Recently in Texte aus dem Standard (Wien) Category
Optimismus und Pessimismus sind private, persönliche Charaktereigenschaften? Aber nein! Sie entscheiden darüber, ob die Wirtschaft brummt oder absäuft und sind auch in der Politik wichtig: Denn nur Optimisten können die Welt verbessern. Der Standard, 6./7. August 2011
Bei uns gibt es Medienfreiheit. Zensur findet nicht statt. Das ist wahr und falsch zugleich. Der Standard, 11./12. Dezember 2010
Wenn die „Bild"-Zeitung für die „Meinungsfreiheit" kampagnisiert, dann darf die „FAZ" nicht abseits stehen. „Bild kämpft für Meinungsfreiheit", hatte das Zentralorgan des gesunden Volksempfindens unlängst schließlich getitelt und in großen Lettern rausgeschrieen: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen". Gemeint waren Thilo-Sarrazins gesammelte Anti-Ausländer-Wahrheiten. Sogar mit dem Fall des Mohammed-Karrikaturisten Westergaard wurde er verglichen. Wo es um „Islamkritik" geht, da wird heute schnell bedrohte Meinungsfreiheit vermutet, so genau nehmen wir es da nicht, egal ob der Kritiker mit dem Tod bedroht wird - oder nur mit einem Spitzenplatz in den Bestsellerlisten.
Der Soziologe Richard Wilkinson und die Medizinerin Kate Pickett belegen mit einem Gebirge an Datenmaterial, dass gerechtere Gesellschaften für alle gut sind - und dass ungerechte Gesellschaften alle krank machen. Eine fulminante Studie. Wahrscheinlich das Buch des Jahres! Berliner Zeitung u. Der Standard, März und April 2010
Nach dem vereitelten Unterhosenattentat verfällt der Westen wieder in Terrorpanik und Sicherheitswahn, wird gejammert. Aber ist das überhaupt wahr? taz & Standard, 12. Jänner 2010
Alle kaufen auf Pump, Investoren verzocken Geliehenes und der Staat verschuldet sich über beide Ohren: Hat der Kapitalismus seine Ehrbarkeit verloren, weil er zu einer allgemeinen Schuldenwirtschaft wurde? Nein, denn ohne systematische Verschuldung wären wir alle noch arm wie Kirchenmäuse. Standard, 17./18. Oktober
Ist die Sozialdemokratie ein Auslaufmodell? Drei Gründe für den Absturz der europäischen Linken bei den EU-Wahlen. taz & Standard, 9. Juni 2009
Man kann auch auf säkulare Weise religiös sein, meint Charles Taylor. Der kanadische Philosoph erklärt, warum Multikulti nicht tot und „Abendland in Christenhand" eine destruktive Parole ist. Der Standard, 30. Mai 2009
Standard, 21. Februar 2009
Terry Eagleton, der berühmte britische Salonmarxist, macht sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. Und findet den Jazz. taz und Standard, Dezember 2008
Warum Kinder keine Freude sind, Geld nur dann glücklich macht, wenn die anderen nicht viel mehr haben und Sie ihre Frau schnell verlassen sollten, sobald Sie eine Geliebte haben: Die Entwicklung des Glücks von der Utopie zur Wissenschaft. Standard, Album, 4./5. August 2007
Der Klimawandel ist nicht nur schädlich, er ist auch ungerecht. Denn er bedroht nicht alle gleich. Es wird Gewinner und Verlierer geben. Gewinnen werden in der Regel jene Gesellschaften, die jetzt schon reich sind. Standard-Album, 5. Mai 07
Der Kerl gehört in den Olymp, und er soll nur ja nicht glauben, dass er sich da noch wehren braucht! Franz Schuh zum Sechzigsten. Eine Verbeugung.
Schüssel ist weg, die Luft ist besser. Was kommt, wird die Zukunft zeigen. Wider die Jeremiaden vom „Verhandlungsdesaster“.
Ein Kommentar zur Amtseinführung von Österreichs neuem Bundeskanzler Alfred Gusenbauer.
