Religiöse Maskerade

Thumbnail image for Artwork Der Sitzende.JPGZehn Jahre 11. September. Religiöser Jargon lässt sich wieder prima benützen, um Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Falter, 7. September 2011

Ach, was war das im Rückblick für eine schöne Zeit vor dem 11. September 2001! Klar, es gab noch Religionen. Klar, es gab noch religiöse Menschen. Und klar, es gab auch politische Konstellationen, in denen Religion eine Rolle spielte: In Polen, wo die katholische Kirche eine bestimmende Kraft im antikommunistischen Widerstand war. Politische Evangelikale in den USA. Islamische Fundamentalisten, von Afghanistan bis Algerien. Aber es war nicht der große Trend. Der große Trend ging in Richtung Säkularisierung, oder zumindest war das Feld des Religiösen klar abgesteckt: Als private Sache des einzelnen Gläubigen. Die öffentliche Wirksamkeit des Religiösen schien seit Jahrzehnten abzunehmen. Selbst da, wo politische oder nationale Spannungen sich auch entlang religiöser Konfliktlinien sortierten, kam kaum jemand auf die Idee, sie zu religiösisieren. Nicht einmal im Nahostkonflikt war es üblich, den territorialen Streit zwischen Israelis und Palästinensern in übertriebenem Maße als jüdisch-muslimischen Konflikt zu interpretieren. Wo nationale und ethnische Spannungen im religiöser Maskerade ausgetragen wurden, gab es weltweites Kopfschütteln - etwa über die Katholiken und Protestanten in Nordirland. 
Und in den fortgeschrittenen demokratischen Gesellschaften, vor allem Europas und - mit Abstrichen - den USA, schien die Säkularisierung unaufhaltsam. Starke religiöse Identitäten relativierten sich, man war vielleicht noch Taufscheinchrist, jüdisch aus Sentimentalität, aber es galt ausgemacht, dass die religiösen Identitäten, die sich so abgeschwächt hatten, immer unbedeutender werden würden. So wie das der führende zeitgenössische Religionssoziologe des Westens, Peter Berger, schon Anfang der siebziger Jahre prophezeit hatte: „Im 21. Jahrhundert werden sich religiöse Gläubige wahrscheinlich nur noch in kleinen Sekten finden, aneinandergekuschelt, um einer weltweiten säkularen Kultur zu widerstehen". 

Dass so etwas wie Religionskritik wieder notwendig werden würde, darauf hätte wohl niemand einen Pfifferling verwettet: religiöse Institutionen hatten sich mit ihrem Einflussverlust abgefunden, auch Frömmler mit ihrem Dasein als Minderheit, sie hatten gelernt, dass man ihnen zwar in aller Regel mit Toleranz begegnete, aber nur unter der Voraussetzung, dass auch sie andere Menschen nicht mit ihren Spleens belästigen. 

Mit dem 11. September endete auch diese weltweite Konstellation. Der 11. September ist dafür sicher nicht der alleinige Grund, aber er ist auch mehr als ein Datum. Eher ist es so, dass seit dem 11. September vieles in ein neues Licht getaucht war. Plötzlich waren es nicht nur ein paar närrische Fundamentalisten, die „den Islam" gegen „den dekatenten Westen" in Stellung brachten. Das Gefühl, zurückgesetzt zu sein, wurde plötzlich mehr und mehr in religiösen Begrifflichkeiten ausgedrückt. Und umgekehrt wurde vieles, was vorher schon an Ressentiment im Westen grassierte, in religiöser Rhetorik vorgebracht: dass „die Moslems" nicht zu uns passen, dass „sie" unsere westlich-aufgeklärte Kultur, die gleichzeitig eine „westlich-christlich-jüdische" Kultur sei, herausfordern und bedrohen. 

Begriffe unterlagen plötzlich einem markanten Wandel. Wer davor von den „judeo-christlichen" Wurzeln Europas sprach, der hat meist nur eine nüchterne, ideengeschichtliche Analyse vorgetragen, die sich gegen niemanden gerichtet hat. Wer das heute tut, will meist Exklusionen begründen und „den Westen" gegen „den Islam" in Stellung bringen. 

Religiöser Jargon lässt sich wieder prima benützen, um Menschen gegeneinander aufzuhetzen. 


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Robert Misik
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