Frühjahr, vor 125 Jahren: Karl Marx stirbt. John Maynard Keynes und Joseph Schumpeter, die beiden größten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, werden geboren. Wirtschaftspolitischer Streit ist auch heute noch ein Kampf der Ideen dieser beiden Giganten. Zwei neue Bücher helfen, Schumpeter und Keynes neu zu entdecken. Falter, 9. April 2008
Es war ein stürmisches Frühjahr vor 125 Jahren. Nordostwind, fast Sturm, Schneegestöber. Karl Marx, 64, saß in seinem Arbeitssessel, hatte Kehlkopfentzündung, Bronchitis, Schweißausbrüche, dann kam noch ein Lungenabzess hinzu. Gelegentlich steckte er seine Füße in ein warmes Senfbad und nahm ein Glas heiße Milch mit Rum. Am 14. März 1883 saß Marx auf seinem Lieblingssessel am Kamin seines Londoner Hauses, schlief ein und wachte nicht mehr auf. Der Mann, der den Kapitalismus erforscht hatte, um ihn zu stürzen, war nicht mehr.
Ziemlich zur selben Zeit wurden zwei Männer geboren, die den Kapitalismus erforschen wollten, um ihn zu retten – womöglich die beiden bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Am 8. Februar erblickte Joseph Schumpeter im mährischen Triesch als Sohn eines Tuchfabrikanten das Licht der Welt. Nur wenige Monate später, am 5. Juni, wurde in Cambridge John Maynard Kenyes geboren, der wie kein anderer die Wirtschaftswissenschaft und -politik von den dreißiger Jahren bis in die siebziger Jahre unseres Jahrhunderts prägen sollte.
Die beiden kämpfen heute noch gegeneinander. Der Brite Keynes war der Ökonom, der mit Witz und Verve zeigte, dass die wirkliche Welt ein bisschen anders funktioniert als es die „reinen“ Modelle der klassischen Ökonomie vorsahen – und dass mit ein wenig Staatsintervention die chronische Krisenanfälligkeit des Kapitalismus – Zusammenbrüche, Arbeitslosigkeit, Kapitalvernichtung – abgemildert werden können. Der Österreicher Schumpeter war der Theoretiker des freien Unternehmertums, der mit viel Begeisterungsfähigkeit beschrieb, wie ein auf der Privatinitiative des „Entrepreneurs“ beruhendes System stetigen Wandel und Fortschritt schafft, dank des Unternehmers, der das Alte zerstört und das Neue schafft.
Keynes und Schumpeter waren mehr als Wirtschaftswissenschaftler – sie waren Visionäre, beide mit mehr als einem Schuss Exzentrik. Keynes lebte ostentativ homosexuell (und führte über Liebschaften und One-Night-Stands penible Listen, Benotung inklusive), heiratete dann aber eine russische Primaballerina und sollte später sagen, das einzige, was er in seinem Leben bereue, sei der Umstand, dass er nicht genug Champagner getrunken habe. Schumpeter bemerkte einmal, er habe der bedeutendste Ökonom der Gegenwart, der beste Reiter seiner Zeit und der beste Liebhaber Wiens werden wollen. Nachsatz: „Zwei der drei Ziele habe ich erreicht.“
Als bedeutendster Ökonom galt leider Keynes.
Schumpeter stand im Schatten. Erst in den vergangenen zwanzig Jahren, schreibt Annette Schäfer in ihrer eben erschienenen Schumpter-Biographie, stieg sein Ansehen wieder, weil der Keynesianismus aus der Mode kam, dagegen „Phänomene wie Unternehmertum, Innovation und Wandel“ eine zentrale Rolle spielten. Ist soziale Gerechtigkeit wichtiger? Oder Innovation? Je nachdem, wohin der Zeitgeist tendiert, ist eher Keynes oder Schumpeter in.
Schumpeters Vater starb, als das Kind noch klein war. Die Mutter brachte den Buben alleine durch, bevor sie einen pensionierten Offizier heiratete. Mit ihrem kleinen Joseph hatte sie immer viel vor. Die zweite Ehe öffnete ihm die Türen des Theresianums, wo damals noch die Aristokraten den Ton angaben. Umzug und Aufstieg, Mimikry und gegen den Strom schwimmen, Leistung und Erfolg, das prägte seine Welt von Beginn an. Es drängt sich auf, das Bild, das er vom Unternehmer entwirft, in diesem Licht zu sehen. „Schumpeters Entrepreneur“, so Schäfer, „ist ein von Ehrgeiz und Gestaltungslust Getriebener, ein Querdenker und Provokateur – genau das war Schumpeter auch“.
Dieses Bild vom Unternehmer als Revolutionär der Wirtschaft macht Schumpeter, der die letzten zwanzig Jahre seines Lebens als Harvard-Professor in den USA verbrachte, heute zu einem der beliebtesten Stichwortgeber neoliberaler Propagandisten. Der „unternehmerische Unternehmer“ ist die Figur, die das Sichere und Normale durchbricht. Der Unternehmer ist der energetische Charakter, der neue Wege beschreitet, wo andere vor Unbekanntem zurückweichen, Tatmensch, Praktiker und Willenstyp. Seine Antriebe sind „der Traum und der Wille, ein privates Reich zu gründen“, das „wirtschaftliche Handeln als Sport“, die Freude des Erfolges wegen, und die „Freude am Gestalten und am Tun“, die kreative Ader, die Risiko und Veränderung liebt. Firmen, die Wirtschaftswelt als ganzes, sind dank dieses Unternehmertypus einem „ewigen Sturm der schöpferischen Zerstörung“ unterworfen. „Schöpferische Zerstörung“, wurde zu Schumpeters berühmtester Wendung, einem geflügelten Wort, das auch jene benützen, die von Schumpter nie gehört haben.
