Religiös Gläubige trennen scharf zwischen ihrem Binnendiskurs und dem Außendiskurs. In ihrem Binnendiskurs ist das Kriterium ihres Glaubens die „Wahrheit". Sie glauben, beispielsweise, an Jesus weil Jesus der Erlöser ist. Weil er auferstanden ist. Aber manche Gläubige sind auch intelligente Leute und wissen, dass man mit solchen fragwürdigen Wahrheiten jene, die nicht an sie glauben, kaum hinter dem Ofen hervorholen kann. Für den Außendiskurs mit den Nichtgläubigen haben sie sich ein Argumentationsmuster zurechtgelegt, dessen zentrale Kategorie die der „Nützlichkeit" ist. Es lässt sich so zusammenfassen: Magst Du, Nichtgläubiger, auch die „Wahrheit" des religiösen Glaubenssystems in Frage stellen, musst Du doch zugeben, dass es immerhin nützlich ist, weil es Zusammenhalt unter den Menschen stiftet und sie mit verbindlichen Werten ausstattet.
Der Fluchtpunkt dieses Argumentes: Die Menschen verhalten sich nur moralisch, wenn sie einen Gott über sich wähnen - einen, der sie im Auge behält. So eine Art spirituelle Videoüberwachungskamera. Säkularisierung wird in dieser Perspektive als große Verwirrung gesehen: die Leute würden nicht mehr wissen, wo sie Halt suchen sollen und können Gut von Böse nicht mehr unterscheiden. Aber gibt es dafür Indizien?
Nun, wenn wir uns an die Fakten halten, dann wurden gerade in den vergangenen Jahren viele Böswilligkeiten begangen, weil Menschen meinen, ihr Glaube verlange das von ihnen. Ethnische Säuberungen, 11. September, „Kampf der Kulturen", Mordanschläge auf Abreibungskliniken. Werke von Extremisten, gewiss. Aber wenn wir einigermaßen objektiv sein wollen, dann stellt sich die Sache so dar: Es gab in der Geschichte viele gläubige Menschen, die sich ihres Glaubens wegen gut verhalten haben, aber es gab auch viele Menschen, die sich ihres Glaubens wegen schlecht verhalten haben. Amerikanische Christen etwa haben ihres Glaubens wegen gegen die Sklaverei gekämpft - aber noch viel mehr amerikanische Christen haben mit religiösen Argumenten die Sklaverei legitimiert. Viele Menschen ohne religiösen Glauben haben leidenschaftlich gegen Ungerechtigkeiten gekämpft - aber auch viele Menschen ohne religiösen Glauben haben Ungerechtigkeiten begangen. Dass mehr Religiosität ein mehr an Moralität bedeutet, das ist ein Vorurteil, das durch keine Empirie gedeckt ist. Sind religiöse Gesellschaft moralischere Gesellschaften als relativ agnostische Gesellschaften? Würde jemand behaupten wollen, Sizilien habe ein höheres moralisches Niveau als Schweden? Dass Norwegen moralisch verkommener als Afghanistan ist?
Nun mag es durchaus eine Erosion der Bindekräfte geben, die größere Menschengruppen auf gemeinsame Werte verpflichten. Dies betrifft die einstigen „weltanschaulichen" Lager aber auch nicht mehr als die Kirchen. Dabei ist wohl kaum ein Wachstum der Unmoral zu behaupten, aber die Moral tritt heutzutage gewissermaßen im Plural auf. In differenzierteren Gesellschaften gibt es keine Instanz mehr, die eine Moral für alle verbindlich oktroyieren kann. Insofern gibt es sicher Wertepluralismus. Dass aber dieser Wertepluralismus dazu führe, dass es überhaupt keine kollektive, verbindliche Moral mehr gäbe, das ist ein Irrtum. Wer das glaubt, der versuche einmal sein Kind am hellen Tage auf einem belebten Platz zu verprügeln. Er wird sofort feststellen, dass dies heute ein gesellschaftlich geächtetes Verhalten ist. Und zu dieser Ächtung haben eher fortschrittliche säkulare Kräfte beigetragen als die religiöse Moral.
