Hurra, wir dürfen zahlen

Erklär mir die Krise! Wir erleben gerade die größte Umverteilung von Unten nach Oben in der Geschichte, meint Starökonom Joseph Stiglitz. Alte und neue Bücher von Keynes, Galbraith und der Wirtschaftsjournalistin Ulrike Hermann.

Die Krise ist auch nicht mehr ganz jung. Nach Bankenrettung und teuren Konjunkturprogrammen sind nun in einer dritten Phase die Staaten an der Reihe, die so überschuldet sind, dass sie an den Finanzmärkten keine Kredite mehr bekommen, mit denen sie ihre Zahlungsverpflichtungen aus früherer Kreditaufnahme nachkommen könnten. Dies ist dann der Punkt, an dem ein Staat „bankrott" ist. Da die Staaten ja bei Banken verschuldet sind, reißt das dann wieder Löcher in deren Bilanzen, womit das traurige Spiel wieder, wenngleich auf erweiterter Grundlage, bei seinem Ausgangspunkt angelangt ist.

 

Die Bücher zur Krise füllen mittlerweile kleine Bibliotheken. Und zunehmend stellen sie auch die Frage: Was wurde seither eigentlich getan? Und wurde das Richtige getan?

 

 

 

 

 

Finanzkrisen entstehen durch Überschuldung. Im Boom wittern Anleger überall „einmalige Geschäftsmöglichkeiten" und investieren ihr Geld. Angesichts phantastischer Renditeaussichten investieren sie auch immer mehr geliehenes Geld. Bei Krediten mit geringem Zinssatz scheint sich das ja angesichts großer Profite zu lohnen. Wenig Eigenkapital steht sehr viel Fremdkapital gegenüber - ein hoher „Hebel" oder, wie das in der Fachsprache heißt, „Leverage". John Kenneth Galbraith, der große amerikanische Ökonom, hat das in seinem klassischen Buch über die Weltwirtschaftskrise 1929 eindrucksvoll beschrieben. Wenn dann der Rückschlag kommt und die Renditen ausbleiben, sind alle so weit überschuldet, dass einer den anderen mit in die Grube reißt. Dann stürzen die Vermögenswerte in den Keller, die Konjunktur schmiert ab, die, die sich bisher über alle Ohren verschuldeten, müssen plötzlich sparen - gezwungenermaßen, weil sie pleite sind, oder noch relativ freiwillig, weil sie plötzlich die Angst packt. „Hat der Verfall einmal eingesetzt, ist er nur sehr schwer zu stoppen", formulierte John Maynard Keynes, der größte Ökonom des 20. Jahrhunderts. Mit seinem wissenschaftlichen Hauptwerk, „Der allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" hat er die Wirtschaftwissenschaften revolutioniert, mit Radiovorträgen, die unlängst gesammelt auf Deutsch erschienen, hat er sich an eine breite Öffentlichkeit gewandt.

 

In der gegenwärtigen Krise haben die Staaten den Banken im Grunde ihre Schulden abgenommen - und damit die Vermögen der Investoren gerettet. Bezahlen dürfen das normale Bürger mit ihren Steuergeldern oder indirekt, indem der Staat künftig weniger Geld für Sozialleistungen, Renten, Gesundheitswesen, Kultur usw. zur Verfügung hat. „Dies ist eine der größten Umverteilungen von Vermögen innerhalb so kurzer Zeit, die es jemals in der Geschichte gab", urteilt Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz in seinem vor wenigen Tagen erschienen Buch „Im freien Fall". Beinahe 40 Prozent aller Unternehmensprofite der USA hat die Finanzindustrie vor der Krise auf sich vereinigt - und die Maßnahmen nach Ausbruch der Krise haben wenig geändert. Die Banken wurden gerettet, aber weder wurde ihnen verboten, arglose Anleger durch Gebührenschinderei und sonstige Tricks auszunehmen, die großen Banken sind weiter Megainstitute, die praktisch eine Rettungsgarantie haben. Stiglitz geht hart mit der Obama-Regierung ins Gericht.

