Recently in Texte aus der taz (Berlin) Category

Die Berliner "tageszeitung" hat dieses Wochenende ja einen saftigen Relaunch hingelegt. Und Teil dieses Relaunches ist die Kolumne "Der Rote Faden", die künftig von mir und anderen alternierend geschrieben wird. Also, einmal im Monat gibt es da ab jetzt von mir so eine Art Wochenschau. Hier die Startkolumne. 

Das Ausmaß des Schreckens, den Terroranschläge wie die von Boston verbreiten, steht in keinem Verhältnis zu den Opferzahlen. Man soll das bitte nicht zynisch auslegen. Verglichen mit dem tausenden Opfern von Gewaltverbrechen, die jährlich in den USA zu beklagen sind, nehmen sich ja drei Tote, so grauenhaft der Verlust für die Angehörigen ist, doch nicht als große Story aus. Aber es ist eben gerade das Charakteristikum terroristischer Anschläge, Angst und Schrecken auszulösen. Terrorismus pflanzt das Gefühl alltäglicher Bedrohung in die Gemüter. 

Die Terroristen haben schon gewonnen, wenn die Bürger sich schrecken lassen. Terrorismus ist Politik mit der Angst. 

Politik und Angst sind aber noch auf viel alltäglichere Weise miteinander verbunden. Ein Großteil unserer Probleme entstehen (oder werden nicht gelöst), weil irgendjemand Angst hat. Etwa, weil Leute nicht tun, was eigentlich getan werden müsste, aus Angst vor den Konsequenzen. Dass Politiker etwa keine großen Schritte wagen, aus Angst, sie könnten stolpern; aus Angst, ein Risiko einzugehen. 

Der neue Obama

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US-Präsident Barack Obama ist plötzlich wieder der Darling der Linken. Seine zweite Amtszeit wird zu einem Experiment, wie sehr sich eine progressive Regierung auf linke Basisbewegungen stützen kann. taz, 5. März 2013

Seit dem fulminanten Wahlsieg von Barack Obama im November, besonders aber seit der zweiten Amtseinführung im Jänner, ist auf einemmal von einem "neuen Obama" die Rede. Schließlich hatte Obama, allen Unkenrufen zum Trotz, auch bei seiner Wiederwahl mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten - zwei absolute Mehrheiten hintereinander, das hat von den Demokraten zuletzt Franklin D. Roosevelt geschafft. Obama habe aber, darüber sind sich die Kommentatoren einig, auch seine Lektion aus der ersten Amtszeit gelernt, als der Enthusiasmus seiner Anhänger so schnell einem Katzenjammer gewichen war. Obama formuliert seine Reformagenda nun aggressiver. Die neuen Waffengesetze versucht er gegen Widerstände durchzuboxen. In seiner Inaugurationsrede hat er eine Agenda präsentiert, die mehr Gleichheit ins Zentrum stellte: Verteidigung des Sozialstaates, Gleichstellung von Lesben und Schwulen, Bürgerrechte, ein progressives Einwanderungsrecht, gerechte Chancen für alle. Und er formuliert all das im Kontext einer Vision eines gerechteren Landes, in dem der Staat wieder eine größere Rolle spielt - Obama will eine Spur hinterlassen, ein auch ideologisch verändertes Land. 
Die Kärntner, die Jörg Haider groß gemacht haben, wählen jetzt Rot-Grün. Ja, wie geht das denn? die tageszeitung, Berlin, 5. März 2013

Als sich am Sonntag so gegen 18 Uhr das Endergebnis der Kärntner Landtagswahlen abzeichnete, wollten die Österreicherinnen und Österreicher kaum ihren Augen und Ohren trauen. Jörg Haiders Erben, die "Freiheitlichen in Kärnten", sind im rechtspopulistischen Kernland nicht nur krachend abgewählt worden; knapp 28 Prozentpunkte haben sie verloren, sodass sie nunmehr gerade noch bei 17 Prozent rangieren. Mehr noch: Rot-Grün landet nur knapp unterhalb der 50 Prozent-Marke und könnte mit den Wahlkartenwählern eine Mandatsmehrheit erhalten. 

Rot-Grün! In! Kärnten!, das war noch vor wenigen Monaten so in etwa das politisch Unvorstellbarste überhaupt, und auch bis vorgestern ziemlich unwahrscheinlich. 