Standard, 11. Jänner 2007
Was heißt heute eigentlich "neureich"? Ein Beitrag zum Standard-Dossier "Reiche Russen". Der Standard, 5./6./7. Jänner 2007

Die einen kaufen bei Manufactum ein, die anderen lieben Feldbusch, die Lugners und Paris Hilton. Mit dem Unterschichtenlifestyle übersetzt sich heute kulturelle Deklassierung in materielle Chancenlosigkeit.
Web 2.0 heißt, dass sich die Realität des Netzes der Idee vom Netz anverwandelt – es wird demokratisch, partizipativ, kooperativ. Jeder kann sein Ding machen. Allerdings: Wer nicht im Netz ist, ist sozial inexistent. Standard, Album, 21. Oktober 2006
Spießigkeit, gibt’s die eigentlich noch? Oder ist sie bloß ein Lifestyle unter vielen? Gar die ultimative Art, schräg zu sein? Eine Erkundung. taz und Standard, Februar 2006
Vor einigen Jahren wohnte unter mir ein bekanntes männliches österreichisches Fotomodell – um genau zu sein, das bekannte männliche österreichische Fotomodell. Tagsüber ein umgänglicher Mensch, wurde der Bursche nachts, wahrscheinlich unter Einwirkung raffinierter Substanzen, etwas eigenartig. Er hörte dann stundenlang dröhnend laut Musik. Nach drei durchwachten Nächten und nachdem ich mir die Hand an seiner Tür tatsächlich blutig trommelte (er konnte mich natürlich nicht hören), tat ich etwas, wovon ich nie gedacht hätte, dass ich es tun würde: Ich rief die Polizei. Ich hatte keine andere Wahl: Mein damals dreijähriger Sohn brüllte schon, weil er schlafen wollte, und nicht konnte.
Ist der Bawagskandal nur ein Kriminalfall? Nein. Sind die Gewerkschaften in einer Krise? Klar. Sind sie unnütz? Ganz sicher nicht. April, 2006
Friedensfreunde und Neocons, Antiimperialisten und Antideutsche, Menschenfreunde und Haudraufs – alle haben ihre klaren Haltungen zum Libanonkrieg und liefern sich Debattengefechte mit den anderen. Grund für Unbehagen an der Diskurskultur. Standard, Juli 2006
Er tobt, der Krieg. Weit unten in Nahost wird er mit Katjuschas und mit Kampfbombern ausgetragen, in unseren Breiten mittels Presseerklärung, Leitartikel oder in hitzigen Kneipentischstreitereien.
Wider die Mieselsucht, die sich durch viele Kommentare zur Wrabetz-Wahl zieht. Standard, 21. 8. 2006
Die Kommentierung der Wahl von Alexander Wrabetz zum neuen ORF-Generaldirektor ist auf einen eigentümlichen Grundton gestimmt, gerade auch in jenem (links-)liberalen Lager, in dem zuvor kein Zweifel daran bestand, dass die Lindner-Mück-Führung ein einzigartiges Fiasko ist.
Da geht schon wieder die Angst um, der ORF könnte „vom Regen in die Traufe“ geraten, da ist vom Geburtsfehler die Rede, davon, dass das Bündnis von Stiftungsräten, die die SPÖ, dem BZÖ, den Grünen, der FPÖ und der ÖVP angehören oder nahe stehen, ein übles Präjudiz darstelle – jetzt sieht man wieder, wird insinuiert, die linken Gutmenschen haben halt doch keine Berührungsängste mit den rechten Bösmenschen. Fast lustvoll wird spekuliert, der Sozi, der sich da eine Mehrheit zusammenbastelte und zum General avanciert ist, habe wahrscheinlich seine Seele verkauft. Man hat fast den Eindruck, da werden die Haare in der Suppe gesucht, damit man sich nur ja nicht freuen muss. Es wird eh alles bleiben, wie es ist, wird da auf, dem Nationalcharakter entsprechende austro-depressive Weise prophezeit, vielleicht sogar noch schlimmer, wenn jetzt der Westenthaler das Programm diktiert, nicht der Schüssel und der Molterer, wie unter Lindner-Zeiten.
