, zu seinem Charakter und seiner Geschichte, dass seine Kandidatur geradezu bizarr erscheint", schreibt der Autor und Pulitzer-Preisträger Russel Baker in der jüngsten Ausgabe der „New York Review of Books". 

Die Parteigänger der Republikaner haben ihn nur deshalb nominiert, weil von den anderen Kandidaten, die zur Auswahl standen, überhaupt niemand eine Chance gehabt hätte, gegen Obama zu gewinnen. Und weil sie wissen, dass die Mehrheit der Amerikaner nicht so rechts ist, dass ein „echter" Konservativer gewinnen könnte. 

„Eine sozial unnütze Aktivität"

No Comments No TrackBacks
Sind Finanzmärkte überhaupt „Märkte"? Und was ist ihr Nutzen? 

Dieser Beitrag erschien in leicht unterschiedlichen Varianten im Falter / Wien und der "Gegenblende", dem Online-Magazin des DGB

Es ist nur ein Wort, es spricht sich leicht aus, fast unbedacht wird es verwendet - das Wort vom „Markt". Schließlich leben wir ja in der „Markt"-Wirtschaft. Und in der gibt es Gütermärkte, die tatsächlich so funktionieren wie Dorfmärkte. Bleibt der Schuhhändler auf seinen Schuhen sitzen, wird er den Preis senken oder die Produktion der offensichtlich hässlichen Treter wird gedrosselt, bis Angebot und Nachfrage wieder im Gleichgewicht sind. Dieses Bild vom Markt wird, wie eine Art Metapher, über alle Segmente der Ökonomie gestülpt. Wie selbstverständlich sprechen wir vom „Arbeitsmarkt", obwohl dem viele Charakteristika eines Marktes fehlen - so können „Anbieter" am Arbeitsmarkt ein „Überangebot" ja nicht so einfach drosseln (außer durch Massenselbstmord, was aber eine sehr unbeliebte Variante ist). Der „Arbeitsmarkt" ist also, wie die Ökonomen sagen würden, ein so „unelastischer Markt", dass es praktisch Unsinn ist, ihn als Markt zu bezeichnen. 

Nicht ganz unähnlich ist es bei den „Finanzmärkten". Sowohl Progressive wie Konservative und Wirtschaftsliberale reden von „Finanzmärkten", bloß dass die einen für deren Regulierung, die anderen dagegen sind. Aber niemand fragt, ob es sich bei den Finanzmärkten überhaupt um Märkte handelt. Aber indem sie klammheimlich von dieser Prämisse ausgehen, behaupten die Wirtschaftsliberalen dann dreierlei: dass erstens strenge Regeln das Wirken der Marktkräfte einschränken würden; zweitens strenge Regeln die produktive Funktion von Finanzinstitutionen behindern; und drittens gerade auch die Investmentbanken und -Fonds positive Wirkungen haben, indem sie etwa innovative Unternehmungen, Start-Ups und anderes finanzieren. Manchmal nur implizit, oft auch explizit, wird diesen Argumenten hinzugefügt, dass man an all dem sehe, dass die Linken eben „von Wirtschaft nichts verstehen", weil sie die positiven Wirkungen von Märkten durch Regeln oder Verbote behindern würden. Sehen wir uns diese Argumente genauer an und beginnen wir beim letzten. 

Flexibiliät, die schädlich ist

No Comments No TrackBacks
Was passiert genau, wenn die Ungleichheit wächst? James K. Galbraith hat die Auswirkungen auf die Ökonomie studiert. Falter, 31. Juli 2012

Vor zehn Jahren galt, wer sich für mehr Gleichheit einsetzte (oder umgekehrt die wachsende Ungleichheit beklagte), noch als hoffnungslos altlinks. Selbst die Sozialdemokraten der Blair- und Schröder-Jahre waren bereit, die angebliche soziale Funktionalität von Ungleichheit anzuerkennen. Heute ist das Pendel merklich zurück geschwungen. Nicht nur keynesianische Ökonomen wie Joseph Stiglitz, Paul Krugman, Nouriel Roubini und andere identifizieren die Ungleichheit als entscheidende Quellen unserer ökonomischen Misere, selbst die Reports des Währungsfonds und der OECD blasen regelmäßig in dieses Horn und fragen besorgt, „was die Politik gegen wachsende Einkommensungleichheiten machen kann?" Dass Ungleichheit nicht der Preis für Prosperität ist, sondern uns sehr viele Probleme einbrockt, das wird langsam schon der neue Common Sense. Gut so. 

Aber wie genau hängen wachsende Ungleichheiten mit geringerem Wirtschaftswachstum zusammen? Und wie mit finanzieller Instabilität? Das „Inequality Project" der Universität Texas unter den Wirtschaftsprofessor James K. Galbraith studiert seit mittlerweile gut 15 Jahren den Grad an Ungleichheit, die Dynamik und die Ursachen seiner Veränderung und die ökonomischen Folgen, die Ungleichheit hat. Jetzt hat Galbraith ein ökonomisches Fachbuch herausgebracht, das wichtige Erkenntnisse zusammenfasst. 

Die Occupy-Bibel

No Comments No TrackBacks
In einem grandiosen Sammelband bekundet Amerikas linksliberales Establishment der Occupy-Bewegung seine Referenz. Berliner Zeitung und Falter, Juli 2012

Ein dicker Wälzer mit demTitel „The Occupy Handbook", da würde man sich hierzulande wohl eher eine Attac-Fibel vorstellen oder vielleicht gar eine Anleitung zum Aufbau von Zelten und der effektiven Veranstaltung von Straßenblockaden. Umso beeindruckender ist, was die amerikanische Autorin Janet Byrne zwischen zwei Buchdeckel gepackt hat. Aber der Reihe nach: Elektrisiert von der „Occupy"-Bewegung, hat Byrne einige Dutzend Autoren angeschrieben, und mitgemacht haben: Notenbanker-Legende Paul Volcker, Spitzenökonomen wie Paul Krugman, Kenneth Rogoff, Nouriel Roubini, Bradford DeLong, Raghuram Rajan, Clintons Arbeitsminister Robert Reich, Oberanarchist David Graeber, Autoren wie Barbara Ehrenreich und Chris Edges und der global einflussreichste Wirtschaftsjournalist, Martin Wolf von der Financial Times. Sie und viele andere sind mit großteils beeindruckenden Essays in dem 535-Seiten-Reader vertreten. 