Wie auch immer die Mandatsverteilung am Ende sein wird: Ein linker, intellektueller sozialdemokratischer Philosoph namens Peter Kaiser wird nächster Kärntner Landeshauptmann und gemeinsam mit den Grünen das Land regieren. Sollte es mit der rot-grünen Mandatsmehrheit doch nicht reichen, wird die Sache sogar noch interessanter: denn es ist jetzt schon klar, dass Kärntens ins Seriöse gewendete konservative "Volkspartei" dann eben mit in die Regierung einzieht. Erstmals werden dann Konservative als dritter Partner in eine rot-grüne Regierung eintreten. 

Wir sind Friedensnobelpreisträger!

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Jetzt also auch wir. Danke, ganz lieb! 

taz, 12. Oktober 2012

Wir sind Papst! war gestern. Jetzt gilt: Wir sind Friedensnobelpreisträger! Wir alle, Bürger und Bürgerinnen der Europäischen Union wurden vom Komitee in Oslo ausgewählt und geehrt, wegen des historischen Friedensprojektes, das wir verwirklicht haben. Wenn das nur gut geht, können jetzt Zyniker einwerfen: Haben nicht schon Henry Kissinger und Jassir Arafat diesen Preis gekriegt? Jetzt also auch wir. Danke, ganz lieb. 

Aber Zynismus ist, wie immer, billig. Und gerechtfertigt ist dieser Preis allemal. Ein Kontinent, dessen Nationen jahrhundertelang in Machtkonkurrenz zueinander standen und verheerende Kriege vom Zaun brachen, wurde in unzähligen kleinen Schritten zu einer „Europäischen Union" geeint, von visionären Politikern. Gewiss, die meisten von denen sind heute tot, und ihre Nachfolger und Nachfolgerinnen sind nicht immer so visionär, aber preiswürdig ist das allemal.

Unser Afrika

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Minipackungen für Europas Arme. Das ist eine narzistische Kränkung, die in der Lingua Franka des Kapitalismus ausgedrückt wird: In der Sprache des Konsums. taz, 28. 8. 2012

Es ist nicht ohne böse Ironie: Gibt man bei Google die Suchbegriffe „Konsum" und „Armut" ein, stößt man gleich bei einem der ersten Einträge auf „Überflussgesellschaft". Und dieser Begriff eröffnet sogleich einen ganzen Horizont von Assoziationen. In einer Gesellschaft im Überfluss konsumieren die Reichen viel, die Ärmeren wenig, aber da Güter in Überfluss vorhanden sind und auch die Armen als Konsumenten für Nachfrage sorgen, ist es keineswegs so, dass sie völlig aus dem konsumistischen Orbit ausgeschlossen sind. Auch sie konsumieren, nur anders. Und weil auch die Ärmeren längst nicht mehr wirklich arm sind, müssen sich die Wohlhabenden, um ihren Wohlstand zu dokumentieren, durch eine eigene Art von Konsum von den Habenichtsen absetzen. „Stil" wird so zum Mittel zur Distinktion. Die einen kaufen beim Gourmettempel um die Ecke, die anderen bei Aldi. Eine ganze Spielart der Soziologie hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten darauf verlegt, subtile „Schichtungen" durch Konsum zu beschreiben. In der „Überflussgesellschaft" werden Waren zu „Positionsgütern", mit denen Statusüberlegenheit dokumentiert wird - Oberchic und Unterchic. 

Und doch wirkt eine solche Soziologie, die in Boomzeiten und der Ära stetigen Wachstums gedieh, und die mit aufgewecktem Interesse auf die Ästhetik der Waren guckte, heute seltsam aus der Zeit gefallen. Denn plötzlich sind es Millionen in Europa, für die nicht mehr gilt, dass sie ein schmaleres Haushaltsbudget haben als andere - sondern dass sie praktisch kaum mehr konsumieren können. 

Die Ankündigung des Lebensmittelmultis Unilever, nunmehr auch in Europa neue, kleine Verpackungsgrößen einzuführen, schlug jetzt ein wie eine Bombe. Dabei ist es ja nur zu logisch: Wer auch Leuten Instant-Kartoffelbrei verkaufen will, die nur über ein Haushaltsbudget von drei Euro am Tag verfügen, der wird wohl versuchen, die Packungsgrößen zu reduzieren. Und wenn Millionen Leute höchsten 10 Euro im Supermarkt ausgeben können, ist es vielleicht nicht so eine gute Idee, Waschpulver nur in Packungen anzubieten, die ein Vierteljahr vorhalten und gleich das gesamte Budget eines einzelnen Einkaufs auffressen würden. 

Vor ein paar Tagen hatte ich in der deutschen "Tageszeitung" einen größeren Debattenbeitrag über die deutschen Medien in der Eurokrise veröffentlicht: "Kollegen, Ihr habt versagt!" (Hier zum Originalbeitrag). Der Kommentar sorgte für einiges Aufsehen, und dankenswerterweise haben ihn jetzt die Freunde und Freundinnen von "Presseurope" in so ziemlich alle Sprachen der Europäischen Union übersetzt. Unten dokumentiere ich die englische Version. Die französische Version hier auf der Website von Le Monde. Auf rumänisch das ganze hier. Portugiesisch hier. Das hier dürfte tschechisch sein. Polnisch gibts das ganze hier

Since the outset of the eurozone crisis, the German media has been guilty of promulgating stereotypes and clichés about other countries. This has shaped Angela Merkel's divisive European polices, argues Austrian author Robert Misik.

"Europe's Most Dangerous Leader" headlined the British magazine New Statesman in a recent profile of Angela Merkel. In the inside pages, it promoted the German chancellor at the same time to the "most dangerous person in the world."

The conclusion of the well-researched story reads like this: "In denial and bent on austerity über alles, Merkel is destroying the European project, pauperising Germany's neighbours and risking a new global depression. She must be stopped."

Doch kein Verbrecher

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Fest entschlossen, Anzeigen gegen die „Weltwoche" niederzuschlagen, verrennt sich die Zürcher Staatsanwaltschaft ins Reich der Unlogik. Aber ist schon okay so. taz, 11. Juli 2012

Dass moralisch verkommenes Verhalten nicht immer gleich juristisch verboten ist, ist für die moralisch Verkommenen seit jeher Quelle ihrer aufgeblasenen Angeberei: Seht her, was wir tun, ist erlaubt, also ist es auch richtig. So feiert man jetzt auch in der Zürcher „Weltwoche"-Redaktion. Das rechtspopulistische Schweizer Wochenblatt wurde gerade gerichtlich exkulpiert: die Anzeigen wegen eines Roma-Titelblattes, das im Frühjahr für einen Skandal sorgte, wurden jetzt von der Staatsanwaltschaft zurückgelegt. 

Zur Erinnerung: Das Cover zeigte einen Roma-Jungen, der eine (Spielzeug?)-Pistole Richtung Kamera hält, unterschrieben mit reißerischen Titel und Untertitel: „Die Roma kommen. Raubzüge in der Schweiz. Familienbetriebe des Verbrechens." Das Foto wurde am Rande eines Slums im Kosovo aufgenommen, hatte also mit der Schweiz überhaupt nichts zu tun. In mehreren deutschsprachigen Ländern setzte es daraufhin Anzeigen, etwa wegen „Verhetzung" oder „Rassismus". Die Schweizer Anzeige wurde jetzt zurückgelegt, die zuständige Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte im Radio: „Das Titelbild zusammen mit dem Inhalt des Artikels setzt die Roma nicht als Volk herab."

Weil dieses Europa großartig ist

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Ein Essay für die Berliner "tageszeitung" vom 28. Juni aus Anlass des EU-Krisengipfels.

Der Ökonom John Maynard Keynes hat einmal darauf hingewiesen, dass es eine etwas blauäugige Annahme sei, Handel und wirtschaftliche Verflechtung würden nationale Konflikte notwendigerweise reduzieren. Im Gegenteil, wandte er ein: Sehr oft geht zunehmende ökonomische Verflechtung mit einem mehr an Konflikten einher, weil sich Handelspartner wechselseitig übervorteilt fühlen, was ja nicht der Fall wäre, würden sie bloß autark und indifferent nebeneinander her leben. Kurzum: Ökonomische Integration kann nationalistische Spannungen abbauen, aber sie kann sie auch verschärfen. 

Man versteht in den letzten Monaten besser, was Keynes damit gemeint hat. Der „Euro" wurde im guten Glauben eingeführt, eine gemeinsame Währung würde den Europäern noch ein wenig mehr an Gemeinschaftsgefühl geben und damit ein wichtiger Schritt zur europäischen Integration sein. Aber das Gegenteil war der Fall: Die gemeinsame Währung ist drauf und dran, die Europäer auseinander zu dividieren. Aus der Sicht der Deutschen und anderer Nordeuropäer leben die im Süden „auf unsere Kosten", aus der Sicht der Griechen, Spanier und anderer führen sich die Deutschen wie Kolonialisten auf. So wie es jetzt läuft, war der Euro eine gutgemeinte Idee mit exakt gegenteiligen Resultaten, als jenen, die beabsichtigt waren. 

Tony Judts nachgelassener, autobiographischer Essayband „Das Chalet der Erinnerungen". taz, 14. April 2012

Als bei dem großen Historiker und öffentlichen Intellektuellen Tony Judt vor einigen Jahren die seltene Nervenkrankheit ALS diagnostiziert wurde, entwickelte er noch einmal für wenige Monate eine bemerkenswerte Produktivität. Ihr verdanken wir eine Reihe von Büchern, allen voran Judts politisches „Testament" Ill fares the Land („Dem Land geht es schlecht") und nun, schon nach seinem Tod, die Essaysammlung „Das Chalet der Erinnerungen". Alle diese späten Texte zeichnen sich nicht nur durch etwas eigentümlich Drängendes aus, dass der Autor uns hier noch etwas mitteilen will, während er weiß, dass die Uhr tickt; Judt lässt in diesen Essays, anders als in seinen großen Studien, alle akademische Konvention hinter sich, er ist mehr Erzähler und Schriftsteller als Geschichtsprofessor. Diese packende Eigentümlichkeit erklärt sich - wie diese schier unglaubliche Produktivität in seinen letzten Lebensmonaten generell - nicht zuletzt aus den Umständen, unter denen diese Texte entstanden sind. Während Judt „schreibt", wird sein Körper nach und nach gelähmt, auch wichtige Organfunktionen versagen. So sitzt er, rundum gepflegt, von Maschinen beatmet, tagsüber in seinem Stuhl, nachts liegt er in seinem Bett, Schlaf findet er nur mehr für ein paar Stunden. So formuliert und memoriert er nachts seine Texte, um sie tagsüber zu diktieren. Eine „käferartige Existenz" nennt er das im Essay „Nacht": „Dann liege ich da, eingepackt, kurzsichtig und reglos, wie eine moderne Mumie, allein in meinem Körpergefängnis."

Drecksjournalismus

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Das romafeindliche Ressentiment in Europa nimmt die Form blankester „Aufstachelung zum Rassenhass" an. Ein Schweizer Zeitungscover markiert einen traurigen Tiefpunkt. taz, 11. April 2012.

 

Er sieht aus wie ein Grundschullehrer, der Briefmarken sammelt und noch bei Mama wohnt: Roger Köppel, der „Chefredaktor" und Verleger der Zürcher Weltwoche. In deutschen Talk-Shows ist der nervige Schweizer wenn schon nicht gern, so doch oft gesehener Gast, das einst liberale, weltläufige Wochenblatt hat er innerhalb von zehn Jahren zur rechtspopulistischen und neoliberalen Kampfpostille umgemodelt.

Doch ein solches Cover, wie es die Titelseite der aktuellen „Weltwoche" ziert, hat es in Westeuropa außerhalb der Nazi-Subkultur seit 1945 wohl selten gegeben. „Die Roma kommen", heißt es hier alarmistisch. Darunter: „Familienbetriebe des Verbrechens". All das umrahmt das Foto eines kleinen Jungen, der mit einer (Spielzeug?-)Pistole ins Objektiv des Fotographen zielt. Suggestive Botschaft: bei diesen Zigeunern sind sogar die Vierjährigen schon Gewalttäter und Verbrecher.

Cover dieser Art kennt man aus Jugoslawien in den Jahren 1990ff. Sie waren die publizistische Ouvertüre zu Mord und ethnischen Säuberungen. Der Fall Köppel erhielt eine zusätzliche degoutante Note, wurde doch schnell bekannt, woher dieses Foto stammt: Weder ist es aus der Schweiz, noch zeigt es Roma, die „Raubzüge in die Schweiz" unternehmen. Das Bild des kleinen Jungen stammt aus dem Kosovo, er lebt dort mit seiner Familie in einem Slum am Rande einer Müllhalde im Dreck.

Man kann den Fall dieses einen Covers natürlich für eine unappetitliche Episode halten, die nicht viel mehr ist als eine Anekdote. Und doch ist die Causa mehr als das. Sie ist ein Symptom. Erstens ein Symptom dafür, wie ein Tabubruch den nächsten nach sich zieht, dass hier wie auf einer schiefen Ebene ein zivilisatorischer Standard nach dem nächsten geschliffen wird. Rechtspopulismus ist auch eine Überbietungsstrategie, der Kitzel von arg, ärger, noch ärger. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass eine gerade eben noch respektierte Zeitung in Westeuropa jemals so ein Titelblatt produzieren würde? Wahrscheinlich hätte das nicht einmal Roger Köppel selbst gedacht.

„Freiheit" - ein umkämpfter Begriff

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Die Konservativen haben den Freiheitsbegriff geklaut. Die Progressiven sollten ihn sich zurückholen. Eine etwas gekürzte Variante dieses Essays erschien in der taz vom 24. März 2012

Zugegeben: Ganz neu ist das nicht, dass sich die Priester eines ökonomischen Fundamentalliberalismus als „Kraft der Freiheit" grosstun und den Linken und Progressiven die Punze anhängen wollen, diese seien für Gängelung. Man muss nur „Der Weg zur Knechtschaft" des Wirtschaftsnobelpreisträgers Friedrich von Hayek aus dem Jahr 1944 lesen. Hier beklagt er, nicht zuletzt wegen zaghafter Schritte in Richtung eines Wohlfahrtsstaates in den USA, in Großbritannien und Schweden: „Nur diejenigen, die sich noch an die Zeit vor 1914 erinnern können, wissen, wie eine liberale Welt ausgesehen hat... Schritt für Schritt haben wir jene Freiheit der Wirtschaft aufgegeben, ohne die es persönliche und politische Freiheit in der Vergangenheit nie gegeben hat". Ulkig: Der Räuberbaronkapitalismus vor 1914 war die goldene liberale Welt, Roosevelts „New Deal" die Aufgabe der Freiheit. 

Helfen? Den Pleitegriechen?

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Gesamteuropäische Solidarität wird heftig beschworen. Aber viele Bürger wollen davon nichts mehr hören. Ist Solidarität out? Was ist das überhaupt: Solidarität. taz, 12. November 2011

Unter den Argumenten, die im Zusammenhang mit Schuldenkrise und Eurorettung vorgebracht werden, verfängt eines immer weniger: Dass Hilfen, Kredittranchen, Bürgschaften und Schuldenerlass für die Griechen ein "Akt europäischer Solidarität" seien. Der Boulevard trommelt, die "faulen" Pleitegriechen hätten das nicht verdient. Die Populisten rufen "unser Geld für unsere Leute" und die normalen Bürger murmeln: "Warum soll ich denen helfen, mir hilft ja auch keiner?" Ist also "Solidarität" eine nichtssagende Kategorie geworden?

Was ist "Solidarität" eigentlich? 

Aus Erfahrung klüger

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Renegatentum, mal anders rum: Ein Thatcher-Fan und ein FAZ-Herausgeber bekennen, sie beginnen „zu glauben, dass die Linke recht hat". Und zwar ganz ohne Ideologie, dafür mit viel Realitätssinn. Der Standard, 18. August und taz, 20. August 2011

go left.jpg

Zum 100. Geburtstag Marshal McLuhans fragte mich die taz, was mir zur Berühmtesten seiner berühmten Formeln einfällt:

Uff! Die legendärste aller McLuhan-Zeilen. Rauf und runter rezipiert. Auch noch fünfzig Jahre, nachdem sie geprägt wurde, wird sie in medientheoretisch interessierten Kreisen hinausposaunt, als wäre sie noch eine große Weisheit. Eine dieser, „wie-schon-McLuhan-sagte"-Formeln. Wahrscheinlich ist es diese Zeile, derentwegen ich mich nie für McLuhan interessiert habe. Nicht, dass ich sie für falsch hielte. Eher ist sie einer jener Parolen, die so wahr sind, dass sie schon wieder zu einem Klischee werden. Und sie ist ja, kategorisch verstanden, sowohl falsch als auch wahr. Wahr ist, dass die Kanäle, die Medien, deren Eigenlogik, den Sprechenden an sich anschließen. Die Botschaft macht etwas aus dem, der spricht, er ist nicht Herr seiner Botschaft. Das Medium benutzt ihn, und nicht er allein das Medium. The Media is the Message - ja, eh, wissen wir schon, danke schön! Und in ihrer besserwisserischen Version, verstanden als: „das Medium ist alles, die Botschaft nichts", ist die Formel ja auch ein bisschen falsch. Aber in gewissem Sinn ist sie eine Formel, die sich gegen ihren Urheber richtet, so wie das Frankenstein-Monster, das sich gegen seinen Erschaffer richtet. Denn steckt in dem Formel-, Sloganhaften nicht auch ein performative Bestätigung des Gesagten selbst? Von der Art: „Ich muss einen Einzeiler schaffen, den sich alle Welt merkt." Dann ist die Pointe alles, hinter der der Inhalt der Formel längst verschwunden ist. Was sie sachlich aussagt, wird schnell zum Dekor hinter der Phrase. Steile These, heute etwas flach. Wobei es natürlich ihre geniale Wahrheit ist, die sie zur Banalität macht. 

Der Alte hinterm Berg

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Osama bin Laden - der Mann mit Turban und Zauselbart, im Schneidersitz mit der Kalaschnikow in der Hand. Er war auch eine schräge Pop-Ikone, Produkt unserer Projektionen, eine Kunstfigur. Jetzt ist er tot. taz, 3. Mai 2011

Welch eine Meldung wäre das noch vor sechs, sieben Jahren gewesen - „Osama bin Laden von US-Spezialeinheiten getötet". Heute ist das selbst für Nachrichtenjunkies eine Meldung, die allenfalls mit Interesse aufgenommen wird „...Ach, ja, bin Laden". Die Nachricht von seinem Tod kommt jedenfalls Jahre zu spät, als dass sie noch große Emotionen aufwühlen oder gar weltpolitische Wellen schlagen könnte. Einerseits.

Was haben wir aus unserer Welt gemacht?

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Im Grunde müssen wir die Energieversorgung unserer Gesellschaften komplett neu planen und aufbauen. Solange das nicht geschieht, können wir höchstens zwischen verschiedenen Formen der Katastrophe wählen. taz, 16. März 2011

Paradise lost

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Soll man heute noch den Kommunismus beschwören? Dürfen darf man. Aber besser lässt man es. Denn die Kommunisten von heute leben in einer Welt der unnützen, leeren Imaginationen. taz, 29. Jänner 2011

Wie man Populisten stark macht

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Einen Haider, einen Wilders, einen Strache - kann's die auch in Deutschland geben? Aber klar doch! taz, 17. Dezember 2010

Die Wahrheit ist offenbar nicht zumutbar

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Wie der türkische Botschafter in Wien eine diplomatische Krise auslöste. taz, 12. November 2010.

Klar, diplomatisch waren die Worte, mit denen der türkische Botschafter Kadri Ecvet Tezcan die Anti-Ausländer-Stimmung in Österreich charakterisierte, nicht wirklich. Gewiss auch, ganz den Gepflogenheiten seiner Branche entsprach es nicht, dass er der als „Abschiebeministerin" bekannten Innenministerin Maria Fekter implizit vorhielt, sie würde besser in eine rechtsextreme Partei passen.

Aber dafür haben die starken Sätze, die der türkische Botschafter in Österreich sagte, einen Vorteil: Sie sind alle wahr. Mehr noch: Letztendlich weiß das jeder.

Auf üble Weise manipulativ

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Ein „Time"-Cover mit einer verstümmelten Afghanin heizt die Debatte an: Raus aus Afghanistan oder weiter Krieg führen gegen die Taliban? taz, 7. August 2010

Time Magazine.jpgEs ist eines jener Titelblätter, die man so gemeinhin einen Eye-Catcher nennt - das Cover des aktuellen „Time"-Magazin. Eine junge, hübsche Frau mit abgeschnittener Nase. Daneben die Schlagzeile: What Happens When We Leave Afghanisatan. Ohne Fragezeichen, wohlgemerkt. Die Botschaft ist also ziemlich unverschlüsselt: DAS passiert, wenn wir aus Afghanistan abziehen.

Das ist natürlich eine ziemlich absurde Textierung, als „das" ja vor etwa einem Jahr passiert ist: der 18jährigen Aisha wurden von der Familie ihres Mannes - einem Anhänger der Taliban - Nase und Ohren abgeschnitten, als „Strafe" dafür, dass sie der Tortur, die ihre Ehe darstellte, zu entfliehen versucht hatte. Insofern ließe sich natürlich nüchtern feststellen: das passiert auch, wenn wir NICHT aus Afghanistan abziehen. Das passiert, trotz neun Jahren westlicher Besatzung.

Nach uns die Ölpest!

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Die Katastrophe der „Deepwater Horizon" ist kein Unfall - sondern der High-Risk-Strategie der Süchtigen nach der Droge Öl. Die Welt muss auf Entzug. taz, 2. Juni 2010

 

Mein Beitrag zum deutschen Kirchentag. taz, 14. Mai 2010

Ein Lob dem 1. Mai

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From the Archives. Aus Anlass von 120 Jahre 1. Mai hier ein Essay, den ich 2004 für die taz geschrieben habe:

Ein Lob dem 1. Mai. Mag der "Feiertag des Proletariats" auch zu einem Volksfest geworden sein, so stellt er doch einen Eingriff in den öffentlichen Ablauf des Stadtlebens dar. Er irritierte Routinen und lässt die Ahnung entstehen, dass die Dinge nicht unbedingt so ablaufen müssen, wie sie immer ablaufen.

„Das Oligopol brechen"

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Interview mit Lord Robert Skidelsky: Der britische Wirtschaftshistoriker über die Dummheit der Ökonomen, die Macht der Banken und die Rückkehr von „Meister Keynes". Falter & taz, April 2010

Keynes rockt

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Bücher zur Krise. Robert Skidelsky feiert die „Rückkehr des Meisters" John Maynard Keynes. Und in einem kleinen Buch aus John Kenneth Galbraiths Nachlass wird die ewige Wiederkehr des „finanziellen Schwachsinns" analysiert. taz & Falter, Buchmessenbeilagen, März 2010

 

Hände weg von meiner Paranoia

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Nach dem vereitelten Unterhosenattentat verfällt der Westen wieder in Terrorpanik und Sicherheitswahn, wird gejammert. Aber ist das überhaupt wahr? taz & Standard, 12. Jänner 2010

 

Keine Sonntagsrede

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Das Problem an Obamas Oslo-Rede ist nicht, dass er Krieg als „Notlösung" verteidigte. Sondern dass er das mit falschem Zungenschlag tat. taz, 12. Dezember 2009

 

Auftrumpfendes Gekeppel

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Die Miesepeter fühlen sich bestätigt: Barack Obama ist ein Schönredner, der nichts zustande bringt. Wenn sie sich da bloß nicht schon wieder täuschen. taz, 16. Oktober 2009

Ketchup-Ökonomen

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Paul Krugman und Francis Fukuyama untersuchen den „intellektuellen Kollaps" der zeitgenössischen Wirtschaftswissenschaft. Das „Atlantic Monthly" fragt, wie sich eine Wirtschaftskrise eigentlich anfühlt. taz, 12. Oktober & Falter 14. Oktober 2009 

Einmal Neo, immer Neo.

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Irving Kristol, Godfather der Neokonservativen, ist 89jährig in Washington verstorben. taz, 22. September 2009

 

„Aggressives Betteln"

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Die Roma sind seit jeher die paradigmatischen "fremden Fremden". taz, 16. September 2009

Krise? Welche Krise?