 

Dabei hat die Krise all die schönen Theoreme der neoklassischen Ökonomen von der „Effizienz" freier Märkte und ihrer produktiven „Kapitalallokation", die idealistischen Modelle von „vollständiger Transparenz" und „reziproker Information" aller Marktteilnehmer vollständig in Stücke zerhauen. Eine ineffizientere Kapitalallokation als die Ersparnisse von Millionen Menschen in überbewertete US-Immobilien zu versenken ist schlichtweg nicht vorstellbar. Ins selbe Horn wie Stiglitz stößt der texanische Ökonom James K. Galbraith, der Sohn des bereits erwähnten, legendären Wirtschaftswissenschaftlers John K. Galbraith. „In den meisten Wirtschaftsbereichen, auf die dieses Konzept angewandt wird, ist der perfekt funktionierende Markt nichts weiter als ein Luftschloss - vielfach kann überhaupt kaum von einem Markt gesprochen werden." Den mächtigen Marktakteuren geht es oft einfach darum, den Staat auszuplündern - oft sogar ihre eigenen Unternehmen, wie die astronomischen Gagen von CEOs und Broker zeigen.

 

Eines der spannendsten Bücher der Saison stammt aus der Feder der deutschen Wirtschaftsjournalistin Ulrike Hermann: „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht". Trotz dieser massiven Umverteilung hin zu den Vermögensten - das reichste Zehntel der Deutschen besitzt 62 Prozent der Privatvermögen und konzentriert beinahe 40 Prozent der laufenden Einkommen auf sich -, lassen sich viele „Normalverdiener" aus dem Mittelstand immer noch gegen vermögensbezogene Steuern aufhussen. Weil sie finden, dass sie an der Grenze der Belastbarkeit sind und sich subjektiv oft „reich" fühlen. Dass sie deshalb das Gros der Steueraufkommen bestreiten müssen, weil die Vermögenden relativ wenig beitragen, sehen sie dagegen nicht. Sie begeben sich mental in eine Allianz mit den Reichen, die nur den Reichen nützt. Während ein Gutverdiener aus der Mittelschicht 53 Prozent von jedem zusätzlich verdienten 1000-Euro-Schein an Steuern und Abgaben abführt, muss der durchschnittliche Millionär von jeder zusätzlichen Million nur 34 Prozent abliefern. Das sei einfach dumm von der Mittelschicht, so Hermann. Und durch die Finanzkrise wird das noch verschlimmert. Denn einerseits hat der Staat die Finanzvermögen der Wohlhabenden gerettet, „zum anderen musste der Staat dafür Schulden aufnehmen - und diese Kredite werden ihm wiederum vor allem von den Eliten gewährt (weil es mehrheitlich die Vermögenden sind, die staatliche Wertpapiere kaufen, Anm. Red.), die dafür Zinsen verlangen. Die Besitzenden lassen sich also auch noch bezahlen, dass ihr Vermögen gesichert wurde."

 

Eine Rettung Griechenlands, so unumgänglich sie auch sein mag, folgt demselben Muster: die Steuerzahler bezahlen, einen Vorteil haben aber vor allem jene, die griechische Staatsanleihen in ihrem Portfolio haben.

 

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John K. Galbraith: Der große Crash 1929. FinanzBuch, 2008, 238 Seiten, 15,40 Euro.

 

John Maynard Keynes: Die allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Duncker & Humboldt, 2009, 343 Seite, 39,10 Euro

 

John Maynard Keynes: On Air. Der Weltökonom am Mikrofon der BBC. Murmann-Verlag, Hamburg, 2008. 240 Seiten, 23,20 Euro

 

Joseph Stiglitz. Im freien Fall. Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft. Siedler-Verlag, München, 2010. 448 Seiten, 25,70 Euro

 

James K. Galbraith: Der geplünderte Staat. Oder was gegen den freien Markt spricht. Rotpunkt-Verlag, Zürich 2010, 345 Seiten, 25,20 Euro

 

Ulrike Hermann: Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht. Westend, Hamburg 2010, 223 Seiten. 17,50 Euro.



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