Der Oxforder Theologieprofessor Alister McGrath hat mit „Der Atheismus-Wahn“ eine kluge Antwort auf Richard Dawkins „Gottes-Wahn“ geschrieben. Darin zeigt sich das Christentum in all seiner Milde. Fragt sich nur, wozu man es braucht. taz, 12. April 2008
Die Retourkutsche kopiert die aggressiven Sonnenstrahlen des Originals und auch den knalligen Titel: „Der Atheismus-Wahn“, prangt auf dem Titelblatt. Es soll eine Antwort auf Richard Dawkins „atheistischen Fundamentalismus“ sein. Der Evolutionsbiologe hatte sich ja mit seiner dicken Kampfschrift „Der Gotteswahn“ zum unangefochtenen Hohepriester des „Neuen Atheismus“ aufgeschwungen. Gottes Bodenpersonal kann das natürlich nicht unwidersprochen lassen.
Nimmt man das kleine Pro-Gott-Pamphlet zur Hand, das der Oxforder Theologieprofessor Alister McGrath (mit Hilfe seiner Frau Joanna Colligcutt-McGrath) verfasst hat, ist man somit auf das Schlimmste gefasst – auf Fundi-Eiferertum härtester Sorte. Aber man ist dann schnell positiv überrascht: McGrath ist ein bedächtiger, kluger Gläubiger, der seine Religiosität vernünftig zu begründen versucht. Und der die vielen verletzlichen Stellen, die ihm Dawkins Argumentation bietet, geschickt ausnützt.
Denn vor allem Dawkins naturalistischer Szientifismus bietet Angriffspunkte genug. „Wissenschaftlich“ ist für ihn ja nur, was den Verifizierungs-Falsifizierungs-Kategorien der experimentalen Naturwissenschaften entspricht. Auf Geistes-, Gesellschafts- und Humanwissenschaften angewandt, hat das schnell etwas sehr Bemühtes. Man könnte sogar sagen, Dawkins „glaubt“ an die Naturwissenschaften wie andere an Gott, wenn wir unter „Glauben“ salopp eine gewisse Engstirnigkeit verstehen wollen. McGrath versteht es daher, geschickt so zu argumentieren, dass er als Gläubiger allen vernünftigen Abwägungen offen, Dawkins dagegen als rechthaberisch erscheint. In der Folge zeiht er seinen Antipoden des „atheistischen Fundamentalismus’“.
Nun hat Dawkins freilich noch niemanden gesteinigt, auch hat noch kein Naturwissenschaftler bei allen Fragwürdigkeiten des Positivismus wegen seiner Theorien Glaubenskriege vom Zaun gebrochen. Aber auch aus einem anderen Grund geht der Hohn gegen die szientifischen Anti-Gottes-„Beweise“ etwas ins Leere. In seinem milden Christenton gesteht McGrath zu, dass es für die Existenz Gottes keine „Beweise“ gibt, auch wenn Millionen Menschen das Transzendente „spüren“. Nur, so McGrath, gäbe es auch für die Nicht-Existenz Gottes keine Beweise. Das ist an sich formal richtig, aber es ist doch ein Unterschied, ob man an etwas glaubt, für dessen Existenz es weder Evidenzen noch Probabilitäten gibt, oder ob man annimmt, wenn es für etwas weder Evidenzen noch Probabilitäten gibt, dann liege nahe, dass es auch nicht existiert. Mit Verlaub: An Gott zu glauben ist schon eine Torheit größeren Ausmaßes als nicht an ihn zu glauben.
So geht es weiter mit McGraths Milde: Gott dürfte man sich nicht anthropomorph als Schöpfergott mit humanoiden Eigenschaften vorstellen, die Religionen können zwar Eiferertum nach sich ziehen, aber als lebendiger Glaube bieten sie den Menschen Halt, und überhaupt: hätten sie nicht auch viele positive Seiten, wäre doch gar nicht einsehbar, warum sie sich so hartnäckig halten, argumentiert der Theologe. All dies ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Nicht alles, was es seit langem gibt, hat deshalb schon seine positiven Seiten – Patriarchalismus, die Sklaverei, Mord und Totschlag gibt es auch schon lange. Und dass der Gott, den die neueste liberale Theologie präsentiert, dieser Gott, der wie Feinstaub oder Bakterien überall und nirgends ist und der sich prima mit allem versöhnen lässt (auch mit der Evolutionstheorie), sich mit den Gottesbildern aller bisherigen Menschengenerationen schlägt, ist zwar erfreulich, sollte aber auch zu denken geben: dieses moderne Christentum verhält sich zu allen bisherigen Gottesvorstellungen selbst „atheistisch“. Auch den Feinstaub-Gott zu vergessen wäre da nur mehr ein letzter Schritt.
Alister McGrat (Mit Joanna CollicuttMcGrath): Der Atheismus-Wahn. Eine Antwort auf Richard Dawkins und den atheistischen Fundamentalismus. Gerth-Medien-Verlag, München, 2007. 149 Seiten, 9,95.- Euro
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Hi Robert Misik,
du hast unsere kleinen braunen Freunde verärgert, oder besser überfordert soviel Text verstehen die nämlich nicht. Die brauchen Bildzeitung. Drei Worte Schlagzeile.
http://fact-fiction.net/?p=405
Mir hat der Artikel übrigens sehr gut gefallen.
ok, also der sprung von "keine beweise" zu "weder Evidenzen noch Probabilitäten" ist erneut drin.
und warum sollte es eine torheit sein, an einen gütigen Gott zu glauben, dessen existenz das universum, das leben und den ganzen rest erklärt UND ein schönes leben nach dem tod verspricht, anstatt an die sinnlosigkeit des lebens?
wenn die oder der gläubige recht hat, landet sie bzw er im paradies.
wenn atheistinnen und atheisten recht haben, sterben sie einfach.
wägen Sie mal ab, ganz vorurteilesfrei...
p.s. @jochen hoff; ich kenne Ihre kleinen braunen freunde nicht, aber mir deucht, die farbe wurde etwas flott gewählt.
das klingt sehr interessant. besonders dieser punkt: