Mehr Gleichheit macht glücklich

Der Soziologe Richard Wilkinson und die Medizinerin Kate Pickett belegen mit einem Gebirge an Datenmaterial, dass gerechtere Gesellschaften für alle gut sind - und dass ungerechte Gesellschaften alle krank machen. Eine fulminante Studie. Wahrscheinlich das Buch des Jahres! Berliner Zeitung u. Der Standard, März und April 2010

 

 

 

Die gesellschaftliche Gleichheit ist in den letzten Jahrzehnten ziemlich aus der Mode gekommen. Wer für Umverteilung von Oben nach Unten plädiert, gilt als verstaubter Retro-Sozialist, wer für mehr Gleichheit plädiert, schnell als naiver Spinner. Wer sich als Egalitarier outet, muss sich den Vorwurf der „Gleichmacherei" gefallen lassen. Denn „Gleichmacherei" sei gefährlich, wurde argumentiert: sie würde die Leistungsträger bestrafen, statt deren Anstrengungen zu belohnen; deshalb sei Ungleichheit funktional für prosperierende Gesellschaften. Ja, von einer Gesellschaft, die Ungleichheiten zulässt und ihnen sogar positiv gegenüber steht, hätten am Ende alle etwas, wurde argumentiert: Weil die Prosperität, die sie schafft, auch den Ärmsten nützt. Weil, was hätten die denn davon, wenn sie relativ zu den Reichen besser gestellt sind, sie aber eklatanten Mangel litten.

 

An all dem ist, kurz gesagt, nichts wahr. In den fünfziger bis siebziger Jahren wurden die westlichen Gesellschaften sukzessive „gleicher" und die Wachstumsraten waren hoch; seither geht die Schere der Ungleichheit wieder auf, und die Wachstumsraten sind niedrig. Also, dass wachsende Ungleichheit zu einer brummenden Marktwirtschaft notwendigerweise dazu gehört, kann man getrost ins Reich der Mythen verbannen.

 

Der britische Ungleichheitsforscher Richard Wilkinson und die Epidemologin Kate Pickett haben nun aber in einer fundamentalen Untersuchung nachgewiesen, wie sehr wachsende Ungleichheit schadet - und zwar so ziemlich jedem in einer Gesellschaft, also sogar den „Profiteuren". Gesellschaften mit einem hohen Grad an Ungleichheit haben durchschnittlich eine geringere Lebenserwartung, die Bürger sind ungesünder, das Bildungsniveau ist niedriger, mehr Menschen haben psychische Erkrankungen, die Kriminalität ist höher - und zwar ziemlich unabhängig vom Nationaleinkommen pro Kopf. Oder anders gesagt: In armen Ländern steigert Wirtschaftswachstum das allgemeine Wohlbefinden noch, aber in reichen Ländern haben Einkommenssteigerungen weniger Relevanz als die Verteilung des Reichtums. „Gesundheitliche und soziale Probleme kommen signifikant häufiger in Ländern vor, in denen die Einkommensschere weit geöffnet ist", resümieren die Autoren.

 

Die beiden Forscher haben Berge von Datenmaterialen aus dutzenden Ländern zusammengehäuft und die Eindeutigkeit ihres Befundes ist tatsächlich frappierend. Das durchschnittliche Niveau der Lebensqualität ist in Ländern mit hoher Ungleichheit nicht bloß deshalb geringer, weil die Malaise der schlechter Gestellten den Durchschnitt drückt; sondern weil nahezu alle in diesen Gesellschaften unter dem sozialen Stress zu leiden haben. So hat ein Baby, das im relativ armen Griechenland geboren wird, eine um 1,2 Jahre höhere Lebenserwartung als in den reichen USA.

 

Auch weiße, amerikanische Mittelschichtsbürger haben eine geringere Lebenserwartung als vergleichbare Einwohner in den egalitären skandinavischen Ländern.

 

Nun kann man das im Einzelfall auf schlecht funktionierende Institutionen schieben: Krankheit auf das miserable Gesundheitswesen, eklatante Bildungsmängel auf das Schulsystem. Aber das heißt ja nur: Gesellschaften mit einem hohen Grad an Ungleichheit werden von einem antiegalitären Geist durchweht und der produziert schlecht funktionierende Institutionen.

 

Ungleichheit macht uns unglücklich. Sie führt dazu, dass das Vertrauensniveau in einer Gesellschaft sinkt, und damit zu mehr Kriminalität - und, was oft genauso schlimm ist, zu mehr Angst vor Kriminalität. Gesellschaften mit einem hohen Grad an Ungleichheit sind Gesellschaften mit großer Statuskonkurrenz und die versetzt Menschen in Stress, verdunkelt ihr Gemüt, verschlechtert ihr psychisches Wohlbefinden. Das erklärt vielleicht, warum es auch den relativ Bessergestellten in diesen Gesellschaften oft noch schlecht geht: Weil sie immer Angst haben, dass sich jemand findet, der höher als sie in der sozialen Hierarchie steht. Ungleichheit vergiftet alle sozialen Beziehungen, nicht nur die zwischen der Upper- und der Underclass.