Mir geht, muss ich gestehen, diese Kleinmütigkeit ein wenig auf die Nerven. Denn über die Wahl von Wrabetz zum ORF-Generaldirektor sind doch wohl zunächst vier Dinge zu sagen: Erstens: Toll! Zweitens: Toll! Drittens: Toll! Und dann vielleicht viertens: Mal sehen, was daraus wird. Aber bitte in dieser Reihenfolge.
Denn schließlich herrschte bisher die Auffassung vor, dass die ÖVP, mit ihrem Geschick, alle Machtzentralen schwarz einzufärben, walten könne, wie sie wolle. Dass sie ihre Leute an alle Stellen platzieren kann, völlig unabhängig von deren fachlicher Kompetenz. Dieser Auffassung hingen nicht nur die ÖVP-Strategen an, sondern eigentlich auch ihre Kritiker: schließlich weiß man ja, wie die Dinge in diesem Land laufen. Erstaunlicherweise hat sich diese Auffassung als falsch erwiesen.
Wenn die Kandidaten des vorherrschenden Machtblocks von aufreizender Inkompetenz sind, und dem ein kompetenter Aspirant gegenüber steht, dann ist es offenbar auch in diesem Land möglich, dass sich Mehrheiten verschieben und nach Qualifikation entschieden wird. Das ist doch wunderbar! Damit soll nicht blauäugig unterstellt werden, die BZÖ-Stiftungsräte hätten nur aus fachlichen Überlegungen entschieden – aber natürlich war es wohl auch nicht so, dass fachliche Überlegungen überhaupt keine Rolle gespielt hätten.
Schließlich wurde das Team Lindner ja nicht nur, was erstaunlich genug wäre, von einer rot-orange-grün-blauen Koalition abgewählt, dem sich am Ende sogar zwei ÖVP-Stiftungsräte (aus gewiss nicht ausschließlich altruistischen Motiven) anschlossen – sie hat ihre Mehrheit ja auch verloren, weil ihr mit Wolfgang Lorenz ein bürgerlicher ÖVP-Mann die Gefolgschaft aufkündigte und zwei liberalkonservative Stiftungsräte für diesen stimmten. Es gibt also auch Selbstreinigungskräfte im konservativen Milieu – und das ist vielleicht das Erfreulichste an der ganzen Chose.
Angesichts all dessen kann man natürlich sagen: Jetzt hat Wrabetz ganz schön viele Königsmacher in seinem Rucksack, deren Wünsche er erfüllen muss. Aber warum muss man eigentlich immer die Schlimmste aller Möglichkeiten annehmen? Warum soll eigentlich im ORF nicht funktionieren können, was grosso modo in jedem modernen seriösen Medienunternehmen funktioniert, ob öffentlich-rechtlich oder nicht: dass die beteiligten Journalisten, egal welcher Couleur, ihren Beruf frei und entsprechend journalistischer Standards ausüben; dass Journalisten aus ihrer Nähe zu einer politischen Gruppierung kein Nachteil erwächst, sie aber ihre berufliche Position auch nicht dazu benützen, ihrer politischen Gruppierung einen unlauteren Vorteil zu verschaffen. Das klappt bei ARD, ZDF, BBC und in Österreich bei Standard, profil, Kurier (Liste ganz unvollständig!) meist ganz okay – warum sollte das also beim ORF unmöglich sein? Es soll in normalen publizistischen Unternehmen sogar vorkommen, dass Journalisten den privilegierten Zugang zu der Partei, der sie weltanschaulich am nächsten stehen, nicht dazu nützen, diese zu protegieren, sondern dazu, an möglichst gute Storys ranzukommen. All das gibt es in der großen weiten Welt der freien Medien, glaubt mir das Leute!
Heißt es auf Wunder hoffen, wenn man davon träumt, dass im ORF auch gelingt, was an sich „normal“ ist? Vielleicht ist es ein Traum – aber unrealisierbar?
