Eben bin ich nach zwei Monaten Landaufenthalt wieder in die Stadt zurückgekehrt. Acht Wochen habe ich in meinem Landhaus im Waldviertel, einem recht idyllischen Landstrich nördlich von Wien, verbracht. Ich habe das alte Bauernhaus vor ein paar Jahren in verfallenem Zustand gekauft und renoviert. Neuerdings habe ich mir auch einen Gemüsegarten gebaut, mit Lattenzaun ringsum, und den ersten Ruccola, Erd- und Himbeeren gepflanzt. Ich verbringe soviel Zeit da drin, dass mein kleiner Sohn das Gärtlein schon "Papa-Käfig" nennt. Keine Sorge: Ich bin nicht total verrückt geworden, und ich denke auch nicht, dass ich in all dem Grün endgültig verblöde. Im Gegenteil: Ich mache mir darin so meine Gedanken über die kulturelle Konstruktion "Natur". Ich bin dabei nur, gewissermaßen, so nahe wie möglich an meinem Gegenstand.
Und während sich die Bauern amerikanische Fernsehserien reinziehen, liest der Städter in - amerikanischen - Büchern wie John Seymours "Das neue Buch vom Leben auf dem Lande", in dem es viele praktische Tips und Anleitungen für alte Handgriffe gibt. Solche Bücher sind übrigens verdammt teuer: Auch die Flucht aus der kalten Kommerzwelt der städtischen Agglomerationen ist keineswegs zum Nulltarif zu haben.
Die paar Bauern, die beispielsweise noch so das Brot backen wie zu Großmutters Zeiten, tun das natürlich meist einzig darum, damit die Städter etwas zum Sehen haben.
Natur ist also eine sentimentale Fata Morgana, die Stadtflucht ist eine illusionäre Flucht aus der Entfremdung in eine "Echtheit", die selbst ein Fake ist, die also der Entfremdung, der sie zu fliehen versucht, nie entkommt. Die Sehnsucht nach Echtheit sucht sich, das ist eine der großen Konstanten der Postmoderne, immer die Spur irgendeiner versunkenen Welt, auf der sie sich zu realisieren erhofft.
Das weiß ich natürlich, aber dieses Wissen vergällt mir die Freude im Gemüsegarten keineswegs. Denn ohnehin gäbe es kaum eine Möglichkeit, der falschen Echtheit zu entkommen. Auch in der Stadt begegnet man auf Schritt und Tritt ziemlich ähnlichen Paradoxien. Man nehme nur die Parzellen der hippen Kulturwirtschaft, die sich in heruntergekommenen Stadtviertel oder in verfallenden Fabrikkomplexen einnisten. Auf dem ersten Blick ist diese Kulturwirtschaft der Versuch, sich gegen die grelle Kommerzialität und die Glätte polierter postmoderner Urbanität zu stemmen. Aber die von Spuren progressiven Zerfalls gezeichneten Areale werden sofort "in coole Infrastrukturen umfunktioniert" (Jakob Tanner) und so im Handumdrehen wieder Teil spätkapitalistischer Verwertungslogik, bei der es ja immer weniger um den Verkauf von Gütern und immer mehr um den Verkauf von Lebensgefühl geht. Schließlich ist ja auch die Subkultur ein Standortfaktor: dass "etwas los ist" in einer Stadt ist für Investitionen relevant, für den Tourismus ohnehin.
Aus den Trümmern der verfallenden Moderne wächst der postmoderne Retro-Chik. Die Postmoderne produziert postmoderne Menschen, die in schäbigen Clubs abtanzen. Die kaufen sich dann ihre Klamotten in hippen Boutiquen, deren Betreiber viel Arbeit darin investieren, dass der Verputz auch cool abblättert und die aussehen, als wären sie direkt einem französischen Film aus dem fünfziger Jahren entsprungen. Mode Retro nennen das die Franzosen, glaube ich.
Man sollte wirklich eine Theorie des Schäbigen, Verfallenen, des Zerfalls schreiben. Ich denke, im blätternden Kalkputz der Bauernhäuser und in den Ruinenlandschaften der Kulturwirtschaft erhoffen wir das Andere des heutigen Kapitalismus zu erblicken, eine Hoffnung, in der dieser Kapitalismus wiederum nichts anderes als einen Markt sieht.
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Der Anfang des Textes hatte mich, als ich durch die Kategorie "Theorie" browste, neugierig gemacht -- und (neben dem Neid auf das schöne Leben) frage ich mich jetzt theorietechnisch, ob nicht auch die argumentative Widerlegung letztlich davon ausgeht, dass natürlich = ländlich = authentisch = idyllisch sein muss; dass es jedenfalls notwendig erscheint, sich davon so explizit und ausführlich zu distanzieren? Wo doch eigentlich "schon immer" im Ländlichen das Moment der Domestizierung der Wildnis mitschwingt, und im authentisch-idyllisch-natürlichen eher der Lob der Wildnis (bzw. des nicht besonders effizienten, aber "schönen" Gemüsegartens). Geht es um echte oder falsche Echtheit -- oder geht es beim Erlebnis Gemüsegarten nicht eher um Kontexte und Situationen, in denen plötzlich sehr viel mehr "eigensinnige" Akteure (das Unkraut etc.) auftauchen? Ich meine damit, dass die Qualität der Situation sich dadurch verändert, dass ein Moment der Unberechenbarkeit hineinkommt -- Menschen sind zwar per se unberechenbar, aber von Akteuren, die keine Menschen sind, ist "der Städter", wenn es denn nicht um technisches Versagen geht, eher "Gehorsam" gewöhnt, also das Erfüllen von Erwartungen. Wieviel Verlass ist auf die Erdbeeren und das Wetter?