Recently in Texte aus der taz (Berlin) Category
Das romafeindliche Ressentiment in Europa nimmt die Form blankester „Aufstachelung zum Rassenhass" an. Ein Schweizer Zeitungscover markiert einen traurigen Tiefpunkt. taz, 11. April 2012.
Er sieht aus wie ein Grundschullehrer, der Briefmarken sammelt und noch bei Mama wohnt: Roger Köppel, der „Chefredaktor" und Verleger der Zürcher Weltwoche. In deutschen Talk-Shows ist der nervige Schweizer wenn schon nicht gern, so doch oft gesehener Gast, das einst liberale, weltläufige Wochenblatt hat er innerhalb von zehn Jahren zur rechtspopulistischen und neoliberalen Kampfpostille umgemodelt.
Doch ein solches Cover, wie es die Titelseite der aktuellen „Weltwoche" ziert, hat es in Westeuropa außerhalb der Nazi-Subkultur seit 1945 wohl selten gegeben. „Die Roma kommen", heißt es hier alarmistisch. Darunter: „Familienbetriebe des Verbrechens". All das umrahmt das Foto eines kleinen Jungen, der mit einer (Spielzeug?-)Pistole ins Objektiv des Fotographen zielt. Suggestive Botschaft: bei diesen Zigeunern sind sogar die Vierjährigen schon Gewalttäter und Verbrecher.
Cover dieser Art kennt man aus Jugoslawien in den Jahren 1990ff. Sie waren die publizistische Ouvertüre zu Mord und ethnischen Säuberungen. Der Fall Köppel erhielt eine zusätzliche degoutante Note, wurde doch schnell bekannt, woher dieses Foto stammt: Weder ist es aus der Schweiz, noch zeigt es Roma, die „Raubzüge in die Schweiz" unternehmen. Das Bild des kleinen Jungen stammt aus dem Kosovo, er lebt dort mit seiner Familie in einem Slum am Rande einer Müllhalde im Dreck.
Man kann den Fall dieses einen Covers natürlich für eine unappetitliche Episode halten, die nicht viel mehr ist als eine Anekdote. Und doch ist die Causa mehr als das. Sie ist ein Symptom. Erstens ein Symptom dafür, wie ein Tabubruch den nächsten nach sich zieht, dass hier wie auf einer schiefen Ebene ein zivilisatorischer Standard nach dem nächsten geschliffen wird. Rechtspopulismus ist auch eine Überbietungsstrategie, der Kitzel von arg, ärger, noch ärger. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass eine gerade eben noch respektierte Zeitung in Westeuropa jemals so ein Titelblatt produzieren würde? Wahrscheinlich hätte das nicht einmal Roger Köppel selbst gedacht.
Zum 100. Geburtstag Marshal McLuhans fragte mich die taz, was mir zur Berühmtesten seiner berühmten Formeln einfällt:
Uff! Die legendärste aller McLuhan-Zeilen. Rauf und runter rezipiert. Auch noch fünfzig Jahre, nachdem sie geprägt wurde, wird sie in medientheoretisch interessierten Kreisen hinausposaunt, als wäre sie noch eine große Weisheit. Eine dieser, „wie-schon-McLuhan-sagte"-Formeln. Wahrscheinlich ist es diese Zeile, derentwegen ich mich nie für McLuhan interessiert habe. Nicht, dass ich sie für falsch hielte. Eher ist sie einer jener Parolen, die so wahr sind, dass sie schon wieder zu einem Klischee werden. Und sie ist ja, kategorisch verstanden, sowohl falsch als auch wahr. Wahr ist, dass die Kanäle, die Medien, deren Eigenlogik, den Sprechenden an sich anschließen. Die Botschaft macht etwas aus dem, der spricht, er ist nicht Herr seiner Botschaft. Das Medium benutzt ihn, und nicht er allein das Medium. The Media is the Message - ja, eh, wissen wir schon, danke schön! Und in ihrer besserwisserischen Version, verstanden als: „das Medium ist alles, die Botschaft nichts", ist die Formel ja auch ein bisschen falsch. Aber in gewissem Sinn ist sie eine Formel, die sich gegen ihren Urheber richtet, so wie das Frankenstein-Monster, das sich gegen seinen Erschaffer richtet. Denn steckt in dem Formel-, Sloganhaften nicht auch ein performative Bestätigung des Gesagten selbst? Von der Art: „Ich muss einen Einzeiler schaffen, den sich alle Welt merkt." Dann ist die Pointe alles, hinter der der Inhalt der Formel längst verschwunden ist. Was sie sachlich aussagt, wird schnell zum Dekor hinter der Phrase. Steile These, heute etwas flach. Wobei es natürlich ihre geniale Wahrheit ist, die sie zur Banalität macht.
Osama bin Laden - der Mann mit Turban und Zauselbart, im Schneidersitz mit der Kalaschnikow in der Hand. Er war auch eine schräge Pop-Ikone, Produkt unserer Projektionen, eine Kunstfigur. Jetzt ist er tot. taz, 3. Mai 2011
Welch eine Meldung wäre das noch vor sechs, sieben Jahren gewesen - „Osama bin Laden von US-Spezialeinheiten getötet". Heute ist das selbst für Nachrichtenjunkies eine Meldung, die allenfalls mit Interesse aufgenommen wird „...Ach, ja, bin Laden". Die Nachricht von seinem Tod kommt jedenfalls Jahre zu spät, als dass sie noch große Emotionen aufwühlen oder gar weltpolitische Wellen schlagen könnte. Einerseits.
Im Grunde müssen wir die Energieversorgung unserer Gesellschaften komplett neu planen und aufbauen. Solange das nicht geschieht, können wir höchstens zwischen verschiedenen Formen der Katastrophe wählen. taz, 16. März 2011
Soll man heute noch den Kommunismus beschwören? Dürfen darf man. Aber besser lässt man es. Denn die Kommunisten von heute leben in einer Welt der unnützen, leeren Imaginationen. taz, 29. Jänner 2011
Einen Haider, einen Wilders, einen Strache - kann's die auch in Deutschland geben? Aber klar doch! taz, 17. Dezember 2010
Wie der türkische Botschafter in Wien eine diplomatische Krise auslöste. taz, 12. November 2010.
Klar, diplomatisch waren die Worte, mit denen der türkische Botschafter Kadri Ecvet Tezcan die Anti-Ausländer-Stimmung in Österreich charakterisierte, nicht wirklich. Gewiss auch, ganz den Gepflogenheiten seiner Branche entsprach es nicht, dass er der als „Abschiebeministerin" bekannten Innenministerin Maria Fekter implizit vorhielt, sie würde besser in eine rechtsextreme Partei passen.
Aber dafür haben die starken Sätze, die der türkische Botschafter in Österreich sagte, einen Vorteil: Sie sind alle wahr. Mehr noch: Letztendlich weiß das jeder.
Ein „Time"-Cover mit einer verstümmelten Afghanin heizt die Debatte an: Raus aus Afghanistan oder weiter Krieg führen gegen die Taliban? taz, 7. August 2010
Es ist eines jener Titelblätter, die man so gemeinhin einen Eye-Catcher nennt - das Cover des aktuellen „Time"-Magazin. Eine junge, hübsche Frau mit abgeschnittener Nase. Daneben die Schlagzeile: What Happens When We Leave Afghanisatan. Ohne Fragezeichen, wohlgemerkt. Die Botschaft ist also ziemlich unverschlüsselt: DAS passiert, wenn wir aus Afghanistan abziehen.
Das ist natürlich eine ziemlich absurde Textierung, als „das" ja vor etwa einem Jahr passiert ist: der 18jährigen Aisha wurden von der Familie ihres Mannes - einem Anhänger der Taliban - Nase und Ohren abgeschnitten, als „Strafe" dafür, dass sie der Tortur, die ihre Ehe darstellte, zu entfliehen versucht hatte. Insofern ließe sich natürlich nüchtern feststellen: das passiert auch, wenn wir NICHT aus Afghanistan abziehen. Das passiert, trotz neun Jahren westlicher Besatzung.
Die Katastrophe der „Deepwater Horizon" ist kein Unfall - sondern der High-Risk-Strategie der Süchtigen nach der Droge Öl. Die Welt muss auf Entzug. taz, 2. Juni 2010
Ein Lob dem 1. Mai. Mag der "Feiertag des Proletariats" auch zu einem Volksfest geworden sein, so stellt er doch einen Eingriff in den öffentlichen Ablauf des Stadtlebens dar. Er irritierte Routinen und lässt die Ahnung entstehen, dass die Dinge nicht unbedingt so ablaufen müssen, wie sie immer ablaufen.
Interview mit Lord Robert Skidelsky: Der britische Wirtschaftshistoriker über die Dummheit der Ökonomen, die Macht der Banken und die Rückkehr von „Meister Keynes". Falter & taz, April 2010
Bücher zur Krise. Robert Skidelsky feiert die „Rückkehr des Meisters" John Maynard Keynes. Und in einem kleinen Buch aus John Kenneth Galbraiths Nachlass wird die ewige Wiederkehr des „finanziellen Schwachsinns" analysiert. taz & Falter, Buchmessenbeilagen, März 2010
Nach dem vereitelten Unterhosenattentat verfällt der Westen wieder in Terrorpanik und Sicherheitswahn, wird gejammert. Aber ist das überhaupt wahr? taz & Standard, 12. Jänner 2010
Irving Kristol, Godfather der Neokonservativen, ist 89jährig in Washington verstorben. taz, 22. September 2009
Eine Katastrophe tritt ein, macht Bumm!, geschieht und ist damit wieder vorbei. Die Krise dagegen ist auch heute noch wie Feinstaub: Man weiß, sie ist da, aber man sieht keine Trümmer. Zum 1. Jahrestag der Lehman-Pleite für die taz, 15. September 2009
Arcandor ist insolvent, den Chef muss das nicht grämen: der geht nach sechs Monaten im Job mit 15 Millionen Euro heim. Das ist nicht korrupt, sondern normal in einem korrupten System. taz, 2. September 2009
Peter Bofinger, einer der fünf deutschen „Wirtschaftsweisen", erklärt, warum Ludwig Erhards alte Maxime die richtige Antwort auf die Weltwirtschaftskrise ist. taz, 8. August 2009
John Malkovich entreißt den dichtenden Killer Jack Unterweger dem Vergessen. taz, 6. Juli 2009
taz, 18. Juni 2009
Da alles Kommunikation ist, hat derjenige Deutungshoheit, der eingängige Slogans prägt. Jürgen Habermas ist ein solcher Bezeichnungskünstler. „Der Publizist Habermas hat dem Wissenschaftler Habermas immer wieder zu prägnanten Formulierungen verholfen, ohne die in einer Kommunikationsgesellschaft Öffentlichkeit nicht erreicht werden kann", schrieb Detlev Claussen einmal. „Eine Art Schadensabwicklung", „Die neue Unübersichtlichkeit", das sind fast geflügelte Worte geworden, und den „herrschaftsfreien Diskurs", den fordert mancher ein, ohne genau zu wissen, was es mit Habermas' Diskursethik auf sich hat.
Ist die Sozialdemokratie ein Auslaufmodell? Drei Gründe für den Absturz der europäischen Linken bei den EU-Wahlen. taz & Standard, 9. Juni 2009
Jetzt zahlt die Linkspartei den Preis für die Fusion mit frustrierten, sektiererischen Westlinken. taz, 19. Mai 2009
Schriften zu Zeitschriften. „Texte zur Kunst" umkreist das Leben im Neoliberalismus, „dérive" zeigt, wie man in ihm wohnt. taz, 4. Mai 2009





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