Dieses Gefühl der Unsicherheit

No Comments No TrackBacks

Wirtschaftskrise. Wie ein Gift frisst sich das Unsicherheitsgefühl in unsere Gesellschaften. Jetzt sehen wir: Sicherheitsgefühl macht nicht antriebslos. Im Gegenteil: Angst lähmt. Falter, 11. Juli 2012

Wie wir zur „Sicherheit" stehen, das hängt verdammt davon ab, wie man fragt. Würden Sie das „Risiko" der „Sicherheit" vorziehen? Eher nicht. Aber dafür die „Freiheit" der „Sicherheit"? Womöglich schon. Wir haben die Phrasen im Ohr, mit denen in den vergangenen Jahrzehnten von „Wirtschaftsvertretern" gegen die „Vollkaskomentalität" polemisiert wurde, gegen das Bedürfnis der Bürger, in einen langweiligen Wattebauschen aus „Sicherheit" gehüllt zu werden. Aber das Sicherheitsbedürfnis des Spießbürgers wurde auch von den Punks verlacht - Motto: „No Risk, no Fun" -, wahrlich seltsame Allierte der Neoliberalen.

Nur: Über das Sicherheitsgefühl kann man herrlich spotten, solange es in ausreichendem Maße vorhanden ist.

Aber seit dem Absturz in die Wirtschafts- und Finanzkrise haben wir nicht nur ökonomische Probleme, das Gefühl der Unsicherheit frisst sich in die Gesellschaften hinein. Ja, so ein eigentümliches Unsicherheitsgefühl, das sich ausbreitet, in jeden Einzelnen hinein. Es wirkt wie eine tägliche kleine Dosis Gift, sodass wir mit einem mal dauernd Leuten begegnen, die Angst haben. Und wir lernen plötzlich wieder, dass Unsicherheitsgefühle Auswirkungen auf das Verhalten von Menschen haben und damit wiederum ökonomische Auswirkungen - dass das Gefühl von Unsicherheit sogar noch mehr Unsicherheit produzieren kann.

Zittern Sie auch vor einer Machtübernahmen der griechischen Syriza? Fürchten Sie sich auch vor der Inflation? Oder sind Sie ohnehin überzeugt vom notwendigen Systemkollaps? Ein paar populäre (Vor-)Urteile über die Finanzkrise, und was es mit ihnen auf sich hat. Eine etwas gekürzte Version dieses Fact-Checks erschien im Falter vom 13. Juni 2012

Vier Jahre ist sie jetzt schon alt, die Wirtschafts- und Finanzkrise, begonnen hat es mit einer Bankenkrise, dann ging es weiter mit einer schweren Rezession und stockender Erholung und, wie immer nach Bankenkrisen, mit einer Staatsschuldenkrise. Aber wie meist gibt es auch ein Gutes im Schlechten: Wir alle haben viel gelernt über die Wirtschaft und auch über makroökonomische Fachkategorien. Die Zeitungen sind voll mit Artikel, in denen Worte wie „Nachfrage", „Leverage", „Zinsspreads" vorkommen, und verdammt viele Leute, die vor vier Jahren noch nicht mal diese Begriffe kannten, wissen heute, was es damit auf sich hat. Und noch etwas haben wir gelernt: Dass man simplen Parolen besser misstraut. Aber das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Heute spuken neue eingängige Thesen herum, die von vielen Leuten geglaubt werden, auf die man aber besser ein paar Minuten kritischen Nachdenkens verschwenden sollte. Was hat es also mit diesen populären (Vor-)Urteilen auf sich? 


„Alarm! Jetzt droht Inflation!"

„Inflations-Alarm! Bundesbank weicht den Euro auf!" titelte vor ein paar Tagen die deutsche „Bild-Zeitung". Und wie so oft schürt der Boulevard in diesem Fall nicht nur Ängste, sondern macht sie sich zunutze. Denn dass „unser Geld" bald nichts mehr wert sein wird, das befürchten viele Menschen. Die Zentralbanken haben in den vergangenen Jahren den Markt mit Geld geflutet. Das heißt, sie haben den Banken sehr viel Geld geliehen, damit der Finanzkreislauf zwischen den Instituten nicht ins Stocken gerät, oder - wie zuletzt die Europäische Zentralbank -, damit die Banken Staatsanleihen europäischer Staaten kaufen. Und da denken viele: Wenn mehr Geld im Umlauf ist, dann gibt es automatisch Inflation. Schon kurz nach der Finanzkrise wurde vorhergesagt, dass Hyperinflation die große Gefahr ist. Spätestens 2010, 2011 würde sie beginnen, die galoppierende Geldentwertung, wurde prophezeit. Aber die angekündigte Hyperinflation kam nicht. Warum? Mehr Zentralbankgeld löst nicht automatisch Inflation aus. Es braucht dafür ein „inflationäres Klima". Die Banken müssen mit dem Zentralbankgeld noch „mehr Geld" produzieren, indem sie wie wild Kredite an Unternehmen vergeben. Das tun sie nur, wenn die Wirtschaft brummt, Unternehmen also investieren wollen. Aber auch das reicht nicht aus. Die Konsumenten müssen in bester Laune sein und ihr Geld mit beiden Händen ausgeben. Erst dann ziehen die Preise der Waren an. Mit den Preisen müssen die Gehälter mitziehen, damit die Menschen auch Geld genug in der Tasche haben, die teureren Güter auch zu kaufen. Löhne steigen aber nicht in einer Depression mit hoher Arbeitslosigkeit, sondern erst bei annähernder Vollbeschäftigung. Erst dann dreht sich die Lohn-Preis-Spirale und die Inflationsrate klettert hoch. „Aber halt! Die Preise steigen doch!" mag man jetzt einwenden. Ja, aber das ist zum Großteil importierte Inflation, weil am Weltmarkt die Preise eines knappen Gutes steigen: Die Energie-, vor allem die Ölpreise. Aber das würden sie auch, wenn eine andere Geldpolitik gemacht würde. Das würden sie sogar, wenn es gar keine Krise geben hätte - dann würden sie womöglich sogar noch schneller steigen. Es ist fast ein bisschen kurios: Mitten in einer schweren Krise, mit Konjunktureinbrüchen und katastrophaler Jugendarbeitslosigkeit, machen sich manche Leute primär Sorgen um die Inflation - also und das so ziemlich einzige Problem, das wir im Augenblick nicht haben. Es kommt aber noch kurioser: Mancher Preisauftrieb, den die Bürger spüren, ist sogar die direkte Folge der Inflationsangst. Weil die Menschen Angst davor haben, dass ihr Erspartes an Wert verliert, investieren sie in scheinbar stabilere Anlagen - etwa in Immobilien. Deshalb steigen die Preise für Eigentumswohnungen und Häuser. Weil panische Vermögensbesitzer ihr Geld lieber in Beton als in Wertpapiere anlegen. 

„Mit Schulden muss Schluss sein"

No Comments No TrackBacks
SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel über den umstrittenen Fiskalpakt, die Euro-Krise und die Frage, ob es den Sozialdemokraten heute an „Killerinstinkt" fehlt. Falter, 5. Juni 2012

Sigmar Gabriel, 52, war Ministerpräsident in Niedersachsen, Umweltminister in der Großen Koalition und ist seit drei Jahren Parteivorsitzender der SPD. Die führt er allerdings in einer „Troika", zu der auch Ex-Finanzminister Peer Steinbrück und der Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier zählen. Wer von ihnen nächstes Jahr als Kanzlerkandidat Angela Merkel herausfordert, wird demnächst von den dreien ausgepokert werden müssen. 

Nach dem Ausbruch der Finanzkrise hätte man eigentlich annehmen können, dass neoliberale und konservative Politik abgewirtschaftet haben. Stattdessen wurden aber vor allem Sozialdemokraten abgewählt. Woran lag's?

Gabriel: Sie sind vor allem in jenen Ländern abgewählt worden, wo sie in der Regierung versuchen mussten, mit umstrittenen Maßnahmen ihre Länder vor dem Kollaps zu bewahren. Sie haben den Preis für unpopuläre Maßnahmen bezahlen müssen. Aber zur Wahrheit gehört natürlich auch, dass die Sozialdemokraten in den vergangenen 15 Jahren den Marktradikalen zu viel nachgegeben haben. Wir sind in Teilen mitverantwortlich für die Deregulierung und Entfesselung der Finanzmärkte. Wenn wir heute sagen, wir haben aus den Fehlern gelernt und wollen zurück zu einer fairen Balance in den Marktwirtschaft, dann begegnet uns Skepsis. Es gibt keine Veranstaltung, bei der nicht ein Sozialdemokrat oder ein Gewerkschafter aufsteht und fragt: ‚Warum sollen wir Euch jetzt glauben?' Darüber hinaus gibt es eine so dramatisch gewachsene Enttäuschung über die Politik allgemein, dass sich die Menschen komplett abwenden. 

Zur Lage der Linken

No Comments No TrackBacks
Die Kapitalismus-Krise führte absurderweise vor allem zu einem Abwahlorgie sozialdemokratischer Regierungen. Doch seit Francois Hollandes Wahlsieg und dem SPD-Triumph in Nordrhein-Westfalen fühlen die Linken wieder ein bisschen Aufwind. Ist der Optimismus berechtigt? Falter, 5. Juni 2012

Handbuch der Euro-Rettung

No Comments No TrackBacks
Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman liest den politischen Eliten die Leviten. Ihre Rezepte haben die Wirtschaftskrise verschärft. Berliner Zeitung / Frankfurter Rundschau / Der Falter, 12. Mai 2012

Tag um Tag trägt er in seinem Blog in der „New York Times" seine Argumente vor, Woche für Woche erklärt er in seiner Kolumne, warum die Krisenlösungsstrategien der amerikanischen Regierung, vor allem aber der europäischen Eliten ins Desaster führen müssen: Paul Krugman, Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2008. Verallgemeinertes Sparen mitten in einer Wirtschaftskrise führt nur weiter ins Loch einer langandauernden Depression, ist mit millionenfachen menschlichem Leid verbunden, und wird auch noch an dem selbstgesteckten Ziel, nämlich der Haushaltskonsolidierung scheitern, weil die Schrumpfung der Wirtschaftsleistung keine sehr kluge Konsolidierungsstrategie ist. Das Desaster in Griechenland, aber auch in Spanien, in Irland und Portugal, liefert mittlerweile auch den empirischen Beweis: Austerität funktioniert nicht. Und seit vergangenem Sonntag wissen wir zudem, dass uns Europas Trümmer bald um die Ohren fliegen, wenn wir so weiter machen: die „Merkozy"-Suizidstrategie wurde von den Franzosen abgewählt, die Griechen haben gleich ihre gesamte alte politische Kaste abgeräumt. 

Merkel zerzaust

No Comments No TrackBacks
Rot-Grün triumphiert bei den NRW-Wahlen. Wackelt jetzt auch die Kanzlerin? Falter, 16. Mai 2012

Erst kommt ihr in Frankreich Nicola Sarkozy abhanden, dann werden die „Radikalen Linken" die eigentlichen Wahlgewinner in Griechenland und am Ende erkämpft Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen die absolute Mehrheit, während ihre CDU ins Debakel schlittert. Es war keine gute Woche für Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin und mächtigste Frau Europas. 

Mit dem überragenden Wahlsieg von Hannelore Kraft im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland fühlt sich die deutsche Sozialdemokratie wieder im Aufwind - und ihr Parteichef Sigmar Gabriel sieht sich schon auf eine gesamteuropäischen Wendewoge surfen. Ein bisschen geflunkert ist das freilich schon, denn gar so einfach liegen die Dinge nicht. 

Angela Merkels Austeritätsdiktat für die Eurozone ist in Europa unpopulär, in Deutschland aber nicht. Dass die fleißigen Deutschen doch nicht der Zahlmeister für die faulen Südländer sein dürfen, dieses plumpe Argument verfängt in Deutschland immer noch. Das ist auch der Grund dafür, warum Gabriel und seine SPD nicht auf allzu harten Konfrontationskurs zur Bundesregierung gehen - sie glauben, für eine Abkehr von der Sparpolitik in Deutschland keine Mehrheit bekommen zu können. Deshalb tragen sie ihre Kritik in homöopatischen Dosen vor, nur erscheinen sie so eben auch nicht als fundamentale Alternative zur Merkel-Politik. Nicht zuletzt deshalb hatten sie bei vielen Wahlgängen in diesem Frühjahr Mobilisierungsprobleme. 

Hannelore Krafts Wahlsieg sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die SPD noch immer keinen Ausweg aus diesem Strategiedilemma gefunden hat. Krafts Sieg war tatsächlich in erster Linie Krafts Sieg. Linke und FDP hatten die Rot-Grüne-Minderheitsregierung der populären Ministerpräsidentin über die Klinge springen lassen, die darauf folgenden Neuwahlen hat Kraft erwartungsgemäß gewonnen. Sie hat sich als Landesmutter und Kümmerin präsentiert. Deshalb hat sie gewonnen, und weniger wegen eines konzisen Alternativprogramms zur Merkel-Regierung. 

Kraft hat gewonnen, wie man so schön sagt, weil sie eine „normale Frau" ist, die „nah bei den Leuten" ist. Von den drei Kanzleraspiranten der SPD kann das keiner so leicht nachhüpfen. Ein Jahr vor den nächsten Bundestagswahlen sieht die Sache jetzt am ehesten so aus: Merkels CDU/FDP-Koalition ist weit von einer Mehrheit entfernt, aber eine Mehrheit von Rot-Grün ist ebenfalls sehr wackelig. Gut möglich, dass sich dann als einzige Regierungsform eine Große Koalition mit Merkel als Kanzlerin ausgeht. Es sei denn, Gabriel wagt den Hasard: Eine Dreierkoalition von SPD, Grünen und Piraten. Angedeutet hat er diese Möglichkeit schon. Dann würden die Politfreibeuter, kaum dass sie den Bundestag geentert haben, auch schon auf die Kommandobrücke klettern. 

Der Krieg der Ökonomen

No Comments No TrackBacks
Muss man nur die Märkte mit Unterwerfungsgesten beschwichtigen und ansonsten auf die Selbstheilungskräfte der Märkte vertrauen? Oder braucht es jetzt einen radikalen wirtschaftspolitischen Kurswechsel? Bis zur Finanzkrise dominierten jahrzehntelang die neoliberalen Mehr-Markt-Fanatiker. Danach ist kein stabiler neuer Konsens entstanden, sondern Dissens. Über eine Wissenschaft, die oft von Scharlatanerie nicht so leicht zu unterscheiden ist. 

Die Ökonomie, sagt ein alter Witz, ist ja jene Wissenschaft, in der zwei Forscher den Nobelpreis dafür bekommen, dass sie das genaue Gegenteil herausgefunden haben. Oder anders gesagt: Sie ist jene Wissenschaft, in der jedes Jahr das exakte Gegenteil von dem richtig ist, was im Vorjahr richtig war. Das unterscheidet die Ökonomie von den exakten Wissenschaften wie Physik, Chemie oder Mathematik, aber noch nicht unbedingt von anderen Geistes- und Gesellschaftswissenschaften wie Soziologie oder Philosophie. 

Bloß haben Soziologie und Philosophie auch nicht so direkten Einfluss auf die Politik. 

Ökonomen tendieren nicht nur dazu, der Politik zu sagen, was die „richtige" Wirtschaftspolitik ist, ein scheinbarer Konsens unter den Ökonomen kann politische Meinungsbilder geradezu erzwingen, Meinungsbilder, die nur eine Art von Politik ermöglichen und eine andere Art von Politik völlig delegitimieren. 
Wir wollen Politiker, die moralisch sind, uns aber ja nicht mit Moral langweilen, die grade Michels sind, aber doch richtig ultracoole Typen. Eine Bastelanleitung.  

Der Falter, 28. März 2010

„In der Politik gibt es keine Menschen mit Moral." Wahrscheinlich würden in den meisten Demokratien des Westens (von anderen Regierungsformen ganz zu schweigen) die meisten Menschen diesen Satz unterschreiben; und in Österreich wahrscheinlich noch eine gehörige Prise mehr. Hier sind sich die Bürger ohnehin einig: Erstens, die meisten Politiker stehlen. Zweitens, wenn nicht, dann sind sie doch nur an ihrem persönlichen Fortkommen interessiert und dieses Interesse ist ihr eigentlicher Antrieb. Und, drittens, im allerbesten Fall sind sie blutleere und wertelose Pragmatiker.

Kurzum: Die Bürger sind in ihrer überwältigenden Mehrheit der Ansicht, dass die Moral aus der Politik emigriert ist. 

Und sie sind wohl in ähnlich überwältigender Mehrheit der Ansicht, dass es „wieder mehr Moral in der Politik" braucht. 

Nun, all das wirkt so selbstverständlich, dass wir schnell zu dem Schluss kommen könnten: Es braucht mehr moralische Menschen in der Politik, und alles ist gut. 