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Es gibt keine Untersuchungen, ob Religion einen positiven Nettobeitrag liefert – ungeachtet ihres Wahrheitsgehalt. Empfehlenswert dazu die Überlegungen von Daniel Dennet, der eine wissenschaftliche Untersuchung des "Belief in Belief" anregt.
Also ich denke sowas nicht, dass es für mich als Christin Sinn macht, Gott mit der Nützlichkeit zu argumentieren. Du schilderst ja richtigerweise wie ambivalent so eine Argumentation ist. Und es wäre selbst im "Binnendiskurs" ein bisserl billig, wenn Gott als "Lückenbüßer" herhalten müsste.
Vielmehr meine ich, dass die grundlegende Frage nach dem Sinn etwas ganz Existentielles ist, was zum Menschen dazugehört. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was tue ich? Da gibt es kulturell gewachsene Antwortversuche, die mit dem Wort "Gott" verbunden sind, viele Gute aber auch manche Schlechte und auch gar Grausliche. Schon lange haben die christlichen Antwortversuche keinen Alleinvertretungsanspruch mehr - und das ist auch gut so. Ich bin davon überzeugt, dass die Rede von "Gott" jedenfalls die Frage nach einem "Mehr" offen hält, auch gegen die völlige Ökonomisierung es Menschlichen. Das ist mir persönlich etwas sehr Wertvolles und ich verbinde mit der Rede von "Gott" auch einen performativen Anspruch, mich stark für das Gute Leben für alle zu machen. Aber wie Du wäre ich vorsichtig daraus gleich zu schlussfolgern, dass Gläubige die besseren Menschen sind. Lange Rede, kurzer Sinn: Meine Erfahrung aus meinem Theologiestudium ist, dass heutige Theologie die Sache viel komplexer sieht als du es darstellst.
Wenn ich so etwas lese meine ich manchmal ich lebe in einer anderen Welt.
Ich will gar nicht davon anfangen wie viele Videos ich in letzter Zeit gesehen habe wo Menschen auf öffentlichen Plätzen halb oder ganz zu Tode geprügelt wurden.
Ich frage mich lediglich woher Ihr "alt 68'er" diese Hochmut nehmt Eure Werte wären soooo viel moralischer.
Wie begründet ihr diese? Wer hat Euch zu Göttern ernannt?
Wieso ist jemand der eine Abtreibungsklinik in die Luft sprengt moralisch verwerflicher als der der die Abtreibung durchführt?
Wieso sollte Sizilien, wo eine Minderheit die Mehrheit terrorisiert, moralisch verwerflicher sein als Schweden mit seiner Scheidungsrate von über 50%?
Und wo hat der Säkularisierungsprozess, angesichts des schrecklichen 20. Jahrhunderts, irgend einen Vorteil erbracht? Weil 20 Jahre lang mal keiner an der innerdeutschen Grenze erschossen wird und man 60 Jahre lang pause von Weltkriegen genommen hat?
Und - 'last but not least' - wird die Frage gar nicht geklärt ob es eine Moral ohne Gott gäbe, sondern schlicht darauf herumgeritten, dass auch Gläubige Fehler machen.
Solche Nebelkerzen zu Verschleierung sind das Übliche.
Wer keine Antwort hat kann zumindest die Antworten anderer schlecht reden. :-|
Ernsthaft, deine Argumentation ist wirklich weitgehend sinnfrei. Mir erschließt sich nicht einmal, was deine Beispiele überhaupt meinen sollen. Aber, sollte ich das richtig verstanden haben (was keineswegs sicher ist), und du meinst, der Säkularisierungsprozess sei dafür verantwortlich, dass wir seit 60 Jahren keinen Krieg erleben mussten, was sollte daran denn nicht außerordentlich positiv sein?