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Eine Katastrophe tritt ein, macht Bumm!, geschieht und ist damit wieder vorbei. Die Krise dagegen ist auch heute noch wie Feinstaub: Man weiß, sie ist da, aber man sieht keine Trümmer. Zum 1. Jahrestag der Lehman-Pleite für die taz, 15. September 2009

 

Money for nothing

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Arcandor ist insolvent, den Chef muss das nicht grämen: der geht nach sechs Monaten im Job mit 15 Millionen Euro heim. Das ist nicht korrupt, sondern normal in einem korrupten System. taz, 2. September 2009

Wohlstand für alle ist möglich

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Peter Bofinger, einer der fünf deutschen „Wirtschaftsweisen", erklärt, warum Ludwig Erhards alte Maxime die richtige Antwort auf die Weltwirtschaftskrise ist. taz, 8. August 2009

Reingefallen

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John Malkovich entreißt den dichtenden Killer Jack Unterweger dem Vergessen. taz, 6. Juli 2009

Habermas als Werbetexter

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taz, 18. Juni 2009

 

Da alles Kommunikation ist, hat derjenige Deutungshoheit, der eingängige Slogans prägt. Jürgen Habermas ist ein solcher Bezeichnungskünstler. „Der Publizist Habermas hat dem Wissenschaftler Habermas immer wieder zu prägnanten Formulierungen verholfen, ohne die in einer Kommunikationsgesellschaft Öffentlichkeit nicht erreicht werden kann", schrieb Detlev Claussen einmal. „Eine Art Schadensabwicklung", „Die neue Unübersichtlichkeit", das sind fast geflügelte Worte geworden, und den „herrschaftsfreien Diskurs", den fordert mancher ein, ohne genau zu wissen, was es mit Habermas' Diskursethik auf sich hat.

 

Noch so eine Habermas-Wendung, die einen regelrechten Siegeszug durch die Essayistik und die Sonntagsreden genommen hat, bis sie beim gepflegten Kneipen-Gespräch angekommen ist: „Kolonialisierung der Lebenswelt." Systemische Medien wie „Geld" oder „Macht" kolonisierten heute die konkreten Lebenswelten, schrieb Habermas. Das ist jetzt auch schon über dreißig Jahre her, und wenn es heute üblich geworden ist, die „Totalökonomisierung der Gesellschaft" zu beklagen, dann kann man das auch als versimpelte Schwundform der Habermasschen Diagnose betrachten. Die Spur dieser „Kolonisierung" hat Habermas schon sehr früh aufgenommen, als er noch ein glühender Anhänger des „frühen" Marx war. Nicht nur die Arbeit sei „entfremdet", Rationalisierungen aller Art seien etwas, das den Bürger und die Bürgerin „mit ‚Entfremdung' überzieht". Heute, 54 Jahre später, klingt das bei ihm so: „Das ganze Programm einer hemmungslosen Unterwerfung der Lebenswelt unter Imperative des Marktes muss auf den Prüfstand."

War's das mit links?

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Ist die Sozialdemokratie ein Auslaufmodell? Drei Gründe für den Absturz der europäischen Linken bei den EU-Wahlen. taz & Standard, 9. Juni 2009

Immer wieder Weimar

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Von der „geglückten Demokratie" zur „gefährdeten Republik": Albrecht von Lucke schlägt Alarm. taz, 23. Mai 2009

Innerlich gelähmt

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Jetzt zahlt die Linkspartei den Preis für die Fusion mit frustrierten, sektiererischen Westlinken. taz, 19. Mai 2009

 

Kapseln für's digitale Suproletariat

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Schriften zu Zeitschriften. „Texte zur Kunst" umkreist das Leben im Neoliberalismus, „dérive" zeigt, wie man in ihm wohnt. taz, 4. Mai 2009

 








Robert Misik
robert@misik.at

Journalist & Sachbuchautor
Lebt & arbeitet in Wien

Alles über Misik »

Liebe Leserinnen,
liebe Leser!

Ich betreibe dieses Blog seit einigen Jahren und ohne allzu intensiver Arbeit daran ist er zu einem der meistgelesenen nichtkommerziellen Online-Formate in Österreich geworden.

Deshalb will ich diesen Blog in den nächsten Monaten mit etwas mehr Engagement hochpimpen, um ihn zu dem führenden progressiven Weblog Österreichs zu machen. Ein bisschen habe ich damit in den vergangenen Wochen schon begonnen.

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  • Katha: @Anon: wieso denn, das hat doch nichts damit zu tun, woher die read more
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