 

Ungleiche Gesellschaften führen für sich oft ins Treffen, dass in ihnen die soziale Mobilität höher ist: Oben und Unten trenne zwar ein hoher Wohlstandsgraben, aber jeder könne in ihnen nach Oben aufsteigen. Die Gewinner gewinnen zwar so richtig, aber jeder kann zum Gewinner werden. Auch das wird von dem Datenmaterial klar widerlegt. Wer in Gesellschaften, die materielle Armut akzeptieren, in Armut hineingeboren wird, bleibt unten. Und er wird auch noch durch unsichtbare Stereotypisierungen unten gehalten. Er bringt schlechtere Leistungen in der Schule, selbst dann, wenn er über die gleichen Fähigkeiten verfügt wie seine höhersituierten Mitschüler. Der Statusstress durchzieht alles: Selbst Wunden heilen bei Unterprivilegierten langsamer, weil die Stresshormone, die sie andauernd ausschütten, die Heilung verlangsamen. Je ungleicher eine Gesellschaft, umso größer das Problem der Fettleibigkeit.

 

„Ungleichheit trägt zu Verschlechterungen in vielen Bereichen bei, weil sie der Qualität der Beziehungen schadet", so die Autoren, und das beeinträchtigt nicht nur unser Wohlbefinden, sondern schadet auf lange Sicht auch der Prosperität, während umgekehrt gilt: Wenn alle Menschen aus ihrem Leben etwas machen können, tragen mehr Menschen zum Wohlstand bei. Mehr Gleichheit ist deshalb nicht nur kompatibel mit einer kapitalistischen Marktwirtschaft, sondern es nützt ihr sogar.

 

Die beiden britischen Universitätsprofessoren Wilkinson und Pickett haben ein fulminantes Buch geschrieben, das Erkenntnisse der modernen „Glücksforschung" mit einer Fülle von Fakten unterlegt. Über weite Strecken ist das im nüchternen Ton der empirischen Sozialforschung gehalten, die Daten sprechen schließlich für sich, doch es ist auch ein engagiertes Buch. Nach Jahrzehnten der Ungleichmacherei müsse es nun wieder in die andere Richtung gehen, fordern die Autoren - und springen gleich auch aus der akademischen Rolle. Ganz im Stile des „engagierten Intellektuellen" rufen sie auf, eine, oder besser: viele, Bewegungen für mehr Gleichheit zu begründen. Mehr Gleichheit ist mit kapitalistischen Marktwirtschaften vereinbar, unterstreichen sie immer wieder: Schließlich haben sie ja auch ihr „positives" Datenmaterial aus demokratischen Marktwirtschaften. Und auch Trendwenden sind möglich: Wenn es ab Mitte der 70er Jahre wieder rasant in Richtung mehr Ungerechtigkeit ging, dann ist das ja ein Beweis dafür, dass es auch wieder ganz schnell in die andere Richtung gehen kann, so ihr raffiniertes Argument. Es liegt, schließen Wilkinson und Pickett etwas pathetisch, an jeden von uns, einen Wandel anzustoßen. Und: „It Doesn't Take a Revolution" - Es braucht dafür keine Revolution, aber „was wir brauchen, ist ein kontinuierlicher Fluss kleiner Veränderungen" mit dem Ziel: „Die Gesellschaft sozialer machen." Ein ganz, ganz wichtiges Buch, an dem künftig keiner mehr vorbei kann, der substantiell etwas zur anschwellenden „Sozialstaatsdebatte", oder auch zur „Bildungsdebatte" beitragen will.

 

Richard Wilkinson und Kate Pickett: Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Tolkemitt-Verlag bei Zweitausendeins. Berlin, 2009. 333 Seiten. 19,90.- Euro



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2 Comments


Dieses Buch wurde aber in der englischsprachigen Blogosphäre ausreichend zerpflückt.

Vorweg ist die Entkräftung der vulgärkonservativen Verteidigung der Ungleichverteilung kein Beleg für die jeweils eigene, präferierte Wunschhypothese.

1. Zunächst gefällt mir die Generalisierung nicht. Wer ist "uns"? Ich fühle mich da nicht angesprochen.

2. Falls die Ungleichverteilung des Primäreinkommens unglücklich macht, kann man daraus nicht automatisch schließen, dass Almosen das kompensieren können. Deine häufig geäußerte Kritik am Abstandsgebot zw. arbeitslosen Einkommen und Niedriglöhnen besteht ja nicht zuletzt auch in der Vermutung, dass Arbeitslose eben nicht hauptsächlich aufs Geld schauen; also dass arbeitsloses Einkommen und Markteinkommen nicht gleichermaßen glücklich machen.

