Kulturkampf, abgesagt

Eine FPÖ-Politikerin provoziert die Muslime. Die reagieren gelassen. Wunderbar. taz, 15 Jänner 2008
 

Die Frau war bis vor ein paar Tagen unbekannt, jetzt hat sie ihre 15 Minuten an Berühmtheit: Susanne Winter, Spitzenkandidatin der rechten „Verhetzungspartei FPÖ“ (Der Standard) für die Gemeinderatswahlen in Graz, ist über die Muslime hergezogen. Deren Prophet Mohammed sei nach heutigen Maßstäben ein „Kinderschänder“ (wegen dessen Lieblingsfrau Aischa, die er möglicherweise noch im Kindesalter geheiratet hat), außerdem habe er den Koran während „epileptischer Anfälle“ geschrieben. Das hat, wie ja wohl auch Kalkül war, ausgereicht für fette Schlagzeilen. Aber reicht es auch für eingeschlagene Fensterscheiben und brennende Botschaften wie beim Karikaturenstreit?

Eher nicht. Denn das Bemerkenswerteste an der gegenwärtigen Aufregung ist das Verhalten der österreichischen Muslime. Omar al-Rawi, Integrationsbeauftragter der Islamischen Gemeinschaft, sagte in einer spontanen Reaktion, die Wähler würden dies zu würdigen wissen. Imam Mouhanad Khorchide erklärte, man dürfe der FPÖ „nicht den Gefallen machen, sich aufzuregen“. Carla Amina Baghajati, Sprecherin die Islamischen Gemeinschaft, forderte eine „vernünftige, konstruktive Diskussion“ und Tarafa Baghajati, der umtriebige Vormann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen kündigte gar eine „Charmeoffensive“ an – offene Moscheen und ganz viel Dialog. Das offizielle Österreich ließ seine Muslime auch nicht allein. „Absolut inakzeptabel“ seien Winters Sprüche, so Bundespräsident Heinz Fischer, und Kanzler Alfred Gusenbauer sagte beim Festakt zum einjährigen Regierungsjubiläum: „Niemand hat das Recht, andere zu beleidigen.“ An dieser Stelle erhielt er den mit Abstand längsten Applaus. Die evangelische Kirche zeigte Susanne Winter wegen Volksverhetzung an.

Diesmal wird der Clash of Civilizations also mit vertauschten Rollen gespielt. Xenophobe fundamentalistische Wirrköpfe auf der einen Seite, die Muslime dagegen auf der Seite der Vernunft und des friedlichen Dialogs. Und nahezu das gesamte offizielle Österreich erklärt Frau Winter zum politischen Paria. Wunderbar, eigentlich. Liefe es immer so, der Kampf der Kulturen würde glatt ausfallen.



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1 Comment


Lieber Hr. Misik,

trotz der tollen Reaktion von offiziller islamischer Seite, finde ich es äußerst beunruhigend, welche Auswirkungen, angesichts des Drohvideos auf youtube, Meinungen, wenn auch hirnrissige, mittlerweile haben können. Oder würden Sie die Aussagen von Winter nicht als Meinung bezeichnen?

Eine neue Debatte über Meinungsfreiheit in Zeiten von Web 2.0, wiederentdeckter Sehnsucht nach sinnstiftenden Institutionen und neuen neoliberalen Ausgrenzungen wäre meiner Meinung nach fällig. Vor allem um das ganze Thema nicht der rechten Seite zu überlassen (Irving, ...).

Liebe Grüße, den videoblog finde ich übrigens toll

Georg

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Robert Misik
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Journalist & Sachbuchautor
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