Alles bricht zusammen. Und ich bin mittendrin! taz, theoriekolumne, 3. 3. 2009
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Soll ich Obama oder McCain wählen? Nehm' ich ein Hühnchenragout oder einen Teller Scheiße mit Glasscherben? taz, 4. November 2008
Grüne Welle oder: Wie ich einmal an der Spitze des Fortschritts kurvte.
theorie & technik, die taz-kolumne. 4. September 2007
Über die narrtive Konstruktion des "Ich". Theorie & Technik, die taz-kolumne, 8. Mai 07
theorie & technik, die taz-kolumne. 6. März 2006
Früher hießen sie Stars, noch früher Berühmtheiten, doch das Wort der Stunde ist „Celebrities“. Celebrities, dass sind die, die jeder kennt, und weil sie jeder kennt, machen wir täglich auf’s Neue ihre Bekanntschaft. Weil ihr Grad an Bekanntheit so groß ist, dass offenbar eine ausreichende Menge an Menschen das Bekannte immer wieder lesen wollen, gibt es Zeitschriften wie „Vanity Fair“: Hochglanzpostillen, die einerseits Celebrities zu Celebrities machen, andererseits deren Celebritytum sekundär ausbeuten. Die Stars leben vom Medium, das ihr Star-Sein verbürgt, das Medium lebt von den Stars. Beide leben ganz gut voneinander.
Heute möchte ich mir einen nervigen Typen vornehmen: Gott.
theorie & technik, die tazkolumne, 7. November 2006
Eben bin ich nach zwei Monaten Landaufenthalt wieder in die Stadt zurückgekehrt. Acht Wochen habe ich in meinem Landhaus im Waldviertel, einem recht idyllischen Landstrich nördlich von Wien, verbracht. Ich habe das alte Bauernhaus vor ein paar Jahren in verfallenem Zustand gekauft und renoviert. Neuerdings habe ich mir auch einen Gemüsegarten gebaut, mit Lattenzaun ringsum, und den ersten Ruccola, Erd- und Himbeeren gepflanzt. Ich verbringe soviel Zeit da drin, dass mein kleiner Sohn das Gärtlein schon "Papa-Käfig" nennt. Keine Sorge: Ich bin nicht total verrückt geworden, und ich denke auch nicht, dass ich in all dem Grün endgültig verblöde. Im Gegenteil: Ich mache mir darin so meine Gedanken über die kulturelle Konstruktion "Natur". Ich bin dabei nur, gewissermaßen, so nahe wie möglich an meinem Gegenstand.
Wir erleben einen Aufschwung der Glücksforschung. Das hat natürlich mit Fortschritten der neurologischen Wissenschaften zu tun - dem Umstand etwa, dass man Glücksempfinden heutzutage exakt messen kann. Aber nicht nur. Die eigentliche Ursache ist der Niedergang der Großutopien, der wiederum eine seltsame Bewegung auslöste. Die Großutopien versprachen Emanzipation und mussten sich um lächerliche persönliche Emotionen wie das Glücksgefühl nicht scheren.
„Ich schlief gerne mit April“, berichtet Jolo, der Protagonist aus Joachim Lottmanns Pop-Roman „Die Jugend von heute“ über die sexuelle Routine mit seiner Freundin, „auch wenn jede Bewegung, jede Geste, jede Sekunde von der Werbung und von den Medien vereinnahmt war und somit nicht mehr mir gehörte. Ich lieh diese Stunden von der Werbung, und sie gefielen mir trotzdem.“ Eine schöne Sentenz, in der anklingt, wie unsere Gefühlswelt von der Kommerzwelt überwuchert wird. Die Theoretikerin Eva Illouz formulierte nämlichen Sachverhalt einmal so: „Viele Menschen würden sich niemals verlieben, wenn sie nicht so viel davon gehört hätten.“
Wie wir unsere Gegenwart beurteilen, hängt davon ab, welche vorbewußten Ideen wir von der Zukunft haben.
Das Buch der einstigen Berliner Kultursenatorin und Hauptstadtkultur-Kuratorin Adrienne Goehler über die „Kulturgesellschaft“ („Verflüssigungen“, Campus Verlag), taz-Lesern ob eines ausführlichen Vorabdruckes an dieser Stelle vielleicht vertraut, ist in verschiedener Hinsicht bemerkenswert. Ich will darum nur auf ein regelrecht frappierend-symptomatisches Moment hinweisen. Goehlers Kernbotschaft lautet ja, erfolgreiche Gesellschaften – und das heißt heute: ökonomisch erfolgreiche Gesellschaften – müssen den Künsten einen höheren Stellenwert einräumen. Aus verschiedenen Gründen: Die Künstler sind die Avantgarde. Sie arbeiten immer schon auf eigene Rechnung, waren immer schon Unternehmer ihrer selbst. Von ihnen kann man auch lernen, die Prekarität auszuhalten. Die kreative Klasse im weitesten Sinn hat längst auch wirtschaftlich ein bedeutendes Gewicht.
Da tut sich die Kulturtheorie mit ihrem Lob der Differenz schwer.
Nichts ist in den vergangenen fünfzehn, zwanzig Jahren mehr aus der Mode gekommen als die Gleichheit.
Mein größerer Sohn ist jetzt in dem Alter, in dem man Erfinder werden will, aber neuerdings schwer frustriert, weil überzeugt: Alles, was er erfinden könnte, ist schon erfunden. Der Einwand, dass er von den Dingen, die schon erfunden sind, weiß, wohingegen er von jenen, die noch nicht erfunden sind, nichts wissen kann, vermag seine schlechte Laune nicht wirklich zu heben.
Es gibt einen anti-französischen Affekt. In Amerika ist er sehr verbreitet. Dort dachten sich die Wahlhelfer von George W. Bush beispielsweise, sie würden dem rivalisierenden Kandidaten am ehesten schaden, wenn sie in Umlauf brächten, John F. Kerry "sieht französisch aus". Aber diese Aversion gegen das Französische zieht viel weitere Kreise. Nach vier Jahrzehnten Strukturalismus, Poststrukturalismus, Postmodernismus geht manchen schon die Galle hoch, wenn das Wort "Theorie" fällt und dann dauert es meist nicht lange, bis ein herablassendes Wort über "die Franzosen" folgt.
Wenn man mittendrinsteckt, erscheint es einem ja fast wie selbstverständlich, im Grunde ist es aber höchst erstaunlich, dass in den vergangenen Jahren Theoriecommunities und Protestmilieus wieder eng zusammengewachsen sind.
theorie & technik - die kolumne aus der taz
Vor einigen Jahren wohnte ich einer Diskussionsveranstaltung an der Humboldt-Universität bei. Irgendwann meldete sich ein in Berlin berühmter Philosoph zu Wort, der beklagte, die Sachzwänge der Globalisierung würden wie das Gesetz der Schwerkraft behandelt. Dabei, so wandte er ein, zwinge ihn doch auch dieses nicht dazu, „dass ich meine Uhr zu Boden fallen lasse“.
Vielleicht war das der Augenblick, in dem ich meinen an Bewunderung grenzenden Respekt vor berühmten Philosophen verloren habe.





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