3. Ist tatsächliche Ungleichverteilung, oder lediglich deren Wahrnehmung maßgeblich? Erhebungen zur Einkommensverteilung in Österreich gibt es erst seit dem EU-Beitritt. Und selbst da ist die Datenlage im Vergleich zu den USA spärlich. Zu Kreiskys Zeiten hat das kein Schwein interessiert und die Österreicher gehören bekanntlich zu den glücklichsten Nationen der Welt. Obwohl Österreich zu den gleichsten Ländern der Welt zählt, versuchen nun speziell linke Kräfte hier massive Ungerechtigkeiten herbeizuschreiben, die den Rechten zuarbeiten könnten. Strache hat ja die neuerdings kolportieren Millionen von Armutsgefährdeten aufgenommen und Haider punktete immer mit Privilegienrittertum und dem benachteiligten kleinen Mann.

4. Ungleichheit wird es immer geben. Es gibt neben dem Einkommen schließlich andere Statusdimensionen, wie Schönheit, Intelligenz, gesellschaftliche Anerkennung usw. Die Bobo-Kultur ist in vieler Hinsicht eine Strömung, in der ein postmaterialistischer, aber energischer Statuswettbewerb stattfindet.
Mit Ungleichheit muss man also so oder so umgehen lernen. Sonst wird man nie glücklich.

5. Es fragt sich, inwiefern es ethisch gerechtfertigt ist, den am Markt erfolgreichen etwas wegzunehmen, um andere glücklich zu machen, nur weil sie auf den Erfolg neidig sind.

6. In den von Skandinaviern besiedelten nördlichen Bundesstaaten Minnesota, North Dakota usw. ist die Lebenserwartung ähnlich hoch, wie unter daheim gebliebenen Skandinaviern. Das trifft auch auf viele andere Indikatoren zu. Vielleicht sind es die Gene, oder das Klima.
Afrikaner scheinen jedenfalls eine geringere Lebenserwartung zu haben. (Blutdruck, Anfälligkeit für Diabetes und andere Zivilisationskrankheiten)

7. Ein anderes Ergebnis aus der Glücksforschung ist, dass Nationalstolz eine wesentliche Komponente ist, die glücklich macht. Das könnte auch den Unterschied zw. den glücklichen Österreichern und den unglücklichen Deutschen erklären, denen wir die alleinige Schuld für den Nationalsozialismus umgehängt haben. So genannte rückwärtsgewandte Vergangenheitsbewältigung ist also möglicherweise höchst kontraproduktiv. Der Nutzen der Psychoanalyse ist ja auch mittlerweile diskreditiert, weil sie ständig schlechte Erinnerungen aufwühlt, anstatt konstruktiv in die Zukunft zu blicken.

8. Der Autor des Bestsellers "Bowling alone", Robert Putnam, ist nach jahrelangen Untersuchungen zum für ihn überaus unerfreulichen Ergebnis gekommen, dass ethnische/kulturelle Vielfalt der dominante Faktor ist, der mangelndes Vertrauen und Partizipation in den USA erklärt. Die unterschiedlichen ethnischen und religiösen Communities der USA haben auch stark unterschiedliche Durchschnittseinkommen. Haben Wilkinson und Picket kontrolliert, ob das Einkommen die primäre Ursache ist, oder nur eine nebensächliche Korrelation, die aus anderen Formen von Ungleichheit entsteht?

Wie jedes Ideal tritt Gleichheit mit anderen Idealen, wie Pluralismus, in einen Zielkonflikt. Deshalb ist es eben mit der Widerlegung der vulgärkonservativen trickle-down Theorie nicht getan.

P.S.: Der angebliche Zusammenhang zw. Ungleichverteilung bzw. Armut und Kriminalität ist angesichts der Entwicklung in den USA nicht sonderlich plausibel:
A Crime Theory Demolished -
If poverty is the root cause of lawlessness, why did crime rates fall when joblessness increased?

Lieber Herr Misik !

Ich habe dieses Buch vor kurzem zu Ende gelesen und bin zutiefst erschüttert. Obwohl mir dessen Grundaussagen von vornherein plausibel erschienen, hätte ich nicht gedacht, dass sich so überdeutlich zeigen lässt, wie abhängig eine sozial gesunde Gesellschaft von der Gleichheit ihrer Individuen ist.

Die Ergebnisse, die mit einem beachtlichen Engagement(50 Jahre Forschung) aus dem angesammelten Datenmaterial herausdestilliert wurden, sollten jedem, der auch nur im Entferntesten an sozialem Frieden interessiert ist, vor die Nase gehalten werden.

Auch wenn sich nicht alle sozialen Probleme durch die Thesen von Wilkinson und Pickett erklären lassen, liefern sie doch einen unentbehrlich Beitrag zum Verständnis warum es bei uns, trotz des Klimawandels, immer kälter wird.

Es wäre ungemein wichtig diese brisanten Erkenntnisse in die politischen Debatten einzubringen, um z.B. auch der SPÖ einmal vor Augen zu führen warum ihnen die Wähler davonlaufen.

Vielleicht haben sie, Herr Misik, Lust dieser Thematik einen Videopodcast zu widmen, geschmückt mit anschaulichem Bildmaterieal aus dem Buch bzw. der zugehörigen Webseite. (http://www.equalitytrust.org.uk/).

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