Doch diese Einsicht wird sofort irritiert, wenn wir uns nur einen Augenblick vorstellen würden, ein Moralist, ein waschechter Moralist, der nicht nur ethische Werte „hat" im Sinne eines privaten Besitztums, sondern der über diese Werte auch spricht, der ausdrückt, welche Werte ihn zu dieser Haltung in jener Sachfrage führen, würde sich in einer einigermaßen herausgehobenen Position in der Politik befinden.
Heute Abend habe ich im Wiener Kreisky-Forum Colin Crouch zu Gast. Zuvor hat er mir für den "Falter" schon dieses Interview gegeben. Crouch, 67, hat mit dem schmalen Bändchen „Postdemokratie" vor zwei Jahren das wohl meistrezipierte politikwissenschaftliche Buch der vergangenen Jahre geschrieben. Jetzt legte der britische Wissenschaftler ein neues Buch vor, das den hübschen Namen trägt: „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus". 

Wo erreiche ich Sie gerade? 

Crouch: In Italien. 

Da gibt es ja eine neue Regierung. Mario Monti, ein Technokrat. In Griechenland gibt es jetzt auch einen Technokraten an der Regierungsspitze. Ist das der neue Trend? Berlusconi war ja eines der Role-Models für Ihre Analyse von „Postdemokratie", ist der unpolitische Technokrat jetzt das neue Modell?

Crouch: Es ist vielleicht eine Reaktion darauf. Berlusconi stieg in dem zerfallenden traditionellen Parteiensystem auf, dank seiner wirtschaftlichen Macht, dank seiner Medienmacht, er hat das System nur zu seinen eigenen Machenschaften ausgenützt. Das, was wir gerade erleben, ist der Versuch, die italienische Demokratie zu retten. 

Aber ist es nicht auch einfach so: Die normalen Bürger haben die traditionellen Parteien satt. Davon profitieren Leute wie Berlusconi, und nun ebenfalls ostentativ unpolitische Technokraten, die sagen: ‚Ich bin vertrauenswürdig, weil ich kein Politiker bin'. 

Religiöse Maskerade

No Comments No TrackBacks
Thumbnail image for Artwork Der Sitzende.JPGZehn Jahre 11. September. Religiöser Jargon lässt sich wieder prima benützen, um Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Falter, 7. September 2011

Ach, was war das im Rückblick für eine schöne Zeit vor dem 11. September 2001! Klar, es gab noch Religionen. Klar, es gab noch religiöse Menschen. Und klar, es gab auch politische Konstellationen, in denen Religion eine Rolle spielte: In Polen, wo die katholische Kirche eine bestimmende Kraft im antikommunistischen Widerstand war. Politische Evangelikale in den USA. Islamische Fundamentalisten, von Afghanistan bis Algerien. Aber es war nicht der große Trend. Der große Trend ging in Richtung Säkularisierung, oder zumindest war das Feld des Religiösen klar abgesteckt: Als private Sache des einzelnen Gläubigen. Die öffentliche Wirksamkeit des Religiösen schien seit Jahrzehnten abzunehmen. Selbst da, wo politische oder nationale Spannungen sich auch entlang religiöser Konfliktlinien sortierten, kam kaum jemand auf die Idee, sie zu religiösisieren. Nicht einmal im Nahostkonflikt war es üblich, den territorialen Streit zwischen Israelis und Palästinensern in übertriebenem Maße als jüdisch-muslimischen Konflikt zu interpretieren. Wo nationale und ethnische Spannungen im religiöser Maskerade ausgetragen wurden, gab es weltweites Kopfschütteln - etwa über die Katholiken und Protestanten in Nordirland. 
Foto Krise.jpg
Drei Fragen stellte der aktuelle "Falter" an mich, und zwar: Ist das schon eine neue oder noch die alte Krise? Gibt es einen Kapitalismus ohne Krise? Wie lange dauert die Krise noch und wird unser Wirtschaftssystem am Ende untergehen? Die Antworten finden Sie hier. 

Keine Freiheit ohne Gerechtigkeit

No Comments No TrackBacks
Im Kapitalismus zählt nur das egoistische Profitstreben? Ist doch gar nicht wahr, sagt der Sozialphilosoph Axel Honneth in seinem Opus Magnum. Falter, 6. Juli 2011

Übrigens: Am Dienstag, 12. Juli spricht Axel Honneth im Rahmen der „Marie-Jahoda-Summerschool of Sociology" zum Thema: „Die demokratische Sittlichkeit wirtschaftlichen Handelns." 19.30, Kassensaal der Österreichischen Nationalbank, 1090 Wien, Otto-Wagner-Platz 3.

Sind Sie auch der Meinung, dass in der kapitalistischen Marktwirtschaft nur das egoistische Profitstreben zählt und die Moral hier schlechte Karten hat - ja mehr noch, dass sie in diesem Kontext einfach nicht gefragt ist? Die allermeisten Menschen wären wohl instinktiv dieser Ansicht: dass nur das Geld zählt, alles zur Ware wird und sich alle zwischenmenschlichen Beziehungen in ein System der nackten, baren Zahlung auflösen. 

Die ultraliberalen Kapitalismusfreunde würden sagen: Ja, das ist so - und gut so. Die schneidigen marxistischen Kapitalismusgegner würden sagen: Ja, das ist so - und es ist schlecht so. Axel Honneth will zeigen, dass es nicht stimmt; dass also beide unrecht haben. Der Frankfurter Philosophieprofessor und Direktor des legendären „Instituts für Sozialforschung" (also der direkte Erbe von Horkheimer, Adorno und Habermas) hat gerade sein „Opus Magnum" vorgelegt, dessen Ziel es ist, genau diese Deutungen zu widerlegen. „Das Recht der Freiheit", heißt die gewichtige Abhandlung, die dieser Tage im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. 

Gefühlsgemeinschaft der Unzufriedenen

No Comments No TrackBacks
Finanzkrise. Die Regierenden haben keinen Plan, die Regierten feiern ihre Empörungspartys. Motto: Etwas soll anders werden - irgendetwas. Aber das gemeinsame Gefühl der Unzufriedenheit kann die Politik nicht ersetzen. 

Radikaler Reformismus

No Comments No TrackBacks
Raul Zelik macht sich Gedanken über den „Communismus" mit C, der vielleicht nach dem Kapitalismus kommt.