Warum also jetzt schon schlechte Stimmung verbreiten, was ja immer auch den Mutigen den Mut nimmt, statt zu sagen: dem Wrabetz ist zuzutrauen, dass er das schafft. Dass er eher einer breiten Koalition sein Amt verdankt, kann paradoxerweise sogar ein Vorteil sein – weil er damit unabhängiger ist, als jemand, der nur einem Block verpflichtet ist.
Jetzt also bitte nicht in Kleinmut verfallen, sondern groß denken. Es wäre nicht nur zum Wohle des gebührenzahlenden Publikums, sondern schließlich auch zum Wohle des Unternehmens, dem er bald vorsteht – das schließlich in Konkurrenz mit anderen Unternehmen steht. Es geht ja immerhin auch um Geld und um die Marktposition einer großen Firma, die nur reüssieren wird, wenn sie sich an den international Besten ihrer Branche orientiert. Vielleicht können auch die Stiftungsräte in diesem Unternehmen etwas mit diesem Argument anfangen, ja, vielleicht sogar mancher Strippenzieher in der BZÖ-Zentrale. Schließlich sind, wie wir gesehen haben, doch auch in diesem Land Dinge möglich, die man nicht für möglich gehalten hat. Und: Mieselsucht ist immer, und besonders in diesem Fall, ein schlechter Ratgeber.
Der Künstler, einst das Antimodell zum Wirtschaftsbürger, ist heute Leitfigur für Unternehmer, Angestellte und Neue Selbstständige: als Kreativer, der auf eigene Rechnung arbeitet. Zwei neue Bücher analysieren das Phänomen aus unterschiedlicher Blickrichtung
Warum die Geschichte der Natascha Kampusch jetzt schon zum kulturellen Fundus der großen Menschheitsgeschichten zählt.
Als der weltberühmte marxistische Philosoph Louis Althusser 1980 seine Frau Hélène erwürgte, löste das bei einem Großteil der theoretisch interessierten Community eine Abwehrreaktion aus. Der Mord wurde gewissermaßen als banale, uninteressante menschliche Fehlleistung gewertet, welche nicht den Blick auf den welthistorischen Rang des Denkers verstellen solle. Der Dichter Heiner Müller lieferte damals einen bemerkenswerten Kontrapunkt. Der Staatstheoretiker Althusser habe ihm eigentlich nicht viel zu sagen, murmelte der Dramatiker, aber, so fügte er hinzu: „Der Fall Althusser interessiert mich“ – als Material, als „dramatischer Stoff“. Müller, dem es die menschlichen Ausnahmesituationen und Extremmomente immer angetan haben, war nicht vom Intellektuellen Althusser fasziniert, sondern vom Kriminalfall Althusser – beziehungsweise, um exakt zu sein, von der Tatsache, dass ein intellektuelles Scheitern in einem Mord münden kann.
Bei allen Differenzen im je Konkreten, ist das natürlich das, was das Publikum immer an Kriminalfällen interessiert: dieser Blick, den sie frei geben auf das, was die Alten die „conditio humana“ genannt hätten.
Politik wird zum "Kampf der Zivilisationen" oder als Entertainment zur Kulturware, die Ökonomie verkauft Lebensstile, Identitäten prallen aufeinander und Selbstmordattentäter drehen Homevideos - warum sich heute alles in Kultur auflöst. Standard & Falter, Februar 2005
Vor vier Jahren wurde der Entschädigungsfonds für Nazi-Opfer eingerichtet. Geld werden die Überlebenden aber nicht so bald sehen. Innenansichten eines Skandals, an dem niemand schuld ist. Standard, Februar 2005
Die Befreiung von den Freiheitlichen kann nur das Werk der Freiheitlichen selbst sein, oder: Warum findet niemand etwas dabei, dass wir von Clowns regiert werden? Standard, April 2005
Der große Konsens und seine Folgen: Was passiert, wenn man zwischen politischen Programmatiken wählen darf, die etwa so stark divergieren wie Coke und Pepsi. Standard-Album, Juni 2005





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