So lässt der Kapitalismus das Alte vergehen, so schafft er Neues. Wohlstand. Moderne Güter. Wenn Schumpeter sich einen Idealunternehmer vorgestellt haben mag, dann hatte er wohl Bill Gates vor Augen. Das Paradoxe war aber, dass dieser Schwärmer für den Laissez-Faire-Kapitalismus kaum daran geglaubt hat, dass es einen Bill Gates noch geben könnte. Die Zeit des heroischen Entrepreneurs schien ihm vorbei. „Kann der Kapitalismus weiterleben?“, fragte er. Seine Antwort: „Nein, meines Erachtens nicht.“
Eine Prophezeiung, die sich nicht als exakt richtig erweisen sollte. John Maynard Keynes dagegen hatte kein solches Idealbild vom freien Unternehmertum, war aber gerade deshalb der Meinung, man müsse und könne ein wenig nachhelfen, um es zu retten. Und die Sozialreformen, die der Keynesianismus vorschlug (und die etwa Präsident Franklin D. Roosevelt in den USA durchsetzte), begründeten ja die spektakuläre Aufschwungsphase des Kapitalismus nach 1945. Keynes Lehre schlug in den dreißiger Jahren wie eine Bombe ein. Der elegante Brite war ein Weltstar der Ökonomie. Mit seiner „General Theory“ rang er die ökonomische Orthodoxie nieder. Aber er war, wie der Ökonom Gerhard Willke im Vorwort zu dem Buch „Keynes On Air“ schreibt, „auch ein talentierter Kommentator, der alle sich bietenden Gelegenheiten nutzte, um seine Ideen ‚unters Volk’ zu bringen“. So trommelte Keynes auch regelmäßig im Radio: Niedrige Zinssätze, staatliche Investitionsförderung und öffentliche Investitionen konnten nicht nur die Instabilitäten des Kapitalismus bekämpfen, sie würden auch die Zuversicht in die Wirtschaftsentwicklung stärken – und Psychologie ist in der Wirtschaft entscheidend. Die Wirtschaft ist nämlich keine „exakte“ Wissenschaft wie die Mathematik oder Physik. „Animalische Triebe“, „Nervosität und Hysterie“, aber auch „die Ideen von Ökonomen und politischen Philosophen“ hätten entscheidenden Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung. Ökonomie ist, für Keynes, eine „vage Wissenschaft“ – berühmte wurde er für seinen Ausspruch, es sei besser, „ungefähr recht zu haben, als exakt falsch zu liegen“. Entwickelte Investitionsmärkte – der „Heuschreckenkapitalismus“ würde man heute sagen – haben positive Effekte, aber auch negative, weil sie „sehr zur Instabilität des Systems beitragen“, nicht zuletzt wegen der Hysterie und dem Herdentrieb an den Börsen. Keynes verstörte und betörte seine Zeitgenossen auch mit Erläuterungen, die dem Alltagsverstand als absurd erscheinen: Wenn der Finanzminister Banknoten in alte Flaschen fülle und sie vergraben lasse, würde das zum Reichtum einer Gesellschaft beitragen – es würde Arbeit geschaffen, Baufirmen hätten Aufträge, würden in Maschinen investieren, bisher Arbeitslose hätten ein Einkommen, das sie für Konsum ausgeben usw. „Gewiss wäre es besser, Häuser zu bauen, aber das Vergraben wäre besser, als nichts zu tun.“
Für Keynes war es der Staat, der für die stabilen Bedingungen sorgen müsste, die das „erfolgreiche Funktionieren der freien Initiative“ gewährleisten, für Schumpeter war der Staat das bürokratische Monster, das dem Unternehmertum nichts als weitere Hürden in den Weg legte. Es gibt auch heute kaum eine aktuelle politische Debatte, in der die Gedankengänge der beiden großen Ökonomen nicht aufeinander prallen würden.
Ökonomen sehen sich gerne als Praktiker, Wirtschaftspolitiker als unideologisch, Unternehmer als Tatmenschen. Das ist natürlich Selbstbetrug. Am Anfang jeder ökonomischen Auffassung steht eine „Vision“, eine „Idee“, war Schumpeter überzeugt. Und Keynes bemerkte, Ideen seien „mächtig“. Nachsatz: „Tatsächlich wird die Welt kaum von etwa anderem regiert“.
Zumindest in dem Punkt waren sie sich einig.
Annette Schäfer: Die Kraft der schöpferischen Zerstörung. Joseph A. Schumpeter. Campus Verlag, 2008, 285 Seite, 24,90.- Euro
John Maynard Keynes. On Air. Der Weltökonom am Mikrofon der BBC. Murmann-Verlag 2008, 239 Seiten, 22,50.- Euro
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