Das Glück, das ein Unglück ist

No Comments No TrackBacks
Einmal schafft es Eva Glawischnig mit einem Thema auf die Titelseiten. Und dann ist es das falsche. Ein Nachtrag zur Automatenverbots-Debatte für den Falter, 22. Juni 2011

Im mühseligen Kommunikationsalltag ist es das Ziel schlechthin für einen Politiker: vorkommen. Vorkommen, in der Zeitung, vorkommen im Fernsehen. Eine kleine Freude: der Einspalter. Und die Krönung: die Schlagzeile. 

Eva Glawischnig hatte vor eineinhalb Wochen einen solchen Glücksmoment: Sogar auf das Cover des Gratisblatt „Heute" schaffte sie es mit ihrer Forderung, Zigarettenautomaten zu verbieten. Aber vermutlich würde sich die Grünen-Parteichefin heute wünschen, sie hätte etwas weniger „Glück" gehabt. Denn für den Vorschlag erntete sie erst Kopfschütteln bei Grün-Sympathisanten und am Ende fragten viele genervt, ob das Image als „Verbotspartei" wirklich das richtige für die Grünen ist.

Zahlen für die Griechen?

No Comments No TrackBacks
Heinz-Christian Strache stellt mal wieder dir richtigen Fragen und gibt wie stets die falschen Antworten  Falter, 15. Juni 2010

„Unser Geld für unsere Leute", trommeln Heinz-Christian Strache und seine Entourage. Und das Argument zieht. Ein Schuldiger für die Misere an den Finanzmärkten ist gefunden: der „Pleite-Grieche" im Besonderen, die faulen Südeuropäer im Allgemeinen. So verdichtet sich der Argwohn, dass da doch irgendetwas nicht gerecht zugeht beim Bezahlen der Krisenkosten, in Finanzchauvinismus. Freilich, das Gefühl selbst ist ja nicht unberechtigt, aber wie stets lenkt der Populismus es in die denkbar dümmsten Kanäle. 

Die Staatsschuldenkrise ist ja nur die Folge der globalen Finanzkrise, da die Staaten erstens den Banken ihre Schulden und den Investoren ihre Risiken abgenommen haben, zweitens mit dem Einbruch der Wirtschaftsleistung auch die Steuereinnahmen eingebrochen sind und drittens mittels teurer Konjunkturmaßnahmen ein Totalzusammenbruch der Wirtschaften abgewendet werden musste. Und da sind drei Fragen natürlich naheliegend: Waren die Maßnahmen effektiv? Waren sie gerecht? Und wäre das, was dem Gerechtigkeitsgefühl entsprechen würde, genauso effektiv, effektiver oder weniger effektiv? 

Der Maiaufmarsch

No Comments No TrackBacks
Das Pathos des 1. Mai - ziemlich verweht. Trotzdem nicht ganz verflogen. Falter, 27. April 2011

Weltformel mit vielen Variabeln

No Comments No TrackBacks

Ian Morris zeigt in seiner ausladenden Universalgeschichte, die bei den Affenmenschen beginnt, dass demnächst die Chinesen herrschen. Oder auch nicht. Falter, 13. April 2011

„Ich spring nicht an die Decke"

No Comments No TrackBacks

Daniel Cohn-Bendit, der „Monsieur Europe" der Grünen, erklärt, warum er wegen der Grünen Wahltriumphe nicht in Euphorie ausbricht - und weshalb er die Militäraktion gegen Gaddafi für notwendig hält. Falter, 6. April 2011

Dokumente des Behauptungswillens

No Comments No TrackBacks

Muslime sind auch Menschen. Mehr noch: Individuen! Das Manifest der Vielen gegen Sarrazins Ressentimentfibel.

Ein einzelner Mann, Thilo Sarrazin, hat mit einem Buch die vergifteste Debatte angestoßen, die Deutschland wohl nach 1945 geführt hat - und deutsche Zuwanderer, Muslime und auch nicht, antworten nun in einem „Manifest der Vielen". Die literarische Form, die die Herausgeberin Hilal Sezgin, gewählt hat, ist damit selbst schon programmatisch, zeigt sie doch die Vielstimmigkeit derer, die in den groben Debatten in den „Muslim"- oder „Ausländer"-Schubladen verräumt werden. Sezgin, „Zeit"-Autorin und „taz"-Kolumnistin formuliert das in ihrem Beitrag so: „Überhaupt würde ich die These wagen: Muslime sind beinahe normale Menschen. Stärkere These: Individuen sogar! ... Leider muss ich sagen, dass ich in letzter Zeit einen Gutteil meines Geldes damit verdiene, diese Behauptung bis zur Absurdidätsgrenze zu widerholen". Das schmale Buch zeigt auch, welche Verwundungen die Sarrazins und Co. täglich schlagen, jene, „die Feindschaft zur ersten Pflicht des abendländisch inspirierten Humanisten erklären" (Mit-Autor Feridun Zaimoglu); was diese immerwährenden Debatten anrichten. „Wir verfallen nicht selten in den Glauben, nicht liebenswert und wertvoll zu sein - ein K.o.-Kriterium für ein gesundes Selbstbewusstsein", formuliert etwa der Blogger Ekrem Senol. Wer nicht bar jedes Einfühlungsvermögens ist, kann sich ausmalen, was das mit einem macht, wenn man das von Kindheit an spürt. Vielleicht ist da der gutgemeinte Reflex vieler Türkinnen und Türken, immerzu zu erklären, „wir Muslime sind ja gar nicht so", schon eine Sackgasse. Sezgin: „Nach klassischem Verständnis heißt Religionsfreiheit, dass erstens jeder das Recht hat, seinen jeweiligen Glauben zu praktizieren. Zweitens, dass er das Recht hat, an die Inhalte gar keiner Religion zu glauben. Vielleicht ist es an der Zeit, ein drittes Recht zu verteidigen: das, über die eigene Religion zu schweigen. Nicht ständig als Mitglied einer bestimmten Religion adressiert zu werden." Ein notwendiges Buch, nein: Ein Dokument des Behauptungswillens.

Robert Misik

Hilal Sezgin: Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu. Blumenbar-Verlag, 2011, Berlin, 229 Seiten, 13,30.- Euro

Ökonomische Dissharmonielehre

No Comments No TrackBacks

Der Berliner Kulturtheoretiker Joseph Vogl zeigt, dass die Prämissen der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft für die Analyse realer Marktgeschehnisse nichts taugen. Falter, 9. März 2011

Mehr Moral in die Wirtschaft

No Comments No TrackBacks

Jetzt kommen sie langsam in Serie heraus, die Erinnerungen abgewählter Politiker mit dem Arbeitstitel: „Die Welt stand am Abgrund. Aber ich habe sie gerettet". Nach dem deutschen Ex-Finanzminister Peer Steinbrück hat jetzt auch der britische Ex-Premier Gordon Brown ein Buch über die Monate vorgestellt, in denen die Welt knapp an einem Totalkollaps des Finanzsystems vorbeischrammte. Und obwohl man dem Labour-Premier Brown nachsagt, er sei ein witzloser Zahlenhengst und Besserwisser, liest sich das durchaus packend: Wie er plötzlich ein Getriebener ist, wie er seinem Kollegen George W. Bush den Ernst der Lage erklären muss, wie er im Flugzeug über dem Atlantik „einen Plan" zur Rekapitalisierung der Banken entwirft. Dabei muss man sich Gordon Brown als unglücklichen Mann vorstellen: Jahrelang stand er als Schatzkanzler im Schatten Tony Blairs, und als er ihm, wie lange angestrebt, endlich im Amt des Regierungschefs nachfolgt, fliegt ihm die Welt um die Ohren. Er macht als sachkundiger Wirtschaftsexperte alles richtig, verhindert Bankenzusammenbrüche, setzt ein massives keynesianisches Konjunkturprogramm in Gang, was eine ökonomische Abwärtsspirale abwendet - und wird dann erst recht abgewählt. Man erkennt in Brown aber auch den Moralisten. Neben seinen Ideen für neue ökonomische Regeln plädiert er immer wieder für eines: „Märkte brauchen Moral". Dass es blauäugig sei, Moral im Wirtschaftsleben zu fordern, das findet Brown ganz und gar nicht. Schließlich würden sich doch nicht nur die meisten Menschen im allgemeinen, sondern auch die meisten Wirtschaftstreibenden an ethische Standards halten. Fast alle tun das. Der Bäcker, der Schuster, das Modegeschäft, die Computerfirma - sie alle betrügen ihre Kunden nicht. So gesehen sei das ja von Bankern wirklich nicht zuviel verlangt, sich an ein paar Grundprinzipien zu halten.

Gordon Brown: Was folgt. Wie wir weltweit neues Wachstum schaffen. Campus Verlag, Frankfurt /M. - New York. 375 Seiten, 25,60.- Euro

Tony Judts Testament

No Comments No TrackBacks

Falter, 23. 2. 2011. Als Tony Judts Buch „Ill fares the Land" vergangenes Frühjahr erschien, wurde es allgemein als das politische Testament des schwer erkrankten New Yorker Intellektuellen gefeiert. Jetzt, wenige Monate nach seinem Tod, liegt es auch auf deutsch vor. Ob es eine so gute Idee war, die poetische Goldsmith-Zeile, die dem Buch den Titel gab, einfach wörtlich ins holpernde deutsche „Dem Land geht es schlecht" zu übersetzen, sei dahingestellt. Judts Buch ist eine Anklage gegen Totalkommerzialisierung, gegen die Ökonomisierung aller Werte, dagegen, dass die Reichen immer reicher werden und die Unterprivilegierten heute in krasser Chancenarmut leben. Vor allem aber ist sein Buch ein Plädoyer - für den Sozialstaat und für eine Sozialdemokratie, die ihre Aufgabe und ihre Idee wieder ernst nimmt. Seine These, die Linke müsse heute eine Kraft des Bewahrens werden, obwohl sie doch in der politischen Bilderwelt mit „erneuern" oder gar „radikal" verbunden wird, wird längst heftig diskutiert in europäischen Sozi-Kreisen. „Wenn die Sozialdemokratie eine Zukunft hat, dann als Sozialdemokratie der Angst", hat Judt formuliert. Ganz überzeugend ist das nicht.

Tony Judt: Dem Land geht es schlecht. Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit. Hanser-Verlag, München, 189 Seiten, 19,50 Euro

Staatsfeind? Aber ja doch!

1 Comment No TrackBacks

Der Nerd als Revolutionär: Wikileaks-Lenin Julian Assange im Lichte seines Schrifttums. Falter, 8. Dezember 2010 

„Mehr Gleichheit ist besser für alle"

1 Comment No TrackBacks

Heute, Mittwoch, 29. September, 19 Uhr habe ich Wiener Kreisky-Forum Richard Wilkinson zu Gast, den Co-Autor des Buches "Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften besser für alle sind". Im Folgenden die Langfassung eines Interviews, das ich für den aktuellen "Falter" mit Wilkinson führte.

 

Untersuchungen an Bankern

No Comments No TrackBacks

Der Soziologe Sighard Neckel hat die Parallelgesellschaft der Reichen und Einlfussreichen erforscht. Morgen, Donnerstag, 23. September, habe ich ihn im Bruno-Kreisky-Forum zu Gast. Für den Falter habe ich vorab schon folgendes Interview mit ihm geführt.

„Strukturierte Verantwortungslosigkeit - Berichte aus der Bankenwelt", so heißt das neue Buch, das der Soziologe Sighard Neckel gemeinsam mit seinen Kolleginnen Claudia Honegger und Chantal Magnin herausgegeben hat. Dem ist ein großangelegtes Forschungsprojekt vorausgegangen, an dem die Soziologieinstitute der Universitäten Wien und Bern sowie das berühmte Frankfurter Institut für Sozialforschung beteiligt waren. In vielen dutzend Gesprächen mit Bankern in Österreich, der Schweiz und Deutschland wurde der Frage nachgegangen: Wie ticken die Banker eigentlich? Sighard Neckel, 53, selbst Leitungsmitglied des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, ist seit 2008 Vorstand des Soziologieinstituts an der Universität Wien - und damit einer der prominentesten Neuzugänge im Wiener akademischen Betrieb.

Buchpräsentation: Donnerstag, 23. September, 19 Uhr. Bruno-Kreisky-Forum. Armbrustergasse 15. 1190 Wien.

Anliegen wie soziale Gerechtigkeit, angemessene Löhne, Chancengleichheit, eine ordentliche Gesundheitsversorgung für alle stehen, das zeigen alle Umfragen, ganz oben auf der Prioritätenliste der Bürger. Dennoch ist es nicht gut um die Sozialdemokraten in Europa bestellt. Die Parteistrukturen sind von vorgestern, an der Rampe stehen blutleere Karrieristen oder fade Apparatschiks, und wofür die Parteien so stehen, davon hat man eine ungefähre Ahnung, aber so richtig exakt weiß man das nicht. Und wenn es mal jemand zu erklären versucht, dann kommt Politikkauderwelsch raus, aber bestimmt keine „farbige, eigenwillige Sprache". Wie es dazu kam - und ob sich daran noch etwas ändern ließe -, das analysiert Franz Walter, Deutschlands renommiertester Parteienforscher, in einen feinen, kleinen Suhrkamp-Band: „Vorwärts oder abwärts? Zur Transformation der Sozialdemokratie."

Am kommenden Montag, 6. September, spricht Franz Walter im Rahmen der Reihe „Genial dagegen" im Wiener Kreisky Forum. Armbrustergasse 15, 1190 Wien, 19 Uhr.

Grüne, werdet erwachsen!

8 Comments No TrackBacks
Lokalfunktionäre verhageln Maria Vassilakou ihren Wahlkampf. Dahinter stecken Kindergartenmentalität und Ego-Ideologie.  Falter, 25. August 2010

Wie ticken Banker?

1 Comment No TrackBacks

Da sieht man wieder einmal, wozu Soziologie nützlich sein kann: Ein Forscherteam fragte Banker über die Finanzkrise aus. Falter, 7. Juli 2010

Kluge Reiche zahlen gerne

1 Comment No TrackBacks

Stephan Schulmeister macht in seinem neuen Buch Vorschläge zur Budgetkonsolidierung und für einen „New Deal" in Europa. Falter, 30. Juni 2010.

 

Roger Liddle war einer der führenden Strategie-Denker Tony Blairs. Patrick Diamond war bis zuletzt Head of Policy Planing im Office von Premierminister Gordon Brown. Kommenden Montag habe ich beide zu Gast in meiner Reihe "Genial dagegen" im Kreisky-Forum. Im Vorfeld führte ich mit Liddle schon mal dieses Interview. Falter, 2. Juni 2010

 

Termin: Montag, 7. Juni. Roger Liddle & Patrick Diamond: The Only Way To Renew European Social Democracy. Kreisky-Forum, Armbrustergasse 15, 1190 Wien, 19 Uhr

Was haben wir aus der Welt gemacht!

No Comments No TrackBacks

Tony Judt, der schwer kranke New Yorker Intellektuelle, hat gute Ratschläge für die Sozialdemokratie im Kampf gegen den „Klepto-Kapitalismus". Falter, 26. Mai 2010

 








Robert Misik
robert@misik.at

Journalist & Sachbuchautor
Lebt & arbeitet in Wien

Alles über Misik »

Liebe Leserinnen,
liebe Leser!

Ich betreibe dieses Blog seit einigen Jahren und ohne allzu intensiver Arbeit daran ist er zu einem der meistgelesenen nichtkommerziellen Online-Formate in Österreich geworden.

Deshalb will ich diesen Blog in den nächsten Monaten mit etwas mehr Engagement hochpimpen, um ihn zu dem führenden progressiven Weblog Österreichs zu machen. Ein bisschen habe ich damit in den vergangenen Wochen schon begonnen.

Mehr dazu hier »


Monthly archives

Recent Comments

  • blubb: Interessanter Beitrag dazu: http://www.rdwolff.com/content/truth-about-class-war-america-alternate read more
  • Marcus D Müller: Ganz davon abgesehen, dass diese Defizite nicht ausgeglichen werden können, solang es read more
  • Stefan Wehmeier: Wer Menschenrechte verwirklichen will, muss zuerst wissen, was Nächstenliebe ist: http://www.deweles.de/globalisierung/die-3-gebote.html read more
  • Anonyma: So schlimm ist Sido wohl tatsächlich nicht. read more
  • Till: Danke für die Info. Der ORF traut sich doch sicher nie das read more
  • Siteicon saibot: Es ist einfach Religionen zu verdammen. Auch sieht man wie nützlich die read more
  • Robert Misik: distanzieren ist zu viel gesagt. aber ich sag auch, was ich heute read more
  • Robert Misik: sause auf deutsch und englisch. gibt simultanübersetzung. read more
  • Johann Grabner: was dabei offen bleibt: wer verwaltet die Eurobonds? In den USA ist read more
  • Judith Dolleschka: Die ganze Sause eher mehr in Englisch oder eher mehr auf Deutsch? read more
  • Siteicon Klemens: Gratuliere zu Gästen und Programm, klingt sehr sehr vielversprechend! read more
  • Unbekannt: Die bösen Linksmedien ;-) read more
  • LeserIn: du distanzierst dich von deiner linksradikalen vergangenheit? warum genau? read more
  • Siteicon Berliner: Wowi hat eben begriffen, dass man, wie 'Die Partei' sagt, "Inhalte überwinden" read more
  • Katha: @Anon: wieso denn, das hat doch nichts damit zu tun, woher die read more
  • Ach ja? Na dann willkommen bei der SPD...: Daß sie gute Arbeit geleistet hat, würde ich sogar gar